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Beruf mit höchster Arbeitssicherheit

14.01.2005

ÖGZ-Interview mit BSO Johann Schenner und Egon Blum über den Stellenwert einer Lehre in der Tourismusbranche.

ÖGZ: Die Tourismus-Branche hat offensichtlich ein Problem: Sie ist die einzige Branche mit genügend offenen Lehrstellen, aber zu wenigen Lehrlingen. Außerdem hat der Tourismus als Arbeitgeber ein Imageproblem – die Arbeitszeiten, die Arbeitsbedingungen und die darüber hinaus schlechte Bezahlung werden als Gründe genannt. Worin sehen Sie das eigentliche Problem und welche Lösungen gibt es?

Johann Schenner: Sie haben Recht: Wir haben heute ein Imageproblem, weil angeblich die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Vor 40 Jahren war das anders – da war der Tourismus noch eine sehr beliebte Branche. Ich sage Ihnen aber: Unsere Arbeiter und Angestellten im Tourismus haben mit den Arbeitszeiten kein Problem, weil sie diese als Teil ihrer Arbeit akzeptieren! Sie haben auch mit der Saisonarbeit kein Problem, weil sie von vornherein wissen, was sie erwartet. Der Tourismus verlangt nun mal Wochenend-Dienst. Das verlangen aber andere Jobs auch. Nehmen wir
z. B. einen Arzt her: Auch ein Arzt hat Wochenend- und Nachtdienst und muss oft Marathonarbeit leisten – der Unterschied: Der Arzt hat offensichtlich kein Imageproblem. Wir müssen weggehen von der Problemdiskussion hin zum Transportieren der positiven Aspekte: Durch den Tourismus kann man weltweit Karriere machen und gerade unsere erfolgreichen Touristiker mit einer österreichischen Ausbildung sind weltweit vertreten. Der Tourismus hat die höchste Arbeitssicherheit und Flexibilität und durch die umfangreiche lebensbezogene Ausbildung ist es auch kein Problem, wenn man mit 35 oder 40 die Branche wechselt. Denn unsere Mitarbeiter sind Spezialisten für alle Dienstleistungs- und Managerberufe!

Egon Blum: Das Besondere an der Tourismusbranche ist auch, dass man jederzeit und überall mit seiner Arbeit, mit seiner Dienstleistung Stimmung, Geborgenheit, Verständnis und sogar ein Lächeln produzieren kann. Damit sieht man den Erfolg und das Ergebnis seiner Arbeit sofort. Es ist aber wichtig, dass schon der Lehrling erfährt, dass „der Kunde König ist“. Denn beim Gast zählt der erste Eindruck – die Darstellung und die Art des Auftretens. Das ist es, was der Ausbilder dem Lehrling – zuvor aber „Lernen über Erleben“ – lehren muss. Aber auch der Gast sollte manchmal lernen, König zu sein, denn dies ist man im Leben nur so lange, als man sich als ein echter benimmt. Denn auch der Gast sollte sich seiner Rolle gemäß verhalten.

ÖGZ: Wie kann man Jugendlichen eine Lehre im Tourismus schmackhaft machen?

Blum: Das Wichtigste ist, dass die Lehrlinge selbst von ihrer Tätigkeit überzeugt sind und interessiert darüber in der Öffentlichkeit sprechen. Man muss Lehrlinge zu Wort kommen lassen, weil vor allem sie es sind, die Jugendliche – also unser Potential – ansprechen. Denn die beste Werbung für einen Beruf ist nun mal Mundpropaganda, nämlich das, was der Lehrling über seinen Beruf und den Betrieb sagt!

Schenner: Es muss Überzeugungsarbeit geleistet und die breite Öffentlichkeit sensibilisiert werden, denn leider ist der Stellenwert unserer Fachkräfte oft zu wenig bekannt. Unternehmer, Branchen- und Interessenvertreter müssen nicht nur selbst davon überzeugt sein, sie müssen dies auch transportieren und sagen, wie wichtig und toll der Beruf ist. Auch Selbstbewusstsein ist förderbar! Darum haben wir diese Woche unsere Funktionäre und Obleute zu einem „runden Tisch“ mit Regierungsbeauftragtem Blum geladen. Denn wenn unsere Meinungsbilder eine positive Einstellung haben, wirkt das auch motivierend für unsere Mitarbeiter.
Natürlich – und vielleicht hat man dies vernachlässigt – müssen auch Eltern, Schüler und Lehrer informiert und aufgeklärt werden über die Möglichkeiten, die sich einem Jugendlichen im Tourismus bieten. Ganz wichtig ist es hier, gerade praxisorientierten Lerntypen die Chance aufzuzeigen, über eine Lehre Karriere machen zu können. Mit einer Lehre stehen einem alle Wege offen. Die Lehre mit Matura zum Beispiel ist gerade für Praktiker die Chance, über die Lehre mit Berufsreifeprüfung abzuschließen und so auch einen Hochschul- oder Studiengang wählen zu können. Der Hotel- und Gastgewerbeassistent ist der Lehrberuf im Tourismus, der sich besonders dazu eignet. Unser langfristiges Ziel muss sein, die duale Ausbildung zu modernisieren und die Zukunftschancen aufzuzeigen, um so ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu verbessern.

Blum: Gerade deshalb muss die Lehre mit Matura viel mehr propagiert werden. Wir müssen Eltern und Lehrer über diese Möglichkeit und ihren Stellenwert informieren. Denn damit kann auch die Drop-out-Rate an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen gesenkt werden. Wichtig ist aber auch, dass unsere Unternehmer sich darüber bewusst sind, dass das Ausbilden von Lehrlingen eine Investition in die Zukunft ist. Die Ausbildung von Lehrlingen ist eine der besten Möglichkeiten, um ein Unternehmen fit zu halten und die beste Medizin gegen Fachkräftemangel. Gerade in Anbetracht der demographischen Entwicklung müssen wir das vorhandene Potential an 15-Jährigen nützen und jetzt Lehrlinge ausbilden, um in fünf Jahren nicht unter einem eklatanten Fachkräftemangel zu leiden. Denn die Lehrlinge von heute sind unsere qualifizierten Fachkräfte von morgen!

ÖGZ: Wäre die Lehre mit Matura auch eine Lösung für das Abschneiden Österreichs in der Pisa-Studie?

Schenner: Sicherlich nicht das Allheilmittel, aber ein Weg in die richtige Richtung. Denn die Pisa-Studie hat gezeigt, dass viele Schüler Schreib- und Leseschwierigkeiten haben. Das haben wir zwar auch bei unseren Lehrlingen, aber dafür können wir ausgezeichnete Lernerfolge im praktischen Bereich verzeichnen. Eine praxisorientierte Ausbildung durch die Lehre ist für Praktiker optimal – parallel dazu die Berufsreifeprüfung und dem Jugendlichen stehen alle Wege offen. Übrigens ist das österreichische Modell der dualen Ausbildung international anerkannt – und gerade die skandinavischen Länder stehen da noch hinten an.

Blum: Die Österreicher sind nach dem hervorragenden Abschneiden bei den Berufsolympiaden für viele andere Länder Vorbild: Sogar die Finnen kamen nach Österreich, um sich über unser duales System zu informieren, weil wir ihnen in der beruflichen Qualifikation voraus sind.

Schenner: Schließlich ist unser duales Ausbildungssystem auch wesentlich dafür verantwortlich, dass Österreichs Jugendarbeitslosenquote (15-24 Jahre) mit 9,8 Prozent nur halb so hoch ist wie im europäischen Durchschnitt (18,1 Prozent). Die Lehre hat Zukunft und eine Karriere mit Lehre im Tourismus kann für viele unserer Jugendlichen die Zukunft sein, da unsere Ausbildung nicht verbaut, sondern aufbaut!

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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