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Ausbildung geht am Bedarf vorbei

13.10.2011

Wien. Die Österreichische Hoteliervereinigung bemängelt die Ausbildung für den Tourismus. Tourismusforscher Peter Zellmann sieht durch falsche Prioritäten bei der Ausbildung viel Potential vergeudet.

Bis 2021 steigt laut World Travel & Tourism Council die Zahl der Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt auf den Tourismus zurückzuführen sind, weltweit um 25 %, der Anteil an der Gesamtbeschäftigung von 8,8 % auf 9,7 %. Österreich aber ruht sich auf den Erfolgen seiner Tourismusbetriebe aus und schafft die Universitätslehrstühle für Tourismus ab: „Im Land des Tourismusweltmeisters stellen wir hohe Ansprüche an die Ausbildung unserer Mitarbeiter. Wenn die aber nicht erfüllt werden, wirkt sich das auf die Wettbewerbsposition aus und wir laufen unweigerlich Gefahr, viele Arbeitsplätze, auch in nachgelagerten Bereichen, zu verlieren. Und wenn Tourismuseinnahmen wegfallen, können wir uns die Verluste bei den Sachgüterexporten nicht mehr leisten“, erklären Peter Peer und Sepp Schellhorn, die Präsidenten der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV).

ÖHV versus Gewerkschaft

Dabei war der Tourismus bei der dualen Ausbildung anderen Branchen sogar einen Schritt voraus. Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) hat ein Konzept entwickelt, das strukturelle Schwächen der dualen Ausbildung überwindet: ein Modul-System, wie es international bis hin zu den Hochschulen angestrebt und teils bereits durchgesetzt wurde. Laut ÖHV verweigere aber die Gewerkschaft die Zustimmung, obwohl laut Blitzumfrage alleine die ÖHV-Betriebe mindestens 300 neue Arbeitsplätze für einen neuen Lehrberuf „Rezeptionist/in“ schaffen würden. „Dass die Gewerkschaft die Weiterentwicklung von Berufsbildern und damit Arbeitsplätze ohne inhaltliche Begründung verhindert, ist unverständlich und entzieht dem Berufsausbildungsbeirat die Legitimierung. Minister Mitterlehner sollte sich dadurch nicht beirren lassen und die Verordnung erlassen. Inhaltlich hatte die Gewerkschaft ja nichts einzuwenden“, so Peer. Den Vorwurf der ÖHV weist vida-Vorsitzender Rudolf Kaske jedoch entschieden zurück: "Wir fordern seit Jahren eine Aktualisierung, für Gespräche dazu sind wir jederzeit bereit". Zur Ausbildung "Rezeptionist" meint Kaske, dass diese ja Teil des Lehrberufes Hotel- und Gastgewerbeassisten sei. "Hier das Berufsbild auf eine Schmalspurausbildung einzuengen, schmälert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt", so Kaske. Seit Jahren fordere die Gewerkschaft jedoch eine Verbesserung der Lehrausbildung zum Hotel- und Gastgewerbeassitenten - etwa durch eine Vertiefung der Fremdsprachenkenntnisse und der Kommunikations- und Verkaufstechniken.

Mehr Indianer als Häuplinge gefragt

Österreichs Tourismus-FHs bildeten im Vorjahr 560 Mitarbeiter aus. In der Hotellerie blieben die wenigsten – aus gutem Grund: „Österreichs Hotellerie besteht zum Großteil aus KMU, die akademisch ausgebildete Verwaltungsmitarbeiter in dem Ausmaß nicht einsetzen können. Die Absolventen wollen in Führungspositionen, die nicht zu besetzen sind“, erklärt Schellhorn. Mehr als drei Viertel der Mitarbeiter in der Hotellerie sind Fach- und Hilfskräfte, abzüglich der Lehrlinge und der Eigentümer noch viel mehr. „Wir brauchen mehr Indianer, nicht nur Häuptlinge.“ Schellhorn erwartet eine objektive Analyse der Ist-Situation: „Wir sollten das Angebot an Absolventen und die Nachfrage nach Mitarbeitern nach Qualifikation gegenüberstellen, anstatt die subjektive Unzufriedenheit abgewiesener Absolventen auszuwerten. Eine Ausbildungsschiene, die für die Industrie passt, muss für den Tourismus nicht das Gelbe vom Ei sein“, so Schellhorn. Eine nüchterne Bestandsanalyse wäre dringend notwendig, um danach die Richtung feststellen zu können, in die der nächste Schritt gesetzt werden soll.

Dienstleistung hat Zukunft

Prof. Mag. Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung und Autor des Buchs „Die Zuknuft der Arbeit“, sieht im weltweiten Mitarbeiterwachstum nur ein Indiz für den hohen und wachsenden Stellenwert des Tourismus: „Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Dienstleistung mit ganz anderen Anforderungen an Arbeit und Ausbildung. Unsere derzeitigen Arbeitszeit- und Ausbildungsmodelle haben sich überholt“, so Zellmann. Der Tourismus, eine treibende Kraft speziell in der österreichischen Volkswirtschaft, sollte wirtschaftspolitisch ins Zentrum gerückt werden: 71 Prozent der Österreicher geben an, dass in ihrer Region fast jeder Arbeitsplatz vom Tourismus abhängt, in touristisch besonders stark ausgeprägten Regionen wie am Neusiedler See sogar 87 Prozent.

Jeder dritte Arbeitsplatz in Österreich, so Zellmann, hängt maßgeblich vom Tourismus ab. Umso wichtiger sei es, die Zukunft der heimischen Tourismuswirtschaft zu sichern. Der Schlüssel dafür liege in einer praxisnahen Ausbildung, die sich an den Anforderungen der Auszubildenden und der Branche orientiert. Das reicht von der Lehre über die berufsbildenden Schulen bis hin zu den Fachhochschulem und Universitäten. „Berufsbildende Schulen müssen sich in die Auswahl der Betriebe einbringen, in denen Pflichtpraktika zu absolvieren sind“, so Zellmann. Top-Betriebe würden beste Bedingungen bieten. Kontrollen durch Lehrer und Befragungen der Praktikanten würden hier eine Qualitätssicherung ermöglichen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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