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Wie ich lernte, das Wiener Kaffeehaus zu lieben

18.12.2014

Ein Ausflug nach Istanbul mit einem Abstecher nach London bringt überraschende Erkenntnisse über die Wichtigkeit von Kaffee und warum wir ihn trinken bzw. wie wir ihn trinken.

Meinl hat im ehemaligen Istanbuler Hafenbezirk Karaköy ein Lokal eröffnet. Mit unzähligen alten Werbeschildern und Wiener Melange – natürlich auch im To-go-Becher.
Süßes Fastfood auf Türkisch: Baklava- Lokale gibt es in Istanbul an jeder Ecke.

Text: Thomas Askan Vierich

 

Die Türken haben den Kaffee nach Wien gebracht. Eigentlich wollten sie uns damals ihre gesamte osmanische Kultur aufdrängen, sind damit aber militärisch wiederholt gescheitert. Aber den Kaffee haben die Wiener gern genommen, als sie angeblich ein paar Säcke auf den Schlachtfeldern der Zweiten Türkenbelagerung fanden. Der erste Cafetier in der katholisch gebliebenen Stadt in der Rotenturmstraße 14 war 1685 der in Istanbul geborene Armenier Owanes Astouatzatur. Ich koche mir heute noch meinen Kaffee am liebsten „türkisch“, das heißt, im Ibrik mindestens fünfmal aufgekocht, gerne auch mit äthiopischen Gewürzen verfeinert. Damit habe ich dann glücklich zwei uralte Kaffeetraditionen vereint.

 

European Coffee Symposion
Nun erreichte die Redaktion der ÖGZ die Nachricht, dass das Allegra European Coffee Symposion heuer in Istanbul stattfindet. Gelegenheit die gute alte türkische Kaffeehaustradition an ihrem Ursprungsort zu studieren. Doch große Überraschung: Es gibt in Istanbul und in der ganzen Türkei keine Kaffeekultur. Zumindest öffentlich. Die Türken sind Teetrinker, sogar weltweit führend im Teekonsum, noch vor den Briten. Ihr Cay hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Er bringt die Leute zusammen. Zumindest die Männer. Kaffee wird in der Türkei fast nur zu Hause gekocht, dann von den Frauen.

Trotzdem boomt der Kaffee seit einigen Jahren in der Türkei, vor allem in Istanbul. Im letzten Jahr hat sich die Zahl der gebrandeten Coffeeshops in Istanbul verdoppelt, während in Deutschland der Coffeeshopmarkt ein schrumpfender ist. In Österreich ist er zuletzt von 304 Coffeeshops zart auf 327 angestiegen. Europaweit gibt es aktuell 15.626 Coffeeshops, Wachstumsrate 4,6 Prozent, 2020 will man 20.000 gebrandete Geschäfte haben.

 

Coffeeshop ist kein Kaffeehaus
Wohlgemerkt, wir sprechen hier von durchdesignten modernen Coffeeshops, in erster Linie betrieben von großen Ketten: Starbucks (USA), Costa (UK), Nero (UK), Joe & The Juice (DK), Coffeeshop Company. Von denen, bis auf die letzte – bekanntlich eine einheimische Kette, die mittlerweile sehr global agiert –, die meisten in Österreich einen schweren bis gar keinen Stand haben. Costa, Nero und Joe haben es gar nicht erst bei uns versucht. Starbucks ist europaweit auf dem Rückzug. Achilleas Lazarou, leitender Mitarbeiter einer ebenfalls global agierenden griechischen Kaffeekette (Coffee Island) erklärt das damit, dass es Starbucks versäumt habe, in Europa auf lokale Gepflogenheiten einzugehen. Sogar aus ihrer ehemaligen europäischen Hochburg London sind sie so gut wie verschwunden. Hier regieren die Platzhirsche Costa und Nero.

 

New American Way of Life
Dafür erobert Starbucks jetzt mit seiner amerikanischen, italienisch inspirierten Kaffeekultur Asien und Afrika im Sturm. Die dortige, dem westlichen Lebensstil aufgeschlossene Mittelklasse mag diesen neuen American Way of Life, der sich gerne auch „organic“ oder „artisian“ präsentiert, das heißt mit „handgemachtem“ Kaffee, vor Ort geröstet, bio und fair gehandelt. Auch die modernen Istanbuler mögen das. Vermutlich sieht das ihr weniger westlich aufgeschlossener Staatspräsident nicht so gern, aber gegen Starbucks und Co ist sogar er machtlos. Zudem: Kaffee ist Big Business, da möchte auch Erdogan nicht im Weg stehen. Vieles läuft bei den Ketten über Franchise oder Joint Venture, da können also seine Landsleute mitverdienen.

Je mehr über Kaffee geredet wird, je mehr Kaffee zum neuen Wein, zu einem Gourmetprodukt, zu einem jungen Lifestyle hochgejubelt wird, desto besser laufen die Geschäfte. Das gilt auch für Österreich. Auf dem Coffeesymposion durften Abgesandte der großen Ketten von ihren hochmotivierten Mitarbeitern und ihren geradezu enthusiasmierten Kunden schwärmen, die sie sogar via soziale Medien verteidigen, wenn sie mal wieder angepatzt werden, weil sie irgendwo keine Steuern zahlen oder gegen soziale Mindestauflagen in den kaffeeexportierenden Ländern verstoßen.

Mit einem durchschlagenden Coffeshopkonzept (laut, schrill und sehr jung: Joe & The Juice, stylisch bis gemütlich: Starbucks und viele andere) kann man praktisch über Nacht reich werden. Der Aus-tralier Ross Quail fing vor vier Jahren mit einem Coffeeshop (St. Ali) an, heute ist er der Chef einer global agierenden Kette. „It’s all about the cash!“, ruft er den anwesenden Kaffeehausbetreibern aus aller Welt zu, die auch davon träumen so viel Cash zu machen und deshalb für zwei Kongresstage mehr als 1.000 Euro berappen – ohne Hotel und Flug.

 

Die Coffeeshop-Experience
Habe ich eben Kaffeehaus geschrieben? Das war ein Versehen ... Denn das Kaffeehaus Wiener Prägung kennen diese Leute nicht, vermutlich wollen sie es auch gar nicht kennen. Was? In Wien sitzen Menschen stundenlang vor einer Tasse Kaffee, die keinen englischen oder italienischen Namen trägt? Ohne dass jemand den Namen des Kunden auf einen Pappbecher schreibt? Niemand nimmt seinen Kaffee mit auf die Straße oder ins Büro? Damit kann man doch nichts verdienen, viel zu behäbig.
Man braucht heute die „Coffeeshop-Experience“! In einem Coffeehaus internationalen, besser anglo-amerikanischen Zuschnitts muss alles schnell gehen. Wenn sich die Leute schon hinsetzen, dann drängen wir ihnen was zu essen auf: Cheesecake, Brownies und Co bieten sie alle an. WiFi bekommen Gäste gratis, weil wir sie online am besten an unsere Marke binden können. Alle Kellnerinnen und Baristas tragen ein T-Shirt mit unserem Logo. Das prangt auch auf jeder Tasse und jedem Teller, Branding heißt in dieser Welt das Zauberwort.

Alles mehr oder wenig unvorstellbar in einem „altmodischen“ Kaffeehaus, in dem mancherorts sogar noch geraucht werden darf und keiner weiß, was decaf oder Sojamilch ist. Selbst die wenigen unabhängigen Coffeehouses, die es auch in Istanbul oder London gibt, stehen auf Branding. Aber in England machen sie das wenigstens mit jeder Menge Selbstironie.

 

Sinnsuche mit Kaffee
Anderseits hat der Kaffee im ehemaligen Teetrinker-Land (Tee trinkt man in UK praktisch nur noch zu Hause, wenn keiner zusieht) einen ganz anderen Stellenwert als bei uns: „The world is a safer place once I have a coffee in my hand“, sind so aktuelle britische Sprüche, die sich wahrscheinlich Nero oder Costa ausgedacht haben. Aber die Kundschaft glaubt es, überall sieht man Menschen auf der Straße mit einem Kaffee in der Hand. Oft ersetzt der die Mittagspause oder das Frühstück. In UK gibt es sogar schon Kästen, in denen man seinen Kaffee durch den sehr strengen Securitycheck bringen kann. Coffee nonstop.

Nach zwei Tagen amerikanisiertem Business-talk über Kaffee verspürte ich große Lust auf nicht-dauergrinsende Keller über dreißig, auf Kaffee ohne Haselnussgeschmack, auf eine ganz normale Wiener Melange, dazu eine oder mehrere Qualitätszeitungen. Davon ist in diesen schnelldrehenden Coffeshops der Ketten natürlich keine Rede, bei Joe & The Juice habe ich immerhin gefakte Bücherregale gesehen. Allerdings: Die kleinen Unabhängigen bieten Lektüre an. In Istanbul habe ich sogar ein Café mit gut bestückter mehrsprachiger Gratisbibliothek gefunden. Und übrigens auch ein neu eröffnetes Café von Julius Meinl. Die treten in Istanbul auch gnadenlos durchgebrandet auf. Das große Meinl-Lokal Karabatak befindet sich in Karaköy, einem gerade gnadenlos gentrifizierten ehemaligen Hafenbezirk. Das Karabatak wirkt wie ein Museum mit unzähligen alten Meinl-Werbeschildern an der Wand. Es gibt sogar eine Wiener Melange! Natürlich auch im To-go-Becher.

 

Kaffee-Kult
Von Zeitungen keine Spur. Trotzdem kein schlechtes Café. Nur leider wirkt die Patina trotz des uralten Hauses aufgesetzt. Wie überhaupt der ganze Kult um Kaffee langsam etwas nervt. Ein hohes Tier von Shell schwärmte in Istanbul von seinem Kaffeeangebot auf Tankstellen: „Coffee is the new pe-trol!“ Wer zwei Euro für einen Espresso – in London kostet er teilweise umgerechnet drei Euro – verlangen will, muss eine Geschichte mitliefern, die das schwarze Getränk wertvoll macht. Einfach nur italienisch reicht nicht mehr. In Italien bekommt man ihn im Stehen immer noch für einen Euro. Und er schmeckt ganz wunderbar.
Womit nichts dagegen gesagt sein soll, dass hiesige Kaffeehausbetreiber nicht auch mal etwas an ihrer Kaffeequalität machen könnten. Sie müssen ja nicht gleich handgepflückten, kaltgefilterten Kaffee aus einer winzigen guatemaltekischen, möglichst kommunistischen Plantage anbieten. Guter Kaffee, entspannt serviert, reicht vollkommen.

Autor:
Redaktion.OEGZ
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