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Gut vermarktet: Der Tiroler Bergsommer. Was braucht der Tiroler Tourismus noch?

Bergsommer als Erfolgsmodell

11.09.2018

Fördern heiße Sommer wie heuer den Urlaub in den Bergen? Das war eines der Themen im ÖGZ-Interview mit Tirol-Werbung-Geschäftsführer Josef Margreiter. Nachholbedarf sieht der Touristik-Chef beim Einsatz Tiroler Produkte und der Wertschöpfung.

„Wandern boomt, auch in  der jüngeren Generation“:  Tirol-Werbung-Geschäftsführer  Josef Margreiter.
Zur Person

Erste touristische Erfahrungen in der elterlichen Land- und Gastwirtschaft sowie in internationalen Hotels und Ferienclubs. Nach Jahren der Selbstständigkeit im Reisebüro- und MICE-Segment erfolgt 1995 die Bestellung zum Geschäftsführer der Tirol Werbung, deren Geschicke er seitdem leitet. 

Auch nach dem knappen Vierteljahrhundert im Amt – „Joe“ Margreiter vermarktet Tirols Tourismus-Einrichtungen seit mittlerweile 1995 – ist der 56-Jährige ein Praktiker geblieben. Entsprechend treffen wir ihn nicht in seinem Büro in Innsbruck, sondern in St. Anton/Arlberg. Das Festival „Kulinarik und Kunst“ setzt dort zum Ende der Sommersaison auf Sterneköche und Promis wie Gérard Depardieu. Die Themen des ÖGZ-Interviews liegen also nahe – und Margreiter zeigt sich gewohnt offen.

Herr Margreiter, lassen Sie uns mit dem Fakten-Check starten: Wie entwickelte sich die Tiroler Sommersaison in den letzten Jahren?
Margreiter: Dank unserer Marketingoffensive, verstärkter Investitionen und vieler neuer Angebotsideen mit hoher Qualität erlebt Tirols Bergsommer seit rund zehn Jahren eine kontinuierlich wachsende Nachfrage. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Übernachtungen um 16 % und die Ankünfte um 28 % gestiegen. Betrachten wir einen Zeitraum von zehn Jahren, sehen wir ein Plus von 21 % Prozent bei den Nächtigungen und von 47 % bei den Ankünften. Diese Zahlen sind allerdings nur bedingt aussagekräftig: Steigerungen bei Ankünften und Nächtigungen repräsentieren nämlich nur eine Seite der Medaille. Die andere umfasst die Rentabilität und Wertschöpfung. Und da hat die Sommersaison noch Aufholbedarf: Unsere Wintergäste geben pro Tag im Schnitt 155 Euro aus, während es im Sommer 119 Euro sind. Fast sieben von zehn Euro werden also aktuell „im Schnee“ verdient. Gleichzeitig ist es erfreulich zu sehen, wie viele unserer Betriebe und Regionen auch im Sommer eine wachsende Preisdurchsetzung realisieren. 

Der (vergleichsweise) Mangel an Seen in Tirol lässt sich ja nicht ändern. Wie kompensiert man das?
Die wichtigsten Motive für einen Tirol-Urlaub im Sommer sind die Berge, Natur sowie das Angebot an Wanderwegen. Acht von zehn Gästen gehen während ihres Aufenthaltes wandern – es ist und bleibt die mit Abstand beliebteste Aktivität unserer Sommerurlauber. Aber auch wer Seen sucht, ist sehr gut aufgehoben – vom Plansee über den Achensee bis zum Tristacher See gibt es reichlich Möglichkeiten. Das Baden ist die zweitpopulärste Aktivität unserer Gäste, zumal nicht zuletzt auch viele Hotels mit großzügigen Wasser- und Wellnessanlagen ideale Voraussetzungen bieten. Darüber hinaus ist das Wassererlebnis auch abseits des Badens besonders gefragt: von Wasserfällen über Wanderungen entlang des Wassers wie dem Stubaier „WildeWasserWeg“ bis hin zu Inszenierungen und Erlebniswelten wie dem „Hexenwasser“ in Söll.

Und wie läuft es bei Wanderern? Erreicht man neue Zielgruppen?
Wandern boomt nachweislich, auch in der jüngeren Generation. Der Ausbau, die Erweiterung und Modernisierung des Angebots haben maßgeblich dazu beigetragen, dass wir neue Zielgruppen erreichen. Insbesondere die Weitwanderwege haben hohe Anziehungskraft – von alpin-anspruchsvoll wie dem Adlerweg bis zu beschaulicheren Routen wie dem Lechweg. Auch Pilgerwege wie der Jakobsweg erfreuen sich großen Zuspruchs. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die Seilbahnen, die unsere Gäste unabhängig von Alter und Bewegungsdrang in die Höhe bringen, um ihre Wanderungen direkt in der Bergwelt zu starten.

Bald hat auch jede Bergbahn ihr Sommer-Genuss-Event. Wie viel verträgt es an diesen – nicht preisgünstigen – Events? Was läuft besonders gut, was weniger?
Den größten Erfolg haben jene Festivals, die ein stimmiges Konzept mit einem konsequenten Bekenntnis zur Qualität kombinieren. Ein gelungenes Beispiel neben „Kulinarik und Kunst“ am Arlberg oder der „KochArt“ im Unterland ist der „Kulinarische Jakobsweg“ im Paznauntal. Die Verbindung aus Hüttenwanderungen und kreativen Gerichten, die Sterneköche aus regionalen Zutaten zubereiten, kommt auch nach zehn Jahren sehr gut an. Regionalität steht ebenso bei den bäuerlichen Festen im Vordergrund, die sowohl Gäste als auch Einheimische ansprechen. Was die Anzahl an derartigen hochqualitativen Veranstaltungen und Festivals angeht, sehe ich den Plafond noch nicht erreicht. Die Qualität unserer Spitzenküchen und Weinkeller verspricht noch Potenzial für weitere internationale Kulinarik-Anlässe!

Auffällig ist aber die Abwesenheit von Tiroler Genussprodukten in den (teuren) Sponsorpaketen – gibt es da Ansätze, etwas zu ändern?
Unsere Landwirtschaft ist sehr kleinteilig, ein Gebirgsland wie Tirol bietet daher vergleichsweise weniger Zutaten für kulinarische Spitzenleistungen. Wir positionieren uns folglich stärker mit Gastlichkeit auf Topniveau, was insbesondere an der Fülle von Haubenküchen und anderen kompetenten Dienstleistern wie Sommeliers abzulesen ist.

Aber wie schafft man den Schulterschluss, damit etwa die Arlberger Dorfsennerei nicht alle drei Jahre ums Überleben kämpft? Oder Tiroler Craft Beer im Land sichtbarer wird? Letzten Endes trägt das ja auch zum überregionalen Prestige als Genussland bei.
Landwirtschaft und Tourismus haben sich in jüngster Zeit wieder deutlich stärker angenähert. Einen wichtigen Baustein stellt dabei der Bildungsbereich dar. Dort wurden Projekte initiiert, die das gegenseitige Verständnis fördern. Sprich: Tourismusschüler lernen die Herstellung regionaler Produkte kennen und erfahren mehr darüber, wie man diese am besten zubereitet und verwendet. Umgekehrt werden Landwirtschaftsschüler über die Bedürfnisse des Tourismus sowie Konsumtrends der Gäste und die damit verbundenen Absatzchancen informiert. Gerade in diesem Bereich haben wir noch viel Potenzial – nicht zuletzt, weil auch den Gästen authentische und regionale Produkte im Urlaub immer wichtiger werden. Im Sommer gilt es die Initiativen zur regionalen Vermarktungspartnerschaft zwischen Landwirtschaft und Tourismus deutlich auszubauen. Das steht als Perspektive für die junge Generation, aber auch als Wettbewerbschance und Qualitätsfaktor bei unseren Gästen außer Frage

Autor/in:
Roland Graf
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