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Auf der Suche nach dem perfekten Veltliner-Glas

09.05.2018

In einem Workshop stellte der Glasproduzent Riedel Prototypen für sein neues Veltlinerglas vor. Experten sollten in einer Blindverkostung 14 verschiedene Gläser testen. Die ÖGZ war dabei.

Maximilian J. Riedel mit dem neuen Veltlinerglas und Eindrücke von der Verkostung in Krems.
Die Verkoster beurteilten die Weine in den unterschiedlichen Gläsern.

Die Funktion bestimmt die Form. Dieses Dogma der Bauhaus-Schule wendet das Tiroler Familienunternehmen Riedel seit mehr als 50 Jahren für seine Weingläser an. Und ist damit weltberühmt geworden. Riedels rebsortenspezifische Gläser werden von Weinkennern weltweit geschätzt.

Gut zum Wein

Claus J. Riedel erkannte in den 1950er-Jahren als Erster die Funktionen eines „weinfreundlichen“ Glases: Glas-oberfläche, Glasform und Glasrand beeinflussen die Fließeigenschaften des Weines, das Auftreffen auf die Geschmacksnerven der Zunge und die Freisetzung und Wahrnehmung der Aromastoffe in Nase und Rachenraum. Das richtige Glas holt mehr aus dem Bouquet, der Konsistenz – also dem Mundgefühl –, dem Geschmack und sogar dem Abgang eines Weines heraus. „Wir wollen immer die perfekte Balance finden, nicht bestimmte Dinge im Wein betonen“, erklärt Maximilian J. Riedel, Riedel-Chef in elfter Generation: „Wir wollen gut zum Wein sein.“
Maximilian Riedel ist in die Weinbauschule nach Krems gekommen, um mit Kremser Winzern Veltliner zu verkosten. Es gab eine Runde für Lagenwein sowie eine für Federspiel und Smaragd, bei der wir dabei sein konnten. Es galt, in mehreren Flights mit unterschiedlichen Veltlinern aus 14 Gläsern diejenigen auszusondern, in denen der jeweilige Wein am wenigsten gut zur Geltung kam. Wir wussten nicht, welche Gläser für welche Rebsorte vorgesehen waren. Alle Gläser waren Riedel-Produkte, manche davon schon seit Jahrzehnten im Verkauf, andere noch Prototypen. Riedel möchte die bestehenden Veltlinergläser ersetzen oder ergänzen. Denn der Charakter des Veltliners habe sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Dem sollte das neue Glas entsprechen.

Überraschende Ergebnisse

Ob wir das perfekte Glas herausschmecken und -riechen würden? Würden die großen, dickbauchigen Gläser als Erste ausscheiden? Oder die engen, schmalen? Würden wir tatsächlich uns auf bestimmte Favoriten einigen können? Oder sogar auf DAS perfekte Veltlinerglas?  
In der Gastronomie werden mittlerweile durchaus größere Burgundergläser für gehobene Weißweinqualitäten verwendet. Auch bei uns blieb sowohl bei den Federspielen als auch bei den Smaragden ein klassisches Rotweinglas lange im Rennen: das Blaufränkischglas, von Riedel 1992 entwickelt. Die Erklärung vom Chef: „Eigentlich habe ich keine, höchstens dass es eben ein Allrounder ist und zu vielen Cuvées passt.“ Weniger überraschend: Es gab schon beim Duft deutlich spürbare Unterschiede. Überraschender: Scheinbar spielt dabei auch das Design eine Rolle, nicht nur die Größe der Glasöffnung. Die Gläser mit leichten senkrechten Rillen – eine Neuentwicklung von Riedel – ließen das Bouquet besser zur Geltung kommen als die glattwandigen. Die Erklärung: Durch die Rillen wurde die Glasoberfläche innen im Glas erweitert, was dazu führt, dass mehr Flüssigkeit beim Schwenken anhaften kann, was sich positiv auf das Bouquet auswirkt.

Für die markanten Rillen gibt es auch noch eine andere Erklärung. Riedel hat (wie auch andere Erzeuger) komplett auf Breikristall verzichtet. Das Blei hatte tatsächlich negative Einflüsse auf die Mitarbeiter in der Produktion. Das Blei war aber gut für die Materialeigenschaften des Glases, vor allem ließ es sich länger verarbeiten, bevor es hart wurde. Das bleifreie Glas ist „kürzer“, härtet schneller aus und ist wesentlich schwieriger zu verarbeiten. Zwei Jahre brauchte man, um die Umstellung in der Produktion hinzubekommen. Die dezenten Rillen im Glas sollen diese Umstellung für den Konsumenten sichtbar machen.

Eindeutige Sieger

Größte Überraschung: Am Ende blieben in allen Testgruppen ganz ähnliche Gläser übrig. Die Hälfte der vier letzten Gläser waren sowohl bei der Gruppe am Vormittag, die die Lagenweine verkostet hatte, und bei unserer am Nachmittag in der engeren Wahl. Wir hatten beim Federspiel noch ein dickbauchiges Glas vor uns stehen (das Blaufränkische), zwei mittelgroße, fast idente, nur hatte das eine leichte Rillen, und ein eher kleineres, schmaleres (das Riedel-Champagnerglas, wie wir später erfuhren). Die beiden mittelgroßen blieben im Finale übrig. Diese beiden Gläser hatten es auch am Vormittag ins Finale geschafft und taten das auch in der Smaragdverkostung. Beide sind Neuentwicklungen von Riedel. Das mit den Rillen ist das handgemachte, das ohne Rillen stammt aus der Maschinenproduktion. Letzteres, also das deutlich günstigere, gewann. Jedes Mal.

Die allergrößte Überraschung: Das mit den Rillen war jenes Glas, das soeben bei Riedel in der neuen Gastro-Kollektion „Performance“ herausgekommen ist – für Riesling Gran Cru und Veltliner gleichermaßen geeignet. Und ich schwöre: Maximilian Riedel hat uns nicht mental beeinflusst oder verhext, das ging alles mit sehr rechten Dingen zu. Riedel nimmt nicht nur die Entwicklung seiner Gläser sehr ernst, sondern auch solche Verkostungen, die er seit Jahren regelmäßig zum Testen durchführt. Übrigens wurden ein Veltliner-Prototyp und ein klassisches Veltlinerglas von uns schon früh verabschiedet.

Während der Verkostung überlegte Maximilian Riedel angesichts der großen Unterschiede der einzelnen Weine, ob er nicht Winzergläser entwickeln sollte. Also für bestimmte Rebsorten von bestimmten Winzern genau auf den persönlichen Stil des Winzers abgestimmte Gläser. Dass er auch das ernst gemeint haben könnte, ist dem Perfektionisten aus Kufstein durchaus zuzutrauen. Ein Glas speziell für Coca-Cola hat er ja bereits entwickelt.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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