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Am Abend daheim

27.11.2003

In den vergangenen Wochen haben in Wien mehrere Gastronomiebetriebe neu eröffnet, die am Abend geschlossen bleiben. Sie konzentrieren sich voll auf das umkämpfte Mittagsgeschäft. Ein neues Erfolgsrezept?

Wenn die letzten Szenelokale um sechs Uhr früh zusperren, wartet Manfred Göd in seinem neu eröffneten Breakfastclub bereits auf die ersten Gäste.
Eine Stunde später, ab sieben Uhr, bieten die beiden bagel stations von Simone Schärf (das zweite Lokal eröffnete vor zwei Wochen in der Währingerstraße) ihren Gästen frisch gebackene Bagels. Ab acht Uhr lockt dann Omar Shoukry die Wiener mit Café au lait und anderen französischen Leckereien ins Le Bol. Etwas länger schlafen kann nur Sandor Siklossy, der in seinem neu eröffneten Neu Deli ab neun Uhr zu Sandwich und Kaffee bittet. Gemeinsam haben all diese neu eröffneten Lokale in Innenstadtlage, dass die Betreiber am Abend zu Hause (oder bei Kollegen) sind. Der Umsatz muss zur Gänze untertags erwirtschaftet werden.

Konkurrenz zu Würstelstand, McDonalds und Wirtshaus?
All diese Lokale setzen auf den Trend, dass sich immer weniger Leute Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen nehmen. Wie bei den Fastfood-Ketten muss es schnell gehen, bezahlt wird am besten gleich bei der Bestellung. Trotzdem handelt es sich bei all diesen Lokalen nicht um Franchisenehmer internationaler Konzerne oder 08/15-Konzepte, sondern um inhabergeführte Lokale mit gewissen kulinarischen Ambitionen. „Wir bieten gute französische Weine glasweise an, importieren Olivenöl von Nicolas Alziari aus Nizza und setzen auf leichte Salate, Tartines (Brote), und Quiches, wie sie auch gerne an der Côte d’Azur zu Mittag gegessen werden. Mit dem table d’hotes, also einem großen, zentralen Tisch, an dem mehrere Gäste gemeinsam essen, wollen wir französisches Bistro-Feeling nach Wien bringen. Natürlich muss es tagsüber schneller gehen als am Abend. Ein billiges Fastfood-Lokal sind wir deshalb aber ganz sicher nicht“, erklärt Omar Shoukry vom Le Bol am Neuen Markt.
Deutlich mehr in Richtung Fastfood gehen die bagel stations: Plastik- und Pappbecher für Softdrinks bzw. Kaffee, kein Alkohol und generelles Rauchverbot sind die Attribute eines klassischen US-Fastfood-Konzepts. Bei den Produkten selbst ist man aber kompromisslos. Die zehn verschiedenen Bagelsorten werden laufend frisch gebacken, jeder Bagel wird vor den Augen des Kunden frisch und individuell zubereitet.

Wieso dieses Konzept, das bei Subway in Österreich ja nicht so toll funktioniert hat, offensichtlich in den bagel stations aufgeht, hat neben den Produkten in erster Linie mit Architektur, Marketing und Service zu tun.

„Fast“ und freundlich
Philipp Zinggl, Shop-Manager in der bagel station, erklärt: „Unsere Mitarbeiter sind extrem freundlich, wir wollen das sich unsere Gäste einfach wohl fühlen. Klar machen wir Fastfood, aber das bedeutet ja nicht, dass die Architektur schlecht und das Service unmotiviert sein muss. Der Bagel ist zwar ein Produkt mit Erklärungsbedarf, aber wer ihn kennt, der liebt ihn.“ In Zukunft will man auch andere Gastronomiebetriebe mit frischen Bagels beliefern.
Noch heuer ist in Wien ein weiteres Outlet geplant, am 1. Dezember soll eine bagel station als Franchise-Betrieb in Hamburg eröffnen, am 1. Februar 2004 folgt Berlin.

Internationale Expansionspläne hat Sandor Siklossy mit seinem Neu Deli vorerst keine. Dafür bekommt man im Neu Deli sehr gute Weine auch glasweise, man darf rauchen und es sich, fast wie in einem Kaffeehaus, ruhig auch bequem machen. In seinem kleinen Lokal in der Wipplingerstraße, das zuvor das Echolino beherbergt hat, bietet er kalte und warme Baguettes, Salate, Snacks sowie täglich zwei frisch gekochte Tagesteller. Zu Mittag wird knapp die Hälfte der Speisen „to go“ geordert. Siklossy, der zuvor in Restaurants, Großküchen und als Caterer gearbeitet hat, sieht sich auch nicht primär als Wirt, sondern als Speisenveredler. Den Verzicht auf das Abendgeschäft begründet Siklossy einerseits mit der Lage, andererseits aber auch mit praktischen Gründen: „Ich schupf den Laden hier alleine. Fünf Tage die Woche zehn Stunden täglich im Geschäft reichen.“

Schritt in die Selbständigkeit
Ähnliches gilt auch für Manfred Göd, der seit drei Wochen den Breakfastclub in der Schleifmühlgasse betreibt. Er hat zuvor sechs Jahre lang den Pavillon im Volksgarten gemacht, wollte aus familiären Gründen aber nicht mehr nachts arbeiten. Das Konzept eines Frühstücklokals, wie er es aus Paris kannte, trug er schon länger mit sich herum. Als dann das Lokal gegenüber seiner Wohnung unvermutet frei wurde, entschied er sich spontan für den Schritt in die Selbständigkeit. Wie es sich für ein deklariertes Frühstückslokal gehört, ist das Angebot sehr vielfältig, alle Speisen werden von Göd frisch zubereitet. Doch lohnt es sich tatsächlich um sechs Uhr aufzusperren: „Das gehört zum Konzept zwingend dazu. Ab acht bin ich aber meistens voll, und das geht dann oft bis in den frühen Nachmittag durch.“
Eines haben alle neu eröffneten „Tageslokale“ gemeinsam: Jedes verfolgt ein eigenes, neues Konzept, von dem die Betreiber überzeugt sind. Ob alle funktionieren, wird die Zukunft weisen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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