Direkt zum Inhalt

Das kostbare Gut „Winter im Schnee“

10.09.2015

Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung, über die Zukunft des Wintertourismus, verfälschende Jubelmeldungen und glückliche Schweizer

Josef Margreiter sieht noch Potenzial im Frühjahr – und schwört aufs Skifahren.

Interview: Thomas Askan Vierich

Herr Margreiter, wenn Sie sich einen Touristen im Jahr 2030 vorstellen: Was wird der in Tirol nachfragen und finden? Was vielleicht nicht mehr?
Josef Margreiter: Vor dem Hintergrund einer globalisierten, vernetzten und digitalisierten Welt gewinnt das Authentische und Echte an Bedeutung. Ein Trend, der für uns spricht, denn Tirol ist Lebens- und Erholungsraum für Einheimische wie Gäste, ein Kraftplatz im Herz der Alpen, der alle Sinne anspricht. Angebote, die die aktive Erholung in einer intakten Natur in den Mittelpunkt stellen und damit eine Gegenwelt zum Alltag bilden, werden genauso an Bedeutung gewinnen wie die Faktoren Sicherheit, Ruhe und gutes Essen mit Herkunftsgarantie. Umgekehrt werden durchschnittliche oder veraltete Angebote ohne Profil und Spezialisierung immer weniger Nachfrage erfahren. Wachstum muss unter der Prämisse „Qualität vor Quantität“ erfolgen, und wer Profil hat, dem wird dies gelingen.

Was sagen Sie zu den Klagen der Hotellerie, dass die aktuellen Rekordzahlen aus dem Sommer nicht die betriebswirtschaftliche Wirklichkeit wiedergeben?
Eine Aussage, die wir seit vielen Jahren selbst formulieren! Wir fordern, dass das qualitative Wachstum im Fokus stehen muss, Betten mit viel zu niedrigen Preisen zu füllen ist keine Lösung. Die entscheidende Erfolgsformel lautet: Auslastung mal Preis, denn nur dieses Wachstum liefert letztlich mehr Wertschöpfung. Ziel muss sein, die qualitative Gesamtleistung der Branche weiter zu optimieren. Die Voraussetzungen dafür sind gut, weil die Reisekonjunktur in unseren wichtigsten Märkten stabil bis wachsend ist. Aber der steigende Wettbewerb auf internationaler Ebene erzeugt vor allem im Sommer einen zum Teil enormen Preisdruck. Daher gilt es, die Angebote weiter zu spezialisieren und zu profilieren, um sich weniger austauschbar zu machen.

Deutliche Zuwächse im Sommer, in den letzten Jahren eher zurückgehende Zahlen im Winter: Wird Tirol wieder zu einer Sommerdestination, wie es das schon einmal war?
Es stimmt, dass der Wintertourismus vor 20 Jahren einen kräftigen Schub brauchte. Seither wurde seitens der Bergbahnen und Hotellerie, aber auch vieler Leistungsträger wie den Schneesportschulen kräftig investiert und innovativ weiterentwickelt. Damit konnte sich Tirol im Winter eindeutig als Wintersportregion Nr. 1 der Alpen positionieren. Und diese Position wollen wir auch verteidigen. Unsere Wintergäste geben laut T-Mona pro Tag im Schnitt 155 Euro aus, die Tiroler Sommergäste 119 Euro. Rund sieben von zehn Euro werden derzeit im Schnee verdient, der Löwenanteil der Wertschöpfung wird also im Winter generiert – das heißt, wir müssen und können die Rentabilität von April bis November noch erheblich steigern. Deshalb läuft in Tirol seit Jahren eine Sommeroffensive, die nun positive Wirkung zeigt. In Summe streben wir eine Ausgeglichenheit zwischen Sommer- und Winterhalbjahr an, um eine Wertschöpfung in den Jahresbilanzen zu erzielen – und da besteht gerade im Sommer und außerhalb der Hauptferienzeiten noch einiges Potenzial.

Wie sieht es in den Zwischensaisonen aus?
Noch sind die Angebote vorwiegend auf die beiden Hauptsaisonen fixiert, aber viele unternehmerische Erfolgsbeispiele belegen das Potenzial als Ganzjahresdestination. Denken Sie an den Lanserhof, der das ganze Jahr über ausgelastet ist. Oder an den Kongress- und Incentivebereich, der noch weiter wachsen kann. Generell stellen wir fest, dass die Saisonverlängerung im Herbst mit Wandern und Wellness sowie der parallel anlaufenden Skisaison auf den Gletschern besser funktioniert als die Nachfrage in den Monaten April, Mai und Juni. In dieser Zeit tendieren unsere Kernmärkte mit der Sehnsucht nach Sonne und Wärme stark in den Süden. Hier tun wir uns – vor allem wetterbedingt – in Tirol schwer, dieser Sehnsucht genug entgegen zu halten. Deshalb gilt es umso mehr, sich auf die Qualitäten und Innovationen unseres touristischen Angebots zu konzentrieren und dessen Attraktivität zu stärken.

Spüren Sie, dass die Schweiz Probleme mit ihren hohen Preisen hat?
Wir können dies vor allem aufgrund des hohen Marketingdrucks, den die Schweiz speziell im eigenen Land, aber auch in den Fernmärkten aufbaut, bestätigen. Hier wird viel Geld in starke und teure Werbemaßnahmen investiert. Aber abgesehen vom starken Franken sehen wir seit vielen Jahren, dass immer mehr Schweizer Gäste Tirol entdecken. Gemessen an den Nächtigungen liegt die Schweiz momentan auf Rang 4 unserer wichtigsten Quellmärkte. Tirol punktet in diesem Markt nicht nur mit dem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis und der Angebotsvielfalt, sondern sehr stark mit seiner Gastfreundschaft und der hohen Dienstleistungsqualität. In diesem Sinne ist das Wachstum aus dem Schweizer Markt ein nachhaltiges. Erfreulich ist, dass der Alpentourismus in Summe an Bedeutung zulegt und Konjunktur hat. Deshalb haben wir auch die grenzüberschreitende Initiative theALPS gegründet, im Übrigen auch mit starken Partnern aus der Schweiz wie Graubünden oder Wallis.

Was werden Sie für den Wintertourismus tun? Welche Kampagnen laufen da?
Tirol wird zu Recht als Wiege des Skisports bezeichnet. Daher wollen wir die Lust auf den Wintersport auch in der heimischen Bevölkerung hochhalten. Familienfreundliche Kartenverbünde, die den Winterspaß leistbar halten, sind sehr wichtig. Die Tirol Werbung konzentriert sich in ihrer internationalen Marketingarbeit für den Winter auf die Kernmärkte, will aber auch die wichtige Internationalisierung unserer Gästeströme und neue Geschäftschancen nicht vernachlässigen. Deshalb setzen wir auch Maßnahmen in Osteuropa, Asien und den USA. Aber auch auf strategischer Seite gibt es zahlreiche Aktivitäten, so wollen wir uns beispielsweise im Rahmen von theALPS 2016 mit neuen Potenzialen im Wintertourismus auseinandersetzen. Die Menschen mit den Freuden des Winterurlaubs im Schnee vertraut zu machen, ist nicht nur ein Tiroler Anliegen, sondern von allen Alpenländern – dies eint uns und erfordert einen
Zusammenschluss.

Was sagen Sie zu der Äußerung vieler Menschen: Skifahren ist out! Spüren Sie das in Tirol?
Wir sehen in den letzten Jahren keine Tendenz, dass Skifahren out ist. Im Gegenteil – die Bewegung am und rund um den Winterberg ist und bleibt die Hauptattraktion. Dabei bleibt Skifahren DAS Thema Nr. 1 im Winter – acht von zehn Urlaubern kommen zum Skifahren zu uns. Allerdings gewinnen auch Langlaufen, Rodeln, Skitourengehen, Schneeschuhwandern oder Winterwandern sowie das Kulinarik-Thema und eine neue Freizeitkultur an Bedeutung. Wir sehen auch einen Trend, dass der klassische Skifahrer dazu tendiert, seinen Skiurlaub mit anderen Sport- und Bewegungsarten zu ergänzen. Verbrachte er früher sieben Tage lang acht Stunden auf der Piste, so unternimmt er heute auch mal etwas anderes. Nicht zuletzt deswegen investieren immer mehr Regionen auch in die Produkte abseits der Piste. Entscheidend für die Lust auf Winter und Skifahren ist jedoch die Klima- und Wettersituation auf den Kernmärkten, je höher die Temperaturen dort sind, umso größer liegt die Latte für uns, die Lust auf Skifahren bei den Gästen zu entfachen. Dies ist für den Tiroler Tourismus Chance und Herausforderung zugleich: Das Erlebnis „Winter mit Schnee“ als kostbares Gut zu vermarkten, vor allem auch dann, wenn unsere Gäste es in ihrer Heimat immer weniger erleben können.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Tourismus
24.04.2018

TTR 3.0 ist gestartet: Die Online-Wissensplattform Tirol Tourism Research bietet neue Erkenntnisse rund um die Tourismuswirtschaft.

Patricio Hetfleisch ist unter mehr als 30 internationalen Bewerberinnen und Bewerbern als best gereihter Kandidat hervorgegangen.
Tourismus
09.01.2018

Patricio Hetfleisch wechselt von der Moser Holding AG zur Tirol Werbung. Er übernimmt die neu geschaffene Position des Kommunikationsleiters mit Frühjahr 2018.

Tourismus
26.05.2017

Laut aktueller Hochrechnung der Landesstatistik war die Wintersaison 2016/17 die bisher erfolgreichste für den steirischen Tourismus: 1.694.900 Gäste bedeuten ein Plus von drei Prozent gegenüber ...

Ausreichend Schnee in Österreichs Skigebieten
Tourismus
12.04.2017

Trotz Medienberichte über rückläufige Schneefälle und grüne Winterlandschaften in den Bergen gibt der Obmann der Österreichischen Seilbahnen Entwarnung: In den österreichischen Skigebieten laufe ...

So sehen Mittel- und Talstation aus. Letztere wird über die Straße verlegt, um einen bequemeren Einstieg zu gewährleisten.
Tourismus
14.12.2016

Alle Erwartungen übertroffen hat das Bürgerbeteiligungsmodell der Gasteiner Bergbahnen AG für das Projekt Schlossalm neu

Werbung