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Auf der Flucht

04.11.2005

Bei der Veranstaltung „Arbeitszeit = Lebenszeit – auch im Tourismus?“ diskutierten hochrangige
Arbeitnehmervertreter und Fachleute über Verbesserungsmöglichkeiten der Arbeitsbedingungen.

Der Tourismus ist das, was man eine „Fluchtbranche“ nennt. Im Durchschnitt verlassen nämlich die Mitarbeiter nach nur zehn bis fünfzehn Jahren die Tourismusbranche. Das ist leider keine Schwarzmalerei, sondern eine traurige Tatsache. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Obwohl das Arbeitsklima grundsätzlich sehr gut ist, gibt es einige Punkte, die den Mitarbeitern zu schaffen machen. So haben beispielsweise Ganzjahresbeschäftigungen in weiten Teilen Seltenheitscharakter und der gesellschaftliche Status lässt auch zu wünschen übrig.
Lösungsmodell Kombilohn
Verbesserungen kämen daher der gesamten Branche zu Gute, das heißt den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern. Immerhin verliert die Branche nicht nur gute Mitarbeiter, sondern es verpuffen ja durch den Branchenwechsel auch etliche Ausbildungseuro im Nichts.
In diesem Sinne trafen sich vergangene Woche Arbeitnehmervertreter und Branchenprofis bei der Veranstaltung „Arbeitszeit = Lebenszeit – auch im Tourismus?“, zu der die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), die Tourismusgewerkschaft (HGPD) und die Arbeiterkammer Wien (AK) geladen hatten. Im Mittelpunkt standen die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und die stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten im Tourismus. Für ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch hängt die Zukunft des österreichischen Tourismus vor allem von der Qualität der Mitarbeiter und der Arbeitsumwelt ab. Es liege daher in der Verantwortung der Gewerkschaft, der Arbeiterkammer und der Regierung, das längere Verweilen in der Branche schmackhaft zu machen und die Arbeitssituation zu verbessern. Grundsätzlich eine gute Idee, nur sein Vorschlag, dass beispielsweise das Wochenende arbeitsfrei bleiben müsste, stieß aus verständlichen Gründen auf wenig Gegenliebe, vor allem bei der Österreichischen Hoteliervereinigung. „Da muss ich Herrn Verzetnitsch leider den Wind ins Gesicht blasen. Arbeitsfreie Wochenenden sind in einer Dienstleistungsbranche einfach nicht möglich“, konterte ÖHV-Präsident Sepp Schellhorn, dem vor allem flexiblere Arbeitszeiten ein Anliegen sind. Dabei geht es ihm vorrangig darum, die Beschäftigung auf 365 Tage auszudehnen. Als möglichen Lösungsansatz für die Ganzjahresbeschäftigung hat die ÖHV schon Anfang dieses Jahres ein Kombilohnmodell vorgestellt. Der Vorschlag lautet, dass Hoteliers trotz Betriebsschließung eine gewisse Anzahl der Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen und dafür vom Arbeitsmarktservice über ein Rückerstattungsverfahren das jeweilige Arbeitslosengeld als betriebliche Beihilfe bekommen. „Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im Tourismus mit diesem Modell um etwa 20 Prozent gesenkt werden kann. Das heißt, die gesamte Branche würde daraus einen Vorteil ziehen“, argumentiert Schellhorn. Die Aussage, der Kombilohn wäre EU-widrig, wertet er als Killerargument. Die ÖHV verfüge über etliche Gutachten, dass dem nicht so sei. Und diese Gutachten könne man jederzeit vorlegen. Wie auch immer, der Ruf nach flexibleren Arbeitszeiten wird immer lauter. Für Hans Binder, Leiter der für Arbeitszeit zuständigen Abteilung im Wirtschaftsministerium, wäre eine Einigung der Sozialpartner auf einen weiteren Ausbau der Arbeitszeitflexibilisierung auf Basis der bereits bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten ideal. Helmut Hinterleitner, Obmann des Fachverbands Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich, geht in seiner Forderung sogar noch einen Schritt weiter. Seiner Meinung nach müsse die Normalarbeitszeit zwecks Flexibilisierung neu definiert werden.
Mehr Mut zu Experimenten
Vehementen Widerspruch gibt es diesbezüglich von der Gewerkschaft. Rudolf Kaske, Vorsitzender der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönliche Dienste, sprach sich entschieden gegen eine stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeit in der Branche aus: „Im Tourismus verdienen die Menschen schon jetzt im Durchschnitt ein Drittel weniger als in anderen Branchen. Außerdem haben wir als Tourismusgewerkschaft ein außerordentliches Maß an Flexibiliät in den Kollektivverträgen bewiesen.“ Kaske betonte daher, dass Rabattlöhne, sprich: Streichungen von Überstundenzuschlägen für die Gewerkschaft nicht akzeptabel seien. Um zu verhindern, dass der Tourismus eine Fluchtbranche bleibt, bedarf es der Verbesserung des gesellschaftlichen Status, mehr Aufstiegschancen und eines modernen Lohnsystems. Vor allem überschaubarere Arbeitszeiten wären seiner Ansicht nach wichtig, da rund 62 Prozent der Beschäftigten Frauen sind, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen. Dass die Tourismusarbeit, wo es Früh-, Spät- und Nachtdienste gibt, zu gesundheitlichen und sozialen Problemen führen kann, bestätigte Dr. Johannes Gärtner. Gärtner ist Geschäftsführer der auf Arbeitszeit spezialisierten Beraterfirma Ximes, die Unternehmen der verschiedensten Branchen bei der Arbeitszeitgestaltung zur Seite steht. Dabei heißt es, an Stelle der Debatte „unsere Wünsche gegen eure Wünsche“, gestaltungsorientierte Pläne zu finden. Bei der Hotellerie und Gastronomie sieht Johannes Gärtner diesbezüglich einen Nachholbedarf, da über die Arbeitszeit im Tourismus nur wenige wissenschaftliche Forschungen vorliegen. Sein Tipp für die Branche: mehr Gestaltungswille und mehr Experimente.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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