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Barrierefrei bis hinauf auf die Berge:  So präsentiert sich das Kaunertal in Tirol.

Barrierefrei bis zum Beichtstuhl

24.05.2018

Touristische Angebote für Menschen mit Handicap werden immer wichtiger – nicht nur für Touristen mit Handicap. Die Naturparkregion Kaunertal in Tirol gilt als Vorzeigeprojekt in Europa für barrierefreie Urlaubsangebote.

 

Am Gletscher gibt es Angebote für  Monoskifahrer.

Mit einer Straße hat es begonnen. „Die vor vierzig Jahren erbaute Kaunertaler Gletscherstraße war und ist die Voraussetzung“, sagt Kaunertaler-Gletscherbahnen-Chef Eugen Larcher auf die Frage, wie es zur Positionierung des Kaunertales als barrierefreie Urlaubsdestination gekommen ist. Nirgendwo sonst in Österreich ist es möglich, barrierefrei einen Gletscherrand anzufahren und mit der Gondelbahn barrierefrei bis zum höchsten (Aussichts-)Punkt des Kaunertaler Gletschers auf 3.108 Meter Seehöhe zu gelangen. 

Unten im Tal gibt es barrierefreie bzw. rollstuhlgerechte Hotels und Unterkünfte, barrierefreie Wanderwege, rollstuhlgerechte Einrichtungen wie das Naturparkhaus Kaunertal, das Tourismusbüro, die Skischule oder das Hallenbad. Trotz stark frequentierter Gletscherstraße – der Gletscher ist Trainingszentrum für zahlreiche Kinder-, Jugend- und Nationalmannschaften aus vielen Nationen und Freestyle- und Snowboard-Eldorado sowie im Sommer Anziehungspunkt für Wanderer, Biker, und Motorradfahrer – sieht sich das Kaunertal als sanfte Tourismusregion. 2.500 Betten und 440.000 Nächtigungen im Jahr zählt die Naturpark- und Gletscherregion mit den Orten Kauns, Kaunerberg, Kaunertal und Fendels. Zum Vergleich: Die vis-à-vis gelegene Urlaubsregion Serfaus-Fiss-Ladis verfügt über 20.000 Betten. 

Doch zurück zur Barrierefreiheit: Auch in sämtlichen Geschäften und zahlreichen Lokalen und Restaurants im Kaunertal gibt es eine solche. Sogar die Wallfahrtskirche Kaltenbrunn ist ohne Hindernisse erreichbar. Auch der Beichtstuhl ist barrierefrei. Für Gruppen stehen für die Fahrt zum Gletscher Niederflurbusse auf Anfrage bereit. Rollstuhlfahrer können mit Swiss Tracs (spezielle Zuggeräte für Rollstühle) als Aufstiegshilfen die Almen und Ausflugsziele wie das Piller Moor oder die Aussichtsplattform „Adlerblick“ hoch über dem Kaunertal erkunden. 
Das vor vierzig Jahren erbaute Gletscherrestaurant Weissee auf 2.750 Metern ist ebenfalls barrierefrei. Schon beim Bau mit großzügigen Freiflächen versehen, wurden nachträglich barrierefreie Lifte und WC-Anlagen eingebaut. Die Skischulen sind auf das Thema Barrierefreiheit spezialisiert: Auf dem Gletscher gibt es Monoski zum Ausleihen und Monoski-Kurse für Menschen mit Handicap. Alle Liftanlagen am Gletscher sind ebenerdig zugänglich, das geschulte Personal hat jahrelange Erfahrung mit gehandicapten Gästen. 

Voll integrierter Urlaub

„Das Kaunertal ist hinsichtlich barrie-refreien Urlaubs die fortschrittlichste Region Österreichs. Menschen mit Behinderung können im Kaunertal voll integriert ihren Urlaub genießen. Nicht zuletzt deshalb ist das Kaunertal heute ein mehrfach ausgezeichnetes Vorzeigemodell in Europa“, sagt Marianne Hengl. Die Obfrau des österreichweit tätigen Vereines „Rollon Austria – Wir sind behindert“ mit Sitz in Innsbruck hat auch das erste „Rolli-Hotel der Alpen“, das vielfach ausgezeichnete Hotel Weisseespitze getestet und bezeichnet es als „ein Urlaubsparadies ganz besonders für Rollstuhlfahrer“: Vom Eingang und der Tiefgarage bis zu den Zimmern, von den Wellness- bis zu den Sporteinrichtungen, vom Speisesaal bis hin zur Rolli-Bar gebe es keine Stolpersteine. „Im Vordergrund steht der große Wunsch, Gäste mit einer Behinderung voll und ohne Handicap ins Urlaubsgeschehen zu integrieren.“

Gäste mit Kinderwagen

Barrierefreiheit im Urlaub ist nicht nur für Menschen mit Körperbehinderung und mobilitätsbeeinträchtigen Personen, sondern auch für Familien mit Kleinkindern und Kinderwagen ein wichtiges Reisekriterium. Agnes Fojan, Betreiberin der Onlineplattform holidaysonwheels.at sieht Barrierefreiheit als eine zukunftsorientierte Nische mit beeindruckenden Wachstumsprognosen auf den touristischen Märkten. „Tatsächlich benötigen bereits über 30 Prozent der Bevölkerung barrierefreie Angebote. Barrierefreiheit ist ein zentrales Thema und betrifft bereits jetzt eine Zielgruppe von 38 Millionen Menschen in der DACH-Region und 29 Millionen im Alpen-Adria Raum“, so Fojan.

Laut einer Studie von Neumann Consult im Auftrag der Europäischen Kommission wird die Zahl der Reisen von älteren und behinderten Gästen innerhalb der EU in den nächsten Jahren auf 862 Mio. Reisen pro Jahr steigen. Hinzu kommen voraussichtlich 21 Mio. Reisen pro Jahr dieser Zielgruppe aus den wichtigsten Nicht-EU-Auslandsmärkten. Wenn es gelänge, die barrierefreie Zugänglichkeit tourismusrelevanter Einrichtungen deutlich zu erhöhen, ließen sich sogar bis zu 1.231 Mio. Reisen dieser Gruppe jährlich realisieren. 

Was die Reisefreudigkeit der Zielgruppe anlangt, haben bereits 2012/2013 behinderte und ältere Menschen, die von barrierefreien Angeboten profitieren, 783 Millionen Tages- oder Mehrtagesreisen europaweit unternommen und 5,2 Milliarden Nächtigungen gebucht. „Die Daten und Prognosen untermauern die enorme Priorität der Barrierefreiheit“, betont Fojan, die mit ihrer Plattform holidayonwheels.at barrierefreie Freizeit- und Urlaubsangebote recherchiert, testet und sichtbar macht.

Alleinstellungsmerkmal

„Unser Service findet bei Menschen mit Behinderung und Senioren viel Anklang, da es bis dato so etwas nicht gibt. Wir sind österreichweit die einzige Plattform, die barrierefreie Unterkünfte, Gastronomie und Freizeitaktivitäten darstellt und einem AccessiblityCheck unterzieht, der bei den Angeboten auf der App und Plattform für jeden abrufbar ist“, erklärt die Betreiberin. Die zweisprachige Plattform ist seit Herbst 2016 online, die ebenfalls zweisprachige App mit GPS-Karte seit einem Jahr downloadbar. Die Plattform dient als Informationsportal für die Planung zu Hause. Die App kann als Tool vor Ort genutzt werden, um zum Beispiel über die GPS-Karte herauszufinden, was in der Nähe barrierefrei ist. Besonders beliebt dabei ist der Eurokey WC Finder. 

Multiplikatoreffekt

Agnes Fojan zitiert eine Studie im Auftrag der deutschen Regierung, aus der hervorgehe, dass 37 Prozent der Menschen mit Handicap wegen mangelnder barrierefreier Angebote bereits auf eine Reise verzichtet haben. Zudem würden 48 Prozent häufiger verreisen, wenn es zusätzliche barrierefreie Angebote gäbe. Im Durchschnitt würden gehandicapte Gäste einen Tag länger bleiben und zehn Prozent mehr ausgeben. Zudem liege der Multiplikatoreffekt bei vier Personen. Der Bedarf an barrierefreiem (Aktiv-)Urlaub sei gegeben, denn von den befragten Menschen mit Einschränkung verbringen 96 Prozent ihren Urlaub aktiv mit Freizeitaktivitäten, Sightseeing, Wellness, Kunst, Kultur und Sport.

Das deckt sich durchaus mit dem Angebot in der Naturparkdestination Kaunertal, die Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern und Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Senioren, und Familien mit Kleinkindern ganzjährig barrierefreien Aktivurlaub bietet. Das reicht vom barrierefreien Wandern bis hin zum Langlaufen für Rollstuhlfahrer und Alpinskifahren für Querschnittgelähmte. Der Erfolg zeigt sich auch in Zahlen: Insgesamt betrugen die Nächtigungen von Rollstuhlfahrern oder gehbehinderten Menschen 2013 bereits zehn bis zwölf Prozent der Gesamtnächtigungen im Kaunertal. 

Das Rolli-Hotel

Mit der Zielgruppe der aktiven Rollstuhlfahrer (insbesondere Mono-Skifahrer im Winter und barrierefreie Wanderer im Sommer) sowie Elektro-Rollstuhlfahrern, deren Begleitpersonen sowie Freunde und Familie generiert das komplett barrierefreie Hotel Weisseespitze im Kaunertal heute bereits 30 Prozent der Nächtigungen. Von den insgesamt 180 Betten sind 60 Betten komplett barrierefrei. Gebucht wird das „1. Rollihotel der Alpen“ überwiegend von deutschen Gästen und Gästen aus den Benelux-Ländern, Schweiz und Skandinavien. 

Die Chancen, eine neue Zielgruppe anzusprechen, erkannte Hotelier Karl „Charly“ Hafele früh. Anfang der 1990er-Jahre hatte er noch stark die Motorradschiene beworben. Aber dann sei im Dreiländereck Österreich-Italien-Schweiz das Thema Mono-Skifahrer und deren Unterbringung immer präsenter geworden. 1998 entschied sich Hafele für einen rollstuhlgerechten Zubau mit barrierefreien Zimmern, zweiter Parkgarage, barrierefreier Lobby, Bar, Seminarraum und Wellnessanlage. „Es gab Vorurteile, im Kollegenkreis und in der Branche“, erinnert sich Hafele. „Die Positionierung als Motorradhotel UND als Rollstuhlfahrer-Hotel sahen viele kritisch.“ 

Heute ist das anders: „Wir sind bestrebt, das Angebot ständig weiter auszubauen“, sagt Michaela Gasser vom TVB Kaunertal. „Das Kaunertal ist hinsichtlich barrierefreien Urlaubs die fortschrittlichste Region Österreichs und ein Leuchtturmprojekt in Europa.“ Für das ganzjährig benutzbare barrierefreie Angebot wurde die Naturpark- und Gletscheregion mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Tirol Touristica, dem EDEN Award für nachhaltige Tourismusdestinationen und der Nominierung für den World Responsible Tourism Award. 

Barrierefreier Ausbau

Für die Zukunft stehen weitere barrierefreie Projekte auf dem Plan. Eines davon wurde in der Wintersaison 2017/18 präsentiert: Der erste barrierefreie Pisten-Bully der Welt ermöglicht es Menschen im Rollstuhl, während des Einbruchs der Dämmerung und der berühmten „Blauen Stunde“ hautnah die Pistenpräparierung am Kaunertaler Gletscher mitzuerleben. Auch im Sommer ist der barrierefreie Pisten-Bully von Kässbohrer am Gletscher einsatzfähig. Anlässlich der Präsentation zeigt sich Hotelier Charly Hafele erfreut, „dass es in Österreich Urlaubsregionen gibt, die nachziehen“ und erwähnt das barrierefreie Vier-Sterne-Hotel Sägerhof in Tannheim im Tiroler Außerfern. Marianne Hengl vom Verein Rollon Austria empfiehlt unter anderem das Gasthaus Landhotel Traunstein in Abtenau, das Hotel Kolping in Wien und das Diamond City Hotel in Tulln an der Donau.

Autor/in:
Barbara Egger
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