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Urlaub für Ross und Reiter: Wer will, kann auch sein eigenes Pferd mitnehmen.

Das Leben ist doch ein Ponyhof

09.10.2014

Gestern ein paar pferdebegeisterte Burschen auf einsamen Waldwegen, heute 700 Kilometer durchgehendes Reitwegenetz, das größte Österreichs – die Mühlviertler Alm

Ist ein solcher Erfolg planbar, ist er nachzumachen? Ja und nein. Die geografischen Verhältnisse sind im Mühlviertel ideal. Hügel, Wälder, Hochflächen, Täler, unberührte Natur mit ein paar pittoresken Ruinen nahe an Ballungszentren – Linz ist rund 40 Kilometer entfernt. Die großen Einzelhöfe sind schon von altersher durch Wege verbunden. Jeder Bauer hatte Arbeitspferde im Stall, jedenfalls so lange, bis sie von Traktoren verdrängt wurden. Und da gab es eine Handvoll „narrischer" Halbwüchsiger, die schon immer geritten sind und ihre Rösser nicht hergeben wollten. Bald hatte es sich herumgesprochen, dass hier ideale Verhältnisse zum Wanderreiten gegeben sind. Die Kundschaft kommt dann zwangsläufig.

Land der Pferde

Die Bauernhöfe bauten einfache Zimmer und gemütliche Gasträume dazu. Pferde werden nicht mehr dem Schlachter überlassen, sondern neue dazugekauft oder selbst gezüchtet. Sie leben das gesamte Jahr über in der Herde in offenen Ställen, das heißt, sie haben ihre Rangordnung bereits ausgefochten, sind ausgeglichen, trittsicher und freundlich. Eine Tatsache, die Freizeitreiter sehr hoch einschätzen, weil sie Sicherheit und Vergnügen bedeuten. Wirtsleute stellen Pflöcke zum Anbinden vor das Haus und Koppeln hinter das Haus. Die deftige Mühlviertler Kost, sprich Knödel, Bratl, Most und nicht zu vergessen der ausgezeichnete Selbstgebrannte erleben ein Revival. Das Gewerbe der Hufschmiede beginnt sich wieder zu beleben, die Sattler und Stiefelmacher bekommen neue Kundschaft. Alles das begann vor rund 20 Jahren und ist heute eine klassische Win-win-Situation.

Bald kommen vermehrt Gäste mit eigenen Pferden. Solche, die nur in Ställen stehen und streng reglementiert bewegt werden dürfen, also auch einmal Urlaub brauchen. Demzufolge werden neue Unterkünfte zum Teil im Stil von Wildwest-Ranches mit aufwändigen Boxen gebaut, minutiöse Wegekarten gedruckt und Rastplätze eingerichtet.

Die Pioniere

Thomas Holzweber vom „Heimelsteiner" ist einer der Pioniere. Er bietet 30 Gästebetten, viele sind in Mehrbettzimmern, weil die Erlebniswochen für Kinder ein großer Hit sind. An eine Erweiterung in Form von Erdhäusern wird gedacht. 20 Pintos – das sind die gescheckten – warten auf den Gast, und zwölf Pferdeboxen stehen zur Verfü-
gung. Felix Kern – ein Initiator der ersten Stunde – betreibt bereits drei Betriebe. Im „Stammhaus" wurden neben den 25 Gästebetten gerade eben drei Lodges gebaut. Auf der „Stone Hill Range" reihen sich die Blockhäuser rund um den Badeteich. Manche Privat-Boxen stehen so nahe an den Häusern, dass das Pferd quasi vom Bett aus gestreichelt werden kann. Die „Nordweide" ist ganz neu und bietet fünf komfortable Blockhäuser mit WLAN, TV, Kamin, Sauna und Küche für Selbstversorger in unberührter
Natur.

Dickschädel setzen sich durch

Das alles zu erreichen klingt weitaus einfacher, als es de facto war. Ein Dachverein wird gegründet, Streitigkeiten mit Grundbesitzern bleiben selbstverständlich auch nicht aus. Die Erhaltung und Pflege der Reitwege müssen finanziert, Versicherungen und Zuständigkeiten abgesichert werden. Aber die paar Dickschädel – heute alle im besten Mannesalter und noch immer ob zu Pferd oder zu Fuß beneidenswert aktiv – bleiben dran und sind letztendlich erfolgreich.

50 Herbergen und Raststationen sind es bis dato, allerdings werden nur fünf davon hauptberuflich betrieben. Ein Wochenende mit Halbpension und bis zu vier geführten Ausritten kostet rund 220 Euro. Bis zu 20.000 Gäste, vorwiegend aus Österreich, Deutschland und Holland, kommen jährlich auf die Mühlviertler Alm. 800 Pferde leben hier in idealer arttypischer Haltung. Neue Interessengruppen kommen dazu: Lehrgänge für Kutschenfahrer, psychologische Seminare für Manager, Horsemanship-Kurse für „Pferdeflüsterer", Wochen für Kinder unter dem Motto „Das Leben ist doch ein Ponyhof". Glückliche Pferde, glückliche Gäste und glückliche Gastgeber – so kann eine einst spontan-naive Idee ausgehen.

www.pferdereich.at

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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