Direkt zum Inhalt
Peter Androsch ist geschäftsführenden Gesellschafter von A.C.I.C. und Vorstandsmitglied beim internationalen Kreditversicherungsmaklerverband BARDO

„Fleischbetriebe spekulieren gerne"

18.09.2019
Peter Androsch berät zahlreiche Big Player aus der Fleischwirtschaft bei der Absicherung ihrer Lieferforderungen. Im Interview prognostiziert er, dass die Großen künftig noch größer werden. Grund dafür sei ein Trugschluss einiger Kleinbetriebe.

 

Jeden Tag schlittern in Österreich im Schnitt mehr als 13 Unternehmen in die Pleite. Betroffen sind in der Regel viele kleine bis hin zu mittelgroßen Unternehmen, auch wenn es meist nur spektaku­läre Großpleiten in die Schlagzeilen schaf­fen. Peter Androsch ist Geschäftsführer von Österreischs führendem Kreditversiche­rungsmakler A.C.I.C – er berät zahlreiche Big Player aus der Fleischwirtschaft bei der Absicherung ihrer Lieferforderungen. Fleisch & Co traf den erfahrenen Geschäfts­ mann zum interessanten Interview.

Sie helfen Unternehmen bei der Auswahl der passenden Kreditver­sicherung. Welche Rolle spielt die Absicherung gegen Zahlungsaus­fälle in der Fleischbranche?
Tatsächlich eine sehr große Rolle. Al­lerdings gibt es deutliche Unterschiede. Fast alle großen Schlachthöfe und Fleisch­verarbeiter haben wie ganz selbstverständ­lich eine Kreditversicherung abgeschlos­sen, um sich gegen einen Zahlungsausfall oder Zahlungsverzug abzusichern. Bei kleinen Fleischereibetrieben gibt es jedoch noch viele, die ohne Sicherheitsnetz un­terwegs sind. Es ist mir rätselhaft, wie die das durchhalten.

Welche Gründe kann das haben?
Die großen Schlachthöfe und die Fleischverarbeiter sind traditionell sehr stark in der Kreditversicherung vertreten, weil diese Absicherung für sie einfach über­ lebenswichtig ist. Das hat mit der engen Margensituation zu tun. Diese Betriebe könnten sich einen Zahlungsausfall bei ei­nem ihrer Kunden einfach nicht leisten. Das Wachsen der großen Player am Markt ist zum Gutteil dadurch erklärbar, dass immer wieder kleine Schlachthöfe Pleite gehen, die im Anschluss von den großen Anbietern geschluckt werden. Die Großen werden nicht zuletzt dadurch immer größer.

Einige kleine Betriebe verzichten offenbar bewusst auf eine Absiche­rung. Was könnten die Gründe sein?
Es ist eine Art Spekulation, auf die sich die kleinen Player eher einlassen als die Großen. Sie wiegen sich in Sicherheit, weil sie beispielsweise 50 Prozent ihres Umsat­zes mit großen Supermarktbetreibern er­zielen. Es ist natürlich absolut richtig, dass die Insolvenzgefahr bei den Handelsketten gering ist. Aber die kleinen Schlachthöfe und Fleischverarbeiter vergessen bei ihrer Sichtweise, dass sie die restlichen Umsätze eben nicht mit Billa & Co machen, son­dern mit Kunden unterschiedlicher Boni­tät. Dort ist die Insolvenzgefahr entspre­chend hoch. Denken Sie nur an die Gas­tronomie als wichtigen Kunden der Fleischbranche. In den Insolvenzstatisti­ken sind Hotels und Restaurants regelmä­ßig überproportional stark vertreten. Auch in den Exportmärkten lauern zahlreiche Risiken. In der Fleischbranche ist zum Beispiel Italien ein wenig ein Sorgenkind.

Können die offenen Forderungen gegenüber einem Hotel so groß aus­ fallen, dass sie im Fall einer Insolvenz des Hotels den Fleischbetrieb eben­ falls ins Taumeln bringen können?
Ja. Gerät ein Kunde temporär in Zah­lungsverzug, werden langjährige Kunden oft trotzdem eine Zeit lang weiterbeliefert. Bei größeren Gaststätten können die For­derungen dadurch beträchtlich ausfallen. Die Weiterbelieferung birgt zudem die Ge­fahr einer Insolvenzanfechtung. Im Fall einer Pleite des Kunden kann der Masse­verwalter vom Lieferanten sogar bereits erhaltene Zahlungen zurückfordern. Und zwar ab dem Zeitpunkt, ab dem der Liefe­rant hätte wissen müssen, dass der Kunde zahlungsunfähig ist. Als Indiz dafür könn­te die Weiterbelieferung trotz Zahlungs­verzug herangezogen werden. Das passiert in der Praxis gar nicht so selten.

Wie kann man sich dagegen schützen?
Man kann sich natürlich dagegen ver­sichern. Eine andere bzw. zusätzliche Maß­nahme ist die Einführung eines rigorosen Kreditmanagements. Immer wenn ein Kunde seine gewohnte Zahlungsweise ver­ändern will, sollte man dem nicht ohne Weiteres zustimmen und auch keine Aus­nahmen machen. Der Wunsch nach Ver­längerung des Zahlungsziels von beispiels­weise 30 auf 50 Tage könnte vom Masseverwalter als Indiz gewertet werden, um eine Insolvenzanfechtung in die Wege zu leiten. Das könnte ein anfechtungsver­dächtiger Tatbestand sein. Gleiches gilt, wenn die Medien bereits über Probleme bei einem Kunden berichten und die Lie­ferung trotzdem fortgesetzt wird.

Die kleinen Fleischereibetriebe könnten auch dadurch Vorsorge tref­fen, indem sie das Geschäft mit den großen Supermarktketten forcieren, denn dort ist die Pleitegefahr we­sentlich geringer ...
... das ist sicher korrekt, aber dort sind auch oftmals die Margen wesentlich klei­ner. Grundsätzlich ist die Strategie der Schlachthöfe und Fleischverarbeiter nicht schlecht, wenn sie auf eine ausgewogene Kundenstruktur achten. Die kleinen Ab­nehmer sorgen für höhere Margen, und die großen bieten eine höhere Ausfallssicherheit. Wenn es allerdings zu einem Zah­lungsausfall kommt, kann der Fleischbe­trieb aufgrund der geringen Margen bei den Großen den Ausfall manchmal nicht kompensieren und schlittert selbst in die Insolvenz. Darum ist es äußerst riskant, auf eine Absicherung zu verzichten, denn die Spekulanten von heute könnten die Pleitekandidaten von morgen sein.

In welcher Größenordnung be­wegen sich die Prämien ungefähr? Womöglich ist auch das ein Grund, warum einige kleinere Betriebe auf eine Forderungsabsicherung schließlich verzichten?
An der Prämienhöhe dürfte es kaum liegen, zumal wir als Österreichs größter Kreditversicherungsmakler nicht nur stän­dig die Konditionen der einzelnen Anbieter im Auge behalten, sondern auch eine ge­wisse Verhandlungsmacht haben. Ich möchte jetzt ungern eine Zahl nennen, weil sehr viele Faktoren eine Rolle spielen. Ne­ben dem Umsatz spielen zum Beispiel auch die Exportquote, die Exportdestination oder die Verteilung der Außenstände eine Rolle. Bei Unternehmen mit Jahresumsät­zen zwischen einer und 50 Millionen Euro müssen Sie ungefähr mit Jahresprämien zwischen 3.000 und 120.000 Euro rechnen.

Zum Abschluss noch eine persön­liche Frage. Essen Sie selbst eigent­lich gerne Fleisch?
Ich bin nicht nur ein bekennender Fleischesser, sondern auch ein bekennen­der Qualitätsfleischesser. Ich ernähre mich sogar bevorzugt von dem in manchen Zeit­ schriften verteufelten roten Fleisch. Fleisch steht für mich nicht nur für Ge­nuss, sondern liefert mir genau jene Ener­gie die ich benötige, um meinen Job opti­mal zu erledigen.

Werbung
Werbung