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So stellt sich Harry Gatterer die Entwicklung des „progressiven Wir” vor: Es ist eine kleine Elite, aber sie wird Trends setzen.

Angebote machen für die Wir-Gesellschaft

19.06.2019

Harry Gatterer vom Wiener Zukunftsinstitut hat einen neuen gesellschaftlichen Megatrend entdeckt, der wichtig für den Tourismus sein könnte, weil er die Nachfrage und deshalb das Angebot verändert. Nicht für alle, aber für einen steigenden Anteil

Die Zukunft muss nicht immer „technoid“ sein, meint Harry Gatterer. Auch wenn sich viele Prognosen über die mittelfristige Zukunft oft mit technischen Fragen beschäftigen: Digitalisierung, Automatisierung, das alles wird unsere Gesellschaft prägen. Aber eben nicht nur. Viele Megatrends weisen in eine andere Richtung. 

Megatrends sind globale Trends, die unsere Gesellschaft verändern werden. Zum Beispiel wird die Technik bei der weiteren Individualisierung helfen. Wichtiger wird die Konnektivität sein – und da muss es nicht immer um die Digitalisierung an sich gehen. Prof. Sarah Spiekermann-Hoff spricht von der „Welt als Display“: Die Welt wird uns noch mehr als heute zweidimensional begegnen, und zwar nicht mehr am winzigen Bildschirm eines Smartphones, sondern über ganz andere „Displays“. Sie wird auf diesen Displays ohne Anfang und Ende da sein, immer. Das wird aber die Sehnsucht nach „echten“ Erlebnissen im dreidimensionalen Raum, die nicht virtuell erzeugt wurden, massiv erhöhen. Denn Medienereignisse sind generisch und austauschbar. Gatterer erzählt die Anekdote von einer Bekannten, die er fragte, wie es im Urlaub auf den Seychellen gewesen sei. Darauf antwortete sie: „Da muss ich mir erst meine Fotos am Handy anschauen …“

Raum für Begegnungen

Aus diesem Mangel leitet sich das neue Mantra in der Tourismusbranche ab: „Collect moments, not things!“ Und Momente werden durch Begegnungen erzeugt. Orte werden so designt, dass man einander begegnen kann. Das spricht besonders junge Leute an. Nach diesem Prinzip funktioniert das Festival „Burning Man“ in den USA. Das ist kein Musik- oder Film- oder Kunstfestival. Das ist es alles ein bisschen, aber es ist viel mehr: Der Hauptzweck liegt darin, dass sich hier tausende Menschen begegnen. Das scheint zu reichen. Eine ähnliche Funktion kann auch ein gemeinsamer Tisch haben. Der wird in Hotels und Restaurants immer häufiger angeboten – als Gegenentwurf zum Bistrostil mit lauter isolierten Zweiertischen.
Das Next Practice Institut hat tiefenpsychologische Interviews mit jüngeren Menschen durchgeführt und sie nach ihren Sehnsüchten und Zukunftserwartungen gefragt. Da ist viel von „Ko-Prinzipien“ die Rede. Die Leute wollen zum Beispiel gemeinsam ein Haus bauen. Sie kommen aus ihren Einzimmerapartments in den öffentlichen Raum, um dort das Gefühl von Gemeinschaft zu erleben. Deshalb boomen Co-Working-Angebote in Cafés oder Hotels. Auch wenn man dort nicht wirklich zusammenarbeitet, man möchte zumindest die Illusion haben, nicht völlig allein zu sein. Das gilt besonders für die neue Arbeiterklasse der „digitalen Nomaden“. 

Das progressive Wir

Gatterer spricht in diesem Zusammenhang von der „Wir-Gesellschaft“. Unter diesem Wir versteht die neue Generation etwas Progressives. Da geht es nicht mehr um das „konservative“ alte Wir, das sich eher über Abschottung definiert. Und auch nicht wie bisher um das „progressive Ich“, um den Einzelkämpfer in der digitalen Welt. Unter „progressiv“ verstehen die Menschen Werte wie Achtsamkeit, innere Balance, Vernetzung, sinnliche Erfahrungen, eine Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Gatterer nennt sie „Free Ager“. Das sind sozusagen die Hippies von morgen, Generation Burning Man.
Konkret möchten solche Menschen zum Beispiel gemeinsam lernen. Eine Tourismuschule in Thun (Schweiz) wird ihnen das liefern. Hier wird alles in einem angeboten: Schule, Hotellabor und Studierendenwohnheim.

Das große Einschwingen

Harry Gatterer zeigt ein interessantes physikalisches Experiment. Wenn man mehrere Pendel nebeneinander schwingen lässt, schwingt jedes anders. Sobald man sie aber gemeinsam ein bisschen bewegt, zum Beispiel die Platte, auf der sie stehen, fangen sie an, gemeinsam zu schwingen. Man nennt das „Entrainment“ oder „Einschwingen“. „Sobald Bewegung reinkommt, schwingt man ein“, sagt Gatterer. Diese Hilfestellung zum Einschwingen könnte der Tourismus leisten. Denn Reisen ist dafür ideal geeignet. Reisen erzeugt Resonanz, Berührungen, kleine Erschütterungen, das hilft beim Einschwingen.
Deshalb werden Fachbereiche wie das Social Design künftig eine viel größere Rolle spielen. Mitarbeiterhäuser werden ins Hotel integriert, Studentenhotels generationenübergreifend geplant. Das heißt, hier werden eben nicht nur Studierende wohnen, sondern auch andere Generationen, die sich gegenseitig befruchten, einschwingen. Es werden immer mehr offene Räume und Co-Spaces geplant: offene Küchen und Köche, die das Essen servieren. Grenzen fallen, es wird viel mehr Übergänge geben. 

Die Renaissance des Alters

Die Vorstellung von Urlaub wird sich auf das Wohnen auf Zeit ausweiten, Arbeiten und Freizeit gehen ineinander über, aber nicht, weil man am Wochenende seine E-Mails checkt (checken muss), sondern weil man unterwegs ist und beide Bereiche nicht mehr starr trennen kann und möchte. Das wird die Ausstattung von Hotelzimmern revolutionieren. Das tut es jetzt schon. Und das wird, das ist zumindest Harry Gatterers großer Traum, der auch schon die 50 überschritten hat, zu einer ganz anderen Vorstellung von Alter führen: Er spricht vom „Pro-Ageing“, von einer positiven Auffassung vom Älterwerden. Junge Leute werden Ältere schätzen aufgrund deren Reflexionsvermögens, deren Übersicht und deren Erfahrung. Man wird gemeinsam diese Fähigkeiten nutzen. In Co-Spaces und anderswo. Viel mehr als heute.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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