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200 Milliarden Euro bereit für Investments in die Hotellerie und Gastronomie

24.11.2021

Die unglaubliche Summe von 200 Milliarden Euro liegt unverzinst auf Österreichs Sparbüchern. Die EU-Kommission schlägt nun vor, private Investments in KMU staatlich zu fördern. Im Fokus steht die Tourismusbranche. Wir haben mit ÖHT-Generaldirektor Wolfgang Kleemann gesprochen, ob das ein neuer Schub für Crowdfunding in Hotellerie und Gastronomie werden könnte.

Crowdfunding biete eine Win-Win-Situation, meint Wolfgang Kleemann, der Generaldirektor der Tourismusbank ÖHT.
Crowdfunding

Beim Crowdfunding beteiligen sich viele Investoren (die „Crowd“) mit kleinen Beträgen an einem Unternehmen oder leihen Unternehmen Geld. Die Abwicklung erfolgt normalerweise über Crowd-Plattformen. Das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) deckelt die Investition einer Einzelperson innerhalb von 12 Monaten mit 5.000 Euro. Derzeit werden aber nur rund 50 Millionen Euro j#hrlich in sämtliche heimischen Crowdfunding-Projekte investiert. Die EU-Kommission schuf mit dem aktualisierten Rahmen für staatliche Wirtschaftshilfen die Möglichkeit, dass private Investitionen zur „Kapitalisierung“ von KMU gefördert werden können. So können die Mitgliedstaaten privaten Intermediären Garantien gewähren und dadurch Anreize für schaffen. Die ÖHT als Tourismus-Förderband plant in diesem Punkt tätig zu werden. Crowdfinanzierungen bieten als Finanzierungsbestandteil viele Vorteile. Besonders verweist die ÖHT darauf, dass die Crowd sehr sensibel auf „unattraktive Projekte“ reagiert. Kleemann dazu: „Wenn Sie nach drei Angebotstagen nicht zumindest 10 Prozent  des geplanten Crowdvolumens platziert haben, versessen Sie ihr Vorhaben. Es wird scheitern!“

Etwa 200 Milliarden Euro liegen auf unverzinsten Sparbüchern. Auf der anderen Seite suchen Tourismusunternehmen Finanzierungen und scheitern oft an ihren Hausbanken. Wir bringt man das zu einer für  beide Seiten gewinnbringenden Lösung?
Wolfgang Kleemann: Daraus  eine Win-Win-Situation zu machen ist recht einfach möglich. Mir schwebt da ein „gefördertes Crowdinvesting“ vor. Dazu habe ich schon mehrfach Vorschläge unterbreitet – es scheint aber, dass jetzt endlich was d’raus wird. Ich möchte dazu gar nichts neu erfinden, sondern auf bestehende Fördermodelle zugreifen. Insbesondere das Haftungsinstrument ist dazu wichtig. Nehmen wir doch den zumeist privaten Crowdinvestoren wesentliche Teile des Risikos ab und begeistern wir sie damit für Investitionen in die Tourismuswirtschaft. Wir müssen nichts anderes tun, als die bestehende Haftungsrichtlinie, die wir derzeit nur auf Finanzierungen von Kreditinstituten anwenden können, um den Passus „Haftungen für Crowdmittel“ erweitern. 

Wie hoch könnte so eine Haftung dann sein?
Wenn wir beim Grundgerüst der bestehenden Richtlinie bleiben, können wir pro Einzelprojekt maximal 80 Prozent der Finanzierungslinie, höchstens aber 4 Millionen Euro behaften. Diese Haftung würden wir dann anteilig auf die von der Crowd eingebrachte Finanzierung verteilen – also wenn jemand z.B. 1.000 Euro Crowdmittel in ein Projekt steckt, bekäme 800 Euro von uns vergarantiert - in Summe über alle Crowdinvestoren eben maximal 4 Millionen. Auch ein Splitting zwischen Crowdmittel und konventioneller oder geförderter Bankfinanzierung schiene mir möglich.Dies wäre deshalb sinnvoll, weil ja nie das gesamte Investitionsvolumen aus Mitteln der Crowd kommt, sondern sich ein gesunder Finanzierungsmix aus Eigenmitteln, Crowdmitteln und einer langfristigen Bankfinanzierung zusammen-
setzt. 

Und das ginge fördertechnisch?
Klar, die Förderrichtlinie würde das mit der Ergänzung von nur „einem Wort“ hergeben. Dass diese Idee g’scheit wäre, hat auch die EU schon verstanden. Sie hat letzte Woche ein Instrument skizziert, das ganz ausdrücklich zulässt, Garantien für private Mittel zur Kapitalisierung von KMU zu begeben. Die EU sieht das zwar vorerst nur als eine befristete Solvenzhilfe, aber dass endlich einmal begonnen wird, weg von ausschließlich bankseitig bereitgestellten Finanzierungen zu denken, ist ein klares und unmissverständliches Signal, dass man private Mittel mobilisieren will. 

Was würde so eine Crowdbeteiligung dem Unternehmen kosten und was würde es dem privaten Investor für eine Verzinsung bieten?
Derzeit bekommt ein Sparbuchinhaber genau gar nix – demnächst wird er sogar dafür zahlen müssen, dass sein Geld auf der Bank liegt. Aber er sieht das als eine nicht-riskante Anlageform, vertraut auf die Einlagensicherung und daher macht er es. Wir wollen ihm eine sehr ähnliche Sicherheit in Form einer Bundeshaftung anbieten, daher ist er hier auch sehr risikoarm unterwegs. Und zusätzlich geht meine Idee dahin, dass ich ihm aus Fördermitteln eine garantierte Mindestrendite zusichern will. Derzeit übernehmen einige Bundesländer den Zinsendienst für unsere geförderten Darlehen. Auch hier ist keine neuen Erfindungen nötig, sondern schlichtweg eine Erweiterung bestehender Modelle  um den Passus „Crowdinvesting“ und schon kann man dem Investor aus Landesmitteln eine garantierte Mindestrendite anbieten. Das selbe ginge auch auf Bundesebene – ein kleiner Teil des Zuschusses, den der Bund derzeit zur Zinsfreistellung unserer TOP-Tourismuskredite aufwendet – und schon habe ich ein halbes Prozent, oder auch mehr, garantierte Rendite auf das eingesetzte Kapital. Und dem Unternehmer könnte es, wenn wir’s g’scheit machen, monetär gar nichts kosten. Er gibt Gutscheine aus, wie beispielsweise  vergünstigte Übernachtungspakete, Upgrades, die gratis-Flasche Wein zum Abendessen im Restaurant und vieles mehr – da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass aus derjenigen oder demjenigen, der mit ein paar Tausendern mitfinanziert, auch ein Stammgast werden kann. Somit entsteht das, was man einen „Finanzierungsmehrwert“ nennen kann. Das ist eine der großen Chancen dieses Modells.

Mit bloß 0,5 Prozent Rendite wird es aber schwierig sein, Investoren zu finden.
0,5 Prozent wären zumindest mehr, als „nix“ auf der Bank. Und zusätzlich gäbe es „Goodies“, wie Nächtigungsgutscheine oder ähnliches. Aber rein technisch kann‘s auch mehr sein - bis zu 5 Prozent  über die gesamte Laufzeit. Diese wird in der Regel zwischen drei und fünf Jahren liegen.

Autor/in:
Daniel Nutz
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