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Cicero in stiller Verwirrung

20.06.2013

Als alter Römer hat Ihr Cicero so manche denkwürdige Zeit miterlebt. Jüngst – beim Besuch eines Hotelrestaurants auf dem Semmering – fühlte er sich irgendwie an die Nachkriegsjahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert.

Verantwortlich dafür waren freilich nicht die Speisen. Mehrere Personen in der geselligen Freundesrunde hatten gegrillten Fisch bestellt, der sehr zeitgemäß und mit wunderbar knuspriger Haut zubereitet war. Serviert wurden die Filets allerdings, als wäre wie anno dazumal nur dieses Geschirr verfügbar, auf – nein, richtiger in – übergroßen Suppentellern. Fisch, Beilage und Sauce vereinten sich dabei in den Tiefen der Porzellanschüssel zu einer seltsam anmutenden Melange, die es kaum zuließ, den Fisch bissgerecht zu teilen.

So konnte man in der Folge den einen oder anderen pfiffigen Gast dabei beobachten, wie er das Filet auf den beeindruckend breiten Tellerrand hob, um diesen als feste Unterlage für das Messer zu nutzen. In der Folge fand sich übrigens doch noch anderes Geschirr im Repertoire des Restaurants. Das Dessert wurde auf übergroßen Fleischtellern angerichtet, in deren Weiten sich die Bestandteile der Nachspeise so ziemlich verloren und die gesetzten Fruchtmarktupfer statt freudiger Verführung bestenfalls stille Verwirrung zu stiften vermochten.

In Summe entstand so der seltsame – wenngleich keineswegs seltene und nur auf diese Gaststätte beschränkte – Eindruck, dass dem Gast hier in erster Linie das Geschirr verkauft werden soll und weniger die Speisen darauf.

Falls Sie sich betroffen fühlen, schreiben Sie uns: i.stelzmueller@wirtschaftsverlag.at

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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