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Am Ende der Sackgasse wartet der Dealer

31.10.2019

Ein ehemaliger Koch hat uns seine Geschichte erzählt. Er wurde kokainsüchtig, weil der Leistungsdruck zu groß wurde. Ein Einzelfall 
ist das leider nicht. Hat die Gastronomie ein Drogenproblem?

Wiens Drogenkoordinator Ewald Lochner: „Neun  Prozent aller Österreicher ab dem 15. Lebensjahr  weisen problematischen Alkoholkonsum auf.“
Psychologe Roman Braun: „Drogen sind kein spezifisches Problem der Gastronomie.“
Was tun, wenn der Kollege kokst?

Es gibt drei mögliche Auslöser bzw. Gründe, warum sich Suchtkranke Hilfe holen. Angehörige oder Kollegen können diese Veränderung ebenfalls beobachten und reagieren: körperliche Beschwerden, wenn die Arbeitsfähigkeit leidet und/oder wenn die Sozialbeziehungen darunter leiden. Man sollte sich von Anfang an gut und professionell beraten lassen. Am besten, man geht zu einem Psychiater, Neurologen oder zu einer Drogenberatungsstelle. 
Warum es so schwer ist, aufzuhören 
Man muss eine Sucht größer betrachten und auch behandeln, das geht etwa über ein gutes Coaching. Abgesehen von der körperlichen Abhängigkeit ist das Schmerzhafteste für Betroffene zuzugeben, dass sie sich am Ende einer Sackgasse befinden. Denn es bedeutet, dass man zugeben muss, jahrelang in die falsche Richtung gelaufen zu sein. Dort umzudrehen bedeutet, zuzugeben, dass man sich geirrt hat. 
Wer helfen kann
Das Institut für Suchtprävention (ISP) berät Betriebe zum Thema Suchtprävention sowie zum Vorgehen bei Anlassfällen. Angebote für Betriebe werden vermittelt (z. B. Prozessberatung, Führungskräfteschulungen). Tipp: eine Betriebsvereinbarung zum Thema „Suchtmittel am Arbeitsplatz“ zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat abschließen.
Broschüren & Infos: https://sdw.wien/de/praevention/arbeit/

Ich habe gekokst, um meine Leistung bringen zu können. Und damals bin ich nicht in das klassische Klischee des Drogenkonsumenten gefallen. Ich befand mich bereits im vorgerückten Alter.“ Der Mann, der anonym bleiben möchte und uns seine Geschichte erzählt, arbeitete früher als Koch. Heute ist er nicht mehr in der Gastronomie tätig. „Ich habe eine Umschulung gemacht. Mir ist das am Ende alles zu viel geworden. Wenn du jünger bist, dann steckst du den Druck weg. Wenn du keine Familie hast, auf die du Rücksicht nehmen musst und noch jung bist, dann funktioniert das ganz gut. Du bist körperlich fit und kannst auch zwölf Stunden und mehr in der Küche stehen und anschließend mit Kollegen feiern gehen. Aber irgendwann ist bei mir diese Müdigkeit gekommen, die wie Blei auf mir gelegen und immer schwerer geworden ist. Vielleicht war das auch eine Depression, keine Ahnung, ich war deswegen nicht beim Arzt.“ Und dann wurde ihm von einem Kollegen Kokain angeboten. „Das pfeift, probier’ es aus“, sagte er. „Anfangs hatte ich das Gefühl, dass mir Kokain hilft. ‚Na, simma heute wieder müde?‘, war unser Losungswort für die nächste Line.“ 

Dauerrausch

„Das wurde immer häufiger und endete schließlich in einer Art Dauerrausch, so ist mir das vorgekommen. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ohne Koks nicht mehr funktionieren zu können. Als sich schließlich mein Wesen drastisch geändert hat – ich war nicht nur nüchtern wütend, aggressiv und leicht reizbar –, da habe ich die Reißleine gezogen und eine Therapie gemacht. Aus dem Job bin ich aber draußen, für immer.“
Vor seinem Kontakt mit Kokain hatte der Koch keine Erfahrungen mit Drogen – jetzt einmal abgesehen von Alkohol. Den Kokainrausch beschreibt der Ex-Koch so: „Ich war wie entfesselt – so hat sich das angefühlt. Ich konnte plötzlich wieder konzentriert stundenlang arbeiten, man hat mir auch nichts angemerkt – das habe ich zumindest geglaubt. Ich war wieder krea-
tiv, leutselig, lustig und bin mir unendlich wichtig vorgekommen. Gleichzeitig habe ich begonnen, wie ein Loch zu saufen. Ich hatte das Gefühl, ich kann auf Koks nicht betrunken werden. Ich habe gekokst, damit ich nicht umfalle.“
Sucht am Arbeitsplatz, und hier in erster Linie Alkoholsucht, sind keine Seltenheit. „Neun Prozent aller Österreicher ab dem 15. Lebensjahr weisen einen problematischen Alkoholkonsum auf. Weitere fünf Prozent gelten als alkoholkrank. Das sind österreichweit 370.000 Personen. Unabhängig vom Gewerbe sind Führungskräfte von Sucht stärker betroffen als Mitarbeiter“, sagt Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien im Interview mit der ÖGZ.

Gefährdete Führungskräfte

Lochner: „Umso hierarchischer ein Unternehmen geführt ist, desto größer ist die Gefahr einer Suchterkrankung bei Führungskräften.“ Warum ausgerechnet diese Personengruppe gefährdet ist, erklärt er so: „Führungskräfte, die sich ihre Zeit frei einteilen können und einen größeren Freiheitsgrad haben, was die Mobilität angeht, sind gefährdeter. Denn ein höherer Freiheitsgrad benötigt auch ein höheres Ausmaß an Selbstkontrolle im Umgang mit Substanzen.“ Und es geht letztlich auch um den Zugang zu Substanzen – was in der Gastronomie im Hinblick auf Alkohol nicht schwierig ist. 
Nicht nur Führungskräfte, auch Mitarbeiter können leicht in eine Sucht schlittern. Der Psychologe, Coach und NLP-Mastertrainer Roman Braun sieht Drogensucht als ein Zeichen der Zeit, sie tritt zudem branchenübergreifend auf und ist kein spezifisches Problem der Gastronomie. Bei den Ursachen und Auslösern gehe es nicht um den Workload an sich, sondern eher um die Wahrnehmung der Arbeit, und die hänge von den eigenen Glaubenssätzen ab. Ob man zu Drogen greift, hänge auch damit zusammen, wie man mit Stress umgeht. Stress an sich sei nichts Schlechtes. In einer groß angelegten Studie zum Thema wurden 30.000 Personen über acht Jahre lang begleitet. Das Ergebnis: Stress ist dann gesundheitsschädlich, wenn man Stress subjektiv als etwas Schlechtes einschätzt und den üblichen kulturellen Suggestionen folgt. Braun: „Nicht die Realität, sondern Glaubenssätze erzielen eine Wirkung – sonst würden ja auch Placebos nicht wirken.“ 

Druck, Druck, Druck

Warum Menschen zu Drogen greifen, hat aber nicht nur mit Stress zu tun. Braun: „Es geht um den Sinn. Sinn heißt, dem Leben etwas hinzuzufügen, der eigenen Lebensentwicklung etwas zu ergänzen. Wenn ich jeden Tag meinen Job mache und nicht erkenne, dass das ein Baustein für meine Entwicklung ist, dann fehlt die Sinnhaftigkeit. Das kann der Servicekraft passieren, es kann aber auch dem Chef oder dem Unternehmer passieren, wenn er zum Beispiel schon seit 20 Jahren Chef dieses Hotels ist und sich nichts mehr bewegt – weder privat noch beruflich.“ 
Problematisch wird es, wenn jemand der Meinung ist, dass persönliche Entwicklung bedeutet, dass sich das Bankkonto bewegt und wächst und man dafür seine Seele verkauft und seine Entwicklung vernachlässigt. Ein fataler Fehler: „Das heißt nur, dass sie als Erste am Ende der Sackgasse ankommen. Und am Ende der Sackgasse wartet der Dealer. Der wohnt dort.“ Dann können Drogen ins Spiel kommen.

Arbeiten auf Drogen

Hat die Gastro-Branche ein Drogenproblem? Aus Österreich gibt es keine aktuellen Zahlen bzw. Erhebungen. Neue Zahlen aus der Schweiz zeigen aber, dass das Gastgewerbe auch hierzulande ein größeres Drogenproblem haben könnte: 5,1 Prozent der Mitarbeiter seien betroffen und hätten einen problematischen Alkoholkonsum. Zum Vergleich: Im Baugewerbe sind es „nur“ 3,9 Prozent der Mitarbeiter. „Der Alkoholkonsum am Bau ist massiv zurückgegangen“, sagt Wiens Drogenkoordinator Ewald Lochner. Im Gastgewerbe gehe es um die eingangs erwähnte Verfügbarkeit von Alkohol. Unregelmäßige Arbeitszeiten bzw. das Arbeiten zu Randzeiten seien eine große Belastung für Mitarbeiter. „Alkohol ist die Droge Nummer eins, zu anderen Substanzen am Arbeitsplatz gibt es wenig valide Daten. Denn wer stellt sich hin und gibt das zu?“, fragt Lochner.

Krisen bewältigen

Gibt es besonders gefährliche Substanzen? Lochner: „Bei substanzabhängigen Süchten muss man davon ausgehen, dass allein die Substanz nichts über die Problematik der Suchterkrankung aussagt. Sucht ist so multifaktoriell und hat viel mit dem sozialen Umfeld und der Bildung zu tun, ebenso mit der Resilienz, also der psychischen Widerstandsfähigkeit bzw. der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen.“ Leistungsdruck, Erwartungsdruck, gepaart mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, sind die Mischung, die mit Erreichen eines bestimmten Stresslevels schnell zu Drogen greifen lassen. Das können aber auch leistungssteigernde Medikamente sein, es müssen nicht immer Kokain oder Amphetamine sein. Ob man süchtig wird oder nicht, ist also von der individuellen Beschaffenheit abhängig. „Wenn jemand im Gastgewerbe arbeitet und jeden Tag nach Dienstschluss drei weiße Spritzer trinkt, es aber sonst keinerlei Auswirkungen hat aufs familiäre Leben oder auf den Arbeitsprozess – wer würde da schon von einer Suchterkrankung sprechen?“, sagt der Drogenkoordinator. Im Gegensatz dazu ist der Mitarbeiter, der den Dienst nicht mehr schafft und nach einer Stunde das Gefühl hat, ausgepowert zu sein und etwas Leistungssteigerndes nehmen zu müssen, auf dem direkten Weg in die Suchterkrankung – oder bereits mittendrin.  
Wie soll man sich als Vorgesetzter oder Kollege verhalten, wenn jemand ein Problem zu haben scheint? Und sind Betriebe, die ihre Mitarbeiter langfristig überlasten, mitverantwortlich? Ewald Lochner: „Jeder Unternehmer, jede Führungskraft hat eine Fürsorgepflicht. Das ist gesetzlich geregelt. Es gibt Möglichkeiten, präventiv auf mögliche Drogenprobleme in einem Betrieb zu reagieren. Und es gibt Richtlinien, wie Arbeitgeber suchtpräventiv handeln können.“ Wichtig sei, dass man in einem Unternehmen eine Kultur und eine Stimmung schafft, dass Arbeitnehmer die Möglichkeit bekommen, damit umzugehen. Dann kann man es thematisieren. 
Weitere Infos siehe Kasten 

 

Was so alles konsumiert wird

Als „Drogen“ bezeichnet man psychotrope Substanzen, die sich auf die Psyche des Menschen auswirken. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Drogen, die sympathikoton bzw. aufputschend (z. B. Kokain, Speed) wirken, und solchen, die eine parasympathikotone bzw. beruhigende Wirkung 
(z. B. Alkohol) haben. Diese Phasen – sympathikoton und parasympathikoton – hat man auch, wenn man erfolgreich auf einem „sinnvollen“ Weg unterwegs ist: ganz ohne Drogen. Vom multiplen Substanzgebrauch spricht man, wenn jemand zwei oder mehr psychotrope Substanzen einnimmt, ohne dass eine davon im Vordergrund steht. Drogen werden statistisch oft im Jugend- und jungen Erwachsenenalter (bis zum 25. Lebensjahr) genommen, anschließend nimmt der Konsum meist wieder ab.
 

Autor/in:
Alexander Grübling
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