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Blue Mustard: Aufregender Stilmix

22.06.2016

In Wiens Innenstadt hat eine spektakuläre, aber auch gewöhnungsbedürftige RestoBar eröffnet: das Blue Mustard

Wo einst ein Varieté zu Hause war, gibt es jetzt internationale Spitzenküche von Alexander Mayer, innovative Drinks von Reinhard Pohorec und sehr feine Desserts von Philipp Eder. Dafür hat man hier die klassische Menüfolge abgeschafft. Alles ist gleichwertig. Auch die Getränkebegleitung, zusammengestellt von Restaurantleiter und Sommelier Manfred Schilcher und dementsprechend auf der Speisekarte präsentiert: links das Essen, rechts die Getränke. Da unterstreicht dann der Cocktail Leopoldi mit Verjus, Wein, Marillenlikör und einer Salbeiinfusion aromatisch die geeiste, chilischarfe Pistou Suppe mit gefrorenem Joghurt, Mara des Bois Erdbeeren und einem orientalisch gewürzten Bulgur-Kuchen.

Kulinarische Reisen

So startet eine kulinarische Reise im Blue Mustard, in diesem Fall von Paris nach Tokio. Patron Vahe Hovaguimian und Alexander Mayer sind beide weitgereist. Der geborene Armenier hat sich in  der Dorotheergasse seinen gastronomischen Traum verwirklicht und mit Mayer einen kongenialen Partner gefunden, der mit ihm ein weltstädtisches Lokal verwirklicht: international inspirierte Cuisine auf hohem Niveau ohne Scheuklappen, locker präsentiert, mit einem ästhetisch und konzeptionell ungewöhnlichen und durchaus gewöhnungsbedürftigen Konzept.

Bar oder Restaurant?

Ist das nun eine Bar mit Livemusik oder ein Abendrestaurant mit guten Drinks und spezieller Atmosphäre? Und was ist das für eine Küche? Durchaus regionale Zutaten und Gerichte wie Mayers überragend aromatischer Signature Dish Sto-Suppe mit zarten Backerln trifft auf bretonischen Hummer, Piment d‘ Espalette, mexikanische Original-Chili, Fischleber, Kombo-Algen und alkalisch eingelegten Mais. Mayer liebt die bretonische, die baskische, die mexikanische und die steirische Küche, und das mixt er in seinen Menüs jenseits aller Regionalküchen wild durcheinander. Die Regionalküche als solche mag er nicht, ebenso wenig die Molekularküche und alle „Dekonstruktionen“, wie er das nennt. Lieber experimentiert er mit exquisiten Zutaten, die ihm teilweise direkt von der bretonischen Küste geliefert werden oder die er in einem Spezialladen aufgetrieben hat.

Zusammengebracht und konzeptionell beraten hat die beiden Gastrowahnsinnigen Kitchen Konsulting. Die haben auch einen US-amerikanischen Street Food Truck in den Eingangsbereich gestellt, wo es mittags was zu essen auf die Hand gibt. Die Jacken hängt jeder über die Lehne seines Ledersessels, die Kellnerinnen tragen Jeans, manche Barkeeper große Ohrringe. Alle wirken sehr motiviert.

Kitschig oder stylish?

Das Design des Lokals grenzt allerdings hart an Kitsch: Die Bar wird von gotischen Fensterbögen a lá Stephansdom dominiert, die auch noch in bunt-changierenden Farben angestrahlt werden. Das ergibt eine seltsam postmodern, sehr amerikanisch wirkende Sakralität. Die Retrobirnen, die auf Fotos wie Tropfen wirken, beißen sich etwas mit den in die Decke eingelassenen Strahlern und den abstrakten, von hinten beleuchteten Stadtplanmustern an den Wänden. Vermutlich wird es, wenn am Wochenende Livebands aufspielen statt der ansprechenden Lounge-Musik aus der Konserve (später Leonard Cohen, mittlere Sade und American Songbook), ziemlich laut.

Alles in allem ein ziemlich wilder Mix, der in New York City oder Barcelona fast schon gehobener Mainstream wäre, in Wien aber alles andere als das ist. Und der ziemlich viel Spaß macht. Nicht nur den Gastronomen. Aber das Blue Mustard balanciert stilistisch und konzeptionell auf einem schmalen Grad. Hoffentlich hat „Zugvogel“ Alexander Mayer, der auf Schiffen das Kochen gelernt hat, hier einen Hafen gefunden.

Blue Mustard. Restaurant – Bar. Dorotheergasse 6-8, 1010 Wien, Tel. 01/934 67 05

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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