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Wir stehen vor einer technologischen Revolution. Und ein Grund dafür sind die hohen Personalkosten.

Bei uns funktioniert die Budgethotellerie nicht ...

15.03.2016

… zumindest hat man das vor zehn Jahren allen Ernstes geglaubt. Was man sonst noch falsch eingeschätzt hat und welche Lehren man in der Hotellerie heute daraus ziehen muss, wurde beim 10. IIR-Jahresforum Hotelimmobilie erörtert. Eine Nachlese.

Es ist gerade einmal zehn Jahre her. Damals glaubte man, dass in Österreich die Budgethotellerie nicht funktioniert. Heute ist klar, dass Budgethotels in Österreich genauso funktionieren wie in jedem anderen Land der Welt auch. Dieser Meinung ist auch Michael Widmann von PKF hotelexperts, der beim 10. IIR-Jahresforum Hotelimmobilie in Wien einen Rückblick auf die Entwicklungen der letzten zehn Jahre geworfen hat. 
Heute ist die Akzeptanz von Budgethotels Realität, das zeigt etwa der wirtschaftliche Erfolg von Motel One. Das müssen selbst eingefleischte Hoteliers einsehen, die aus einer traditio-nellen Ecke kommen. 

Wien: Platz für Budgethotels

Widmann: „Wir glauben, dass in Wien noch 20 bis 30 Hotels im preiswerten Segment fehlen.“ Das ist vermutlich keine populäre Aussage bei Betreibern. Aber es spiegelt für ihn die Realität im Hinblick auf die Nachfrage wider. Aber: „Mit einem seelenlosen Budgethotel im Gewerbegebiet ist heute kein Blumenstrauß zu gewinnen. Diese Zeiten sind vorbei. Budgethotellerie heute ist nicht wie Budgethotellerie vor zehn Jahren“, weiß Widmann. Budgethotellerie muss mehr bieten, als nur billig zu sein. Für ihn ist die Verquickung von Leistbarkeit und Lifestyle der Megatrend. „Alles, was man in der Hotelentwicklung macht, ist auf diese zwei Faktoren zu reduzieren. Preis-Leistungs-Verhältnis und Wow-Effekt – wenn man das in Einklang bringt, dann hat man die Winning-Formula“, so Widmann.

Was man vor zehn Jahren ebenfalls nicht im Auge hatte, war das Thema AirBnb. In Mailand etwa entfallen 49 Prozent der Übernachtungskapazität mittlerweile auf AirBnb. „Das ist eine Realität. Und diese Realität wird sich nicht auflösen“, sagt Widmann. „Auch wenn Norbert Kettner mit seinem Team noch so gute Arbeit macht und in Wien noch so gute Steigerungsraten bei Übernachtungen gemeldet werden, dann heißt das nicht, dass sich das in einer besseren Auslastung in Hotels niederschlägt.“ Und das sei eine fundamentale Veränderung. 

In vielen Städten versuche man, AirBnb zu verbieten. „Das ist so, wie wenn man Sonne und Mond verbieten wollte. Das Maximum, das machbar ist, ist eine gewisse Regulierung. Aber selbst das ist nicht einfach, weil unser politischer Apparat ist auf Langsamkeit und Langfristigkeit ausgelegt. Man müsste also schnell handeln“, führt Widmann aus. Nur leider sind „schnell“ und „Politik“ zwei Worte, die nicht zusammenpassen ... 

„Anbieter bei AirBnb werden vielleicht irgendwann einmal eine Fremdenverkehrsabgabe oder Steuern zahlen, aber machen wir uns nichts vor: Für jeden AirBnb-Anbieter, der das im Rahmen der Gesetze macht, kommen zwei neue dazu, die das außerhalb von AirBnb machen. Das ist ein Umfeld, das nicht mehr weggehen wird. Mit diesem Wettbewerb muss sich die Hotellerie auseinandersetzen.“ Mögliche Lösung: Es gibt zunehmend Hotels, die ihre Zimmerkapazitäten zum Teil auch über AirBnb vermarkten – durchaus erfolgreich. AirBnb kann für Hotels ein Vermarktungspotenzial darstellen, sogar für Luxushotels. „Be local, tauche ein in eine lokale Community“, lautet das Motto von AirBnb. „Und was haben wir gemacht? Amerikanische Brands genommen und hier einfach drübergestülpt. Aber das will der Gast nicht, er will hier keine US-Standards“, behauptet Widmann. 

Brand-Standards, die global gelten und vor allem gestalterische Komponenten beinhalten, sind tot bzw. irrelevant geworden. „Der Erfolg eines Hotels ist nicht mehr dadurch gegeben, dass man sich sklavisch an Brand-Standards hält. Im Gegenteil: Wenn ich das mache, habe ich ein Produkt, das keine Seele hat“, kritisiert Widmann. 

F&B als Geldbringer

Die Auseinandersetzung zwischen Public Space und Zimmer habe sich schon vor zehn Jahren angekündigt, erste Diskussionen wurden schon damals geführt. Eine Wiederentdeckung der Gastronomie war eins der Themen. „Oft hört man in der Branche, dass sich F&B nicht rechnen würde. Am besten reduzieren, weglassen, outsourcen. Und dann kommt 25hours und macht in Berlin 50 Prozent des Gewinns mit F&B.“ Und das ist für Widmann revolutionär: Man kann Geld machen mit F&B. „Und es schafft Identität!“ 
Es bedeutet aber im Umkehrschluss, dass man die lokale Bevölkerung reinbringen muss. Wenn man etwas macht, das nur für Hotelgäste da ist, dann funktioniert es nicht. Den Mut zu sagen, „das funktioniert nicht, machen wir es anders“ – das brauche es heute. „Wir müssen erkennen, dass öffentliche Bereiche und F&B wichtig für die Identität des Hotels geworden sind. Kommen wir zurück auf das, was die Hotellerie ursprünglich war: ein lokaler Treffpunkt, das soziale Herz“, plädiert Widmann. Auch die Annahme, dass sich Lobbyfläche nicht rechnet, sei falsch. „Hotels müssen anders konzipiert werden. Investments und Flächen bei Zimmern reduzieren, Investments und Flächen in öffentlichen Bereichen stärker akzentuieren“, plädiert Widmann. 

Technologische Entwicklung

Hinkt die Hotellerie in der technologischen Entwicklung meilenweit hinterher? Vor zehn Jahren sind automatische Boarding-Gates auf Flughäfen aufgekommen. „Es gab damals die Idee, das auch in der Hotellerie zu machen. Alle Hoteliers haben gesagt ‚nie und nimmer‘. Wenn wir uns in zehn Jahren wiedersehen, dann wird kein normales Hotel mehr eine Rezeption haben, wie man es heute kennt. Mit Ausnahme von Ferien- und Luxushotels vielleicht“, orakelt Widmann. Die Rezeption wird laut Widmann eine völlig andere Funktion haben: als lokaler Gastgeber, Concierge, Tippgeber, nicht als Schlüsselausgabe oder Rechnungsausstellungsstelle. Der Gast wird bezahlt haben, bevor er anreist (Vorteil Cashflow-Management, Anm.), der Gast wird nicht mehr an die Rezeption kommen müssen, um sich den Schlüssel zu holen, und auch nicht mehr, um auszuchecken. Das funktioniert heute schon. Der Check-in-Prozess ist aber nur die Spitze des Eisberges.

„Der Zug ist abgefahren, die Frage lautet nur noch, wie schnell man aufspringt. Als Operator muss man nur daran denken, dass der Gast schon vor der Anreise bezahlt hat. Das ist ein Totschlag-Argument für alle anderen Fragen, ob das noch eine Gastgeberrolle darstellt oder nicht. Wir stehen vor einer technologischen Revolution.“ Und das habe noch einen Grund: die hohen Personalkosten. So ist heute schon ein wesentlicher Faktor bei der Planung von Musterzimmern der Einsatz von Reinigungsrobotern. Und in Norwegen, wo die Lohnnebenkosten noch höher sind als in Österreich, bleiben mancherorts Hotelrestaurants auch einmal geschlossen, wenn die Buchungssituation schlecht ist. Bei uns undenkbar? Widmann: „In Norwegen sagt man: ‚Ja, das müssen wir tun, sonst gehen wir pleite.‘“ Er plädiert für radikale Lösungen, die dabei helfen, Personalkosten zu sparen. „Wir halten an alten Konzepten fest und schlagen Schlachten der Vergangenheit“, sagt Widmann. Stimmt. Wer braucht heute eigentlich noch Roomservice?
www.iir.at 
www.pkfhotels.com

Autor/in:
Alexander Grübling
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