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Auf dem Podium saßen von links nach rechts: der stellv. Chefredakteur von „fizzz“ Benjamin Brouër, Kristin Putzke, Cynthia Barcomi und Sophia Hoffmann.

Chefinnen zieht es ins Catering

08.11.2017

Auf dem Gastrogründer-Tag in Berlin wurde heiß über die Rolle von Top-Frauen in der Top-Gastronomie diskutiert.

Es verhält sich in der Gastronomie nicht anders als in anderen Branchen: Der Frauenanteil ist in Führungspositionen nach wie vor viel zu gering. An mangelnder Qualifikation kann es nicht liegen, auch nicht an den sogenannten weichen Faktoren. Zum einen standen Frauen jahrhundertelang am Herd, galten als das „nährende Geschlecht“ – und dennoch: In den Küchen, insbesondere in den Sterne- und Haubenküchen, sind sie rar. 

Viel und häufig wurde darüber schon geredet, so auch auf dem Gastro-Gründertag, der Mitte Oktober in Berlin stattfand. Unter dem Motto „Chefinnensache – Herausforderungen von Frauen in der Gastronomie“ diskutierten Cynthia Barcomi, die sich als Konditorin, Unternehmerin, TV-Köchin und Buchautorin einen Namen gemacht hat, Sophia Hoffmann, vegane Köchin und bloggende Journalistin, Benjamin Brouer vom Magazin „fizzz“ sowie Kristin Putzke, Geschäftsführerin von Jim Block.  

Woran es denn nun also liegen könne, dass es in der Gastronomie so wenige Chefinnen gibt? „Männer können besser in Konkurrenz treten und so auch nebeneinander erfolgreich sein“, mutmaßt der einzige Mann auf dem Podium, Benjamin Brouër. Der stellvertretende Chefredakteur vom Magazin „fizzz“ versuchte in der Unterschiedlichkeit der Geschlechter eine Erklärung zu finden.

Kristin Putzke, die nicht nur in ihrer Funktion als Chefin von Jim Block eingeladen war, sondern auch als Teil des Frauennetzwerks Foodservice, hält dagegen: „Dass Frauen und Männer unterschiedlich ticken, ist bekannt. Die Frage ist, was man Positives daraus machen kann.“ Sie ist 2013 über das Cross-Mentoring-Programm zum Netzwerk für Managerinnen und Unternehmerinnen gekommen. Dank dieses Programms erhalten weibliche Nachwuchskräfte die Möglichkeit, von erfahrenen Frauen firmenübergreifend Beratung und Hilfestellung auf ihrem Karriereweg zu bekommen. Genau deshalb sei das Frauennetzwerk entstanden, „weil nur wenige Frauen bis in die Spitzenpositionen der Unternehmen gelangen.“ Das Ziel von Foodservice ist klar: „Wir brauchen in der Markengastronomie und in großen Firmen mehr Frauen in Entscheiderpositionen, damit sich in der Unternehmenskultur etwas verändert“, sagt Kristin Putzke. 

Lieber beim Catering

Cynthia Barcomi ist es leid, immer als Teil des Problems betrachtet zu werden. „Ich möchte Teil der Lösung sein!“ Sie habe Führungstalente und möchte andere Frauen ermutigen, ihr Ding zu machen und sich nicht von ihrem Weg abhalten zu lassen. Die umtriebige Unternehmerin beschäftigt rund 50 Mitarbeiter, der Frauenanteil liegt bei zehn Prozent. 

Sophia Hoffmann beklagt die Menschenfeindlichkeit und den Sexismus in der Gastronomie. Der raue Ton in den Küchen sei ein Problem für Frauen. „Viele wollen keine klassische Kochausbildung mehr machen“, sagt die 37-Jährige, räumt aber auch ein, „dass auch viele Männer mit dem Arbeitsbedingungen nicht glücklich seien“. Alle sind sich einig, dass der feldwebelartige Umgangston insbesondere in den Sterneküchen kein Geschlechter-, sondern ein Gastronomiethema sei. Es sei zu beobachten, so Hoffmann weiter, dass viele Frauen, statt in Restaurantküchen zu arbeiten, lieber eine Cateringfirma gründen. Deshalb seien die Chefinnen in der Branche nicht so sichtbar wie ihre männlichen Kollegen. „Besonders auf den Showkochbühnen und bei Food-Events sind Frauen stark unterrepräsentiert“, sagt Sophia Hoffmann, die als vegane Köchin und Youtuberin häufig auf solchen Veranstaltungen unterwegs ist. Auch TV-Kochformate wie „Grill den Profi“ oder „Hell’s Kitchen“ sind männlich dominiert. Würde sich eine Frau bei einer solchen Show so verhalten wie etwa Steffen Henssler würde man sie als Zicke wahrnehmen. 

Ein weiterer Aspekt ist die (Un-)Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Gastronomie wird häufig abends und am Wochenende gearbeitet, ein weiterer Grund dafür, dass viele Frauen bei der Familienplanung aus dem Job aussteigen. Cynthia Barcomi argumentiert aus Unternehmersicht, denn sie hat mit weiblichen Mitarbeitern auch schlechte Erfahrungen gemacht. Da hält sie zwei Jahre lang den Arbeitsplatz einer Mitarbeiterin frei, die ein Kind bekommen hat, um dann zu erfahren, dass sie nicht in den Job zurückkommt oder vielleicht noch ein zweites Kind bekommen möchte. Dafür hat Barcomi, selbst vierfache Mutter, wenig Verständnis. Kristin Putzke sieht das ähnlich kritisch: „Frauen warten nicht nur darauf, entdeckt zu werden. Sie warten auch darauf, dass der Arbeitgeber auf sie zugeht, wenn sie schwanger wird. Aus meiner Sicht sollten Frauen früher aktiv werden und von sich aus formulieren, was sie vorhaben und planen.“ 

Billy Wagner vom Berliner Restaurant „Nobelhart & Schmutzig“ meldete sich am Ende der Diskussion zu Wort. Er beschäftigt vier Frauen, alle um die 30 Jahre alt. Allerdings räumt auch er ein, dass man in einem kleinen Unternehmen sehen muss, wie es weitergehen kann, falls eine seiner Mitarbeiterinnen schwanger wird und es unklar ist, ob sie nach der Babypause wieder einsteigt. Denn er lege großen Wert auf Kontinuität in seinem Team. Aber im Grunde sei es ihm egal, ob er Frauen oder Männer beschäftigt: „Ich will die besten Leute“, sagt Wagner. „Und da wäre es ja blöd, auf 50 Prozent zu verzichten.“

 

Von Heike Gläser, Berlin

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