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Das „Gastrokid“ als Umsatzhit

22.05.2006

Wirte, die sich um Kinder kümmern, gewinnen deren Eltern als Stammkunden und damit beim Umsatz.

Es ist das Horrorszenario im Wirtshaus: ein brüllendes kleines Kind am Tisch, das genau so wenig essen wie sich beruhigen lassen will; die Eltern gestresst, die Tischnachbarn verärgert und der Servicemitarbeiter genervt.
Vielleicht ist es dieser nicht selten wahr gewordene Alptraum, der Gastronomen in großer Zahl davon abhält, sich nachhaltig und strategisch mit dem Kind als Gast auseinander zu setzen.
Schlecht aufgestellt
„Fast 50 Prozent der Wirte sind in ihrer Kinderorientierung ungenügend aufgestellt“, sagt Martina Riegler, hauptberuflich Mitarbeiterin des Steiermark-Tourismus. Als Absolventin des Universitätslehrgangs für Tourismus an der WU-Wien hat sie eben diesen Bereich des „Gastro-Kids“-Marketing konsequent analysiert. Zur Durchführung von „Mystery Guest Analysen“ wurden 320 Kinder sowie 320 Mütter bzw. Väter sowohl über ihre Erwartungshaltung an die Gastronomie bzw. ihre Zufriedenheit mit dem vorhandenen Angebot befragt. Das Resultat: „Insgesamt dürfte der Restaurantbesuch für sie eine ziemlich langweilige Angelegenheit sein“, bilanziert Riegler in ihrer Projektarbeit. Unter 13 bewerteten Angeboten – von der Kinderspeisekarte über ein Spielzimmer bis hin zum Streichelzoo – kommen nur fünf über eine durchschnittliche Zufriedenheit hinaus. Gleich viele schneiden auf einer Bewertungsskala von 0 (min.) bis 10 (max.) mit weniger als 2 Punkten ab.
Ähnlich miserabel fällt die Zufriedenheitsbeurteilung der Eltern aus. Unter 18 Leistungskriterien bleiben auf der zehnteiligen Skala ganze 14 unter 5.
Riegler wollte in ihrer Untersuchung freilich nicht nur den Status erheben, sondern auch dem Potenzial von Verbesserungen auf den Grund gehen. Das Fazit, das die Marktforschung dabei zu Tage fördert, ist beeindruckend: „Sind Gastronomen bereit, spezielle Angebot für die Zielgruppe von Familien mit Kindern zwischen vier und 12 Jahren zu entwickeln, wird sich der Umsatz pro Familie und Aufenthalt um insgesamt 21 Prozent erhöhen“, fasst Riegler zusammen. Derart spezialisierte Gastronomiebetriebe würden von der Hälfte der Zielgruppe mindestens zweimal pro Monat besucht. In ihrer Projektarbeit hat die Tourismusmanagerin das zum Anlass genommen, ein eigenes Gütelsiegel zu „Kids-Tauglichkeit“ der Gastronomie zu entwickeln. Ausgehend von der Wunschliste und der Leistungsbewertung, die aus den Befragungen von Eltern und Kindern hervorgegangen sind, hat Riegler einen Kriterienkatalog erstellt, den jeder Wirt sofort anwenden kann.

Kinderorientierung ist sicher keine Frage des Geldes. Mit Kreativität und ein wenig Geschicklichkeit können die geforderten Kriterien relativ einfach erfüllt werden“, ist Martina Riegler, frischgebackene Tourissimus-Preisträgerin, überzeugt. Dabei seien nicht Markenprodukte das entscheidende Indiz für Kinderfreundlichkeit, sondern der emotionale Mehrwert. Oder anders formuliert: Es gehe um den persönlichen Einsatz von Wirtin, Wirt und Mitarbeitern für die kleinen Gäste.
Hard- und Softwareeffekte
Der optimale Effekt entsteht freilich, wenn sich Software und Hardware ergänzen. Ein Paradebeispiel dafür ist etwa der Appelhof, ein Kinderhotel mit ca. 100 Betten, im steirischen Mürzsteg. Das Angebot für Kids ist wahrhaft spektakulär. Unter anderem finden sie den 145 m2 großen Kinderclub Appelwurm für kleine Leute von 0 bis 7. Ältere Kids lockt ein abwechslungsreiches Animationsprogramm oder Degi’s Abenteuerschule. Der Indoor-Spielplatz mit Märchenburg, mit Softplay-Anlage, Billard-Tisch, Playstation-Konsolen, einem Spacezimmer, Rutsche, Schaukeln, Ballhaus etc. ist allein 1.000 m2 groß. Und Outdoor wartet der Betrieb mit einem 80.000 m2 großen Spielplatz auf – mit Attraktionen wie Piratenschiff, Seilbahn, Elektroautos oder Kletterwand.
Noch mehr als die Gerätschaft trägt freilich Milan zum Erfolg des Hotelbetriebs bei. Er tritt als Geschichtenerzähler, Maler, Innenarchitekt oder Gestalter des „KiKoKu“ (Kinderkochkurs), vor allem aber als charismatischer Kumpel der Kinder in Erscheinung und sorgt so dafür, dass der Appelhof anders ist als andere Kinderhotels. „Er ist zweifellos eine tragende Persönlichkeit für unseren Betrieb“, ist Mag. Martin Jakubowa, die für das Marketing im Appelhof verantwortlich zeichnet, überzeugt.
„KiKoKu“ ist auch bezeichnend für die Möglichkeiten, das Ernährungsverhalten der Kids auf spielerische Art zu beeinflussen und zugleich die Eltern zu begeistern. „Es ist faszinierend, wie Milan mit den Kindern Sachen kocht, die sie zu Hause nie essen. Und hier schmeckt es ihnen großartig“, erzählt Jakubowa.
Kochkurse nutzt man auch andernorts: Von Toni Mörwald bis zum Zwei-Hauben-Koch Gerhard Gugg im Mesnerhaus in Mauterndorf verstehen es insbesondere Gastronomen der Spitzenklasse mit solchen Veranstaltungen zu punkten. Sie liefern damit nicht zuletzt einen wertvollen Beitrag zur Sensibilisierung der Kinder für gutes Essen – und prägen damit das Ernährungsverhalten der Gäste von morgen.
Die Top-3-Wünsche
… der Eltern
1.) Das Getränkeangebot beinhaltet auch Wasser und naturtrübe Fruchtsäfte.
2.) Außerhalb des Gasthauses gibt es einen gut abgesicherten Spielplatz
mit Sandkiste, Wippe, Rutsche, Klettergerüst, Schaukel etc.
3.) Kinder können aus der normalen Speisekarte wählen, da von allen Gerichten kindergerechte Portionen zu entsprechenden Preisen angeboten werden. Die Speisen können auch nach eigenem Geschmack kombiniert werden.

… Der Kids
1.) Wir Kinder können aus der normalen Speisekarte wählen, da es von allen Gerichten kindergerechte Portionen gibt. Die Speisen dürfen wir auch nach eigenem Geschmack zusammenstellen.
2.) Für uns Kinder steht ein TV- bzw. Kinoraum zur Verfügung.
3.) Im Gasthaus gibt es ein eigenes Spielzimmer für Kinder.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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