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Das improvisierte Café

18.07.2018

Ein Künstlertrio schuf in Wien ein Kaffeehaus, das nur aus Spenden entstand. Die ÖGZ besuchte das Café Mangel.

Café Mangel

fand im Rahmen des Festivals Soho in Ottakring statt. Dabei setzen im Bezirk lebende Künstlerinnen, Designer und Architekten unterschiedliche Projekte um. 

Der Name ist im Café Mangel Programm. „Wir brauchen Milch, im Moment gibt es nur Sojamilch für den Kaffee“, sagt Nora Gutwenger. Sie hofft, dass jemand eine Packung vorbeibringe. Einfach mal vom Großhändler liefern lassen, das gibt es hier nicht! 
Gemeinsam mit Stephan Trimmel und Lisa Puchner hat Nora Gutwenger das „Café Mangel“ aus der Taufe gehoben. Es ist ein Kunstprojekt im Rahmen der Veranstaltung „Soho in Otta-kring“. Die Idee der drei Künstler: In einem leerstehenden Geschäftslokal soll für ein paar Wochen ein Kaffeehaus entstehen, und zwar ohne einen Euro zu investieren. Alles – wie Möbel, Geschirr oder Lebensmittel – soll von den Anwohnern der umliegenden Gemeindebauten sozusagen gespendet werden. 

Sammelaktion

Tagelang habe man sich durch die umliegenden Gemeindebauten geklingelt, erzählen die Initiatoren des Café Mangel. Manchmal schlug man ihnen die Tür vor der Nase zu, manche stellten sich einfach tot, aber viele gaben die unterschiedlichsten Dinge für den Betriebsstart des Kaffeehauses. Darunter Möbel, Geräte, Geschirr oder auch Dienstleistungen wie Musikdarbietungen.  
In Wohnbauten sei es ja üblich, dass man beim Nachbarn anklopft und um Milch oder Eier frage, meint Mitinitiator Stephan Trimmel. „Wir waren erstaunt, dass so viel zusammengekommen ist“, sagt Lisa Puchner. Mittlerweile bringen die Leute auch schon unaufgefordert Sachen vorbei. Vor ein paar Tagen kam jemand mit der seltsamen Kombination aus Spargel, Nudeln und Hundefutter. Egal, eine Verwendung findet sich meistens. Bezahlen muss man hier nichts. In einer kleinen Küche im Hinterzimmer werden auch täglich Speisen gekocht. 
Vorne füllt sich das kleine Gastzimmer mit Leuten. Die Sessel und Hocker sind teilweise zusammengebastelt. Gerade mal zwei Tische gibt es im Café Mangel derzeit – aber das kann noch mehr werden. Man muss sich zwangsläufig zu anderen setzen. Das ist durchaus initiiert. Eine Anrainerin kommt mit ihrem Mann herein. Der Herr setzt sich in die Ecke und liest Zeitung. Die Frau plaudert, tauscht Geschichten aus. In der Gegend gebe es kein ihr entsprechendes Kaffeehaus, klagt sie. Darum mag sie das Projekt. Schade, dass es nach ein paar Wochen schon vorbei ist.  

Vorbild?

Offensichtlich kommen hier Menschen zusammen, die sich sonst nicht treffen würden. „Es scheint, dass einige Leute hier auf uns gewartet haben“, meinen die Initiatoren. Sie wollen das Projekt jedenfalls auch nach dem Festival weiterführen. Eine Idee: Man könnte sich spezialisieren. Etwa Kuchen-Wochen anbieten. Dann müsste man die Leute konkret fragen, ob sie einen Kuchen backen. Wieso nicht? Heute hatte man beispielsweise Glück. Gleich zwei Kuchen-Spenden wurden für den nächsten Tag angekündigt. 
Doch was kann man als Gastronom, als Gastronomin von diesem Kunstprojekt abschauen? Neben der bemerkenswerten Improvisationsgabe (etwa Speisen und Getränkekombinationen je nach vorhandenen Lebensmitteln zu zaubern) gelingt das Storytelling hier prächtig. Die Leute scheinen sich schnell als Teil des Projekts zu fühlen. Mangel macht erfinderisch und verbindet: Die Leute bringen selbst Sachen ein. Es ist ein Geben und Nehmen. Binnen einer Woche ist so etwas wie eine Stammkundschaft entstanden. 
Sind die Künstler gar auf den Geschmack gekommen, ein normales Café zu betreiben? Auf die Frage antwortet das Trio mit einem Grinsen. Wenn man Miete berappen und diverse Genehmigungen einholen müsse, sehe das schon ganz anders aus, meint Trimmel. Und Nora Gutwenger fügt schmunzelnd hinzu: „Wenn du Wirt bist, musst du wirklich viel mit den Leuten reden. Das ist mir erst in den letzten Wochen bewusst geworden.“ 

Autor/in:
Daniel Nutz
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