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Das Reiseverhalten im neuen Europa

16.09.2005

Dirk Auer von der Fachhochschule Salzburg beleuchtet die touristischen Chancen und Risiken der letztjährigen EU-Erweiterung.

Die Frage ist: Bietet die EU-Erweiterung um zehn neue Staaten dem österreichischen Tourismus einen stark erweiterten Absatzmarkt, oder besteht vielmehr das Risiko, dass Slowenien & Co. als Mitbewerber zusehends in starke Konkurrenz zu den hiesigen Tourismusanbietern treten?

Seit Mai 2004 hat die EU nicht mehr 15, sondern 25 Mitgliedsstaaten. Das war flächenmäßig eine Steigerung um 25 Prozent, bei den Einwohner um 20 Prozent und bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt der alten EU-Staaten um fünf Prozent. Und Österreich liegt seit dem im Zentrum Europas.

Kaufkraft noch schwach
Die Tourismusbetriebe in Österreich setzen große Hoffnungen auf einen schnellen Anstieg der Kaufkraft der Menschen aus den neuen Beitrittsländern und auf eine steigende Reiseintensität aus diesen. So rechnet das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsforschung mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von vier Prozent pro Jahr für die angrenzenden Beitrittsländer Slowenien, Ungarn, Slowakei und Tschechien. Derzeit ist es aber so, dass die Urlauber aus den Beitrittsländern aufgrund ihres um bis zu 60 Prozent geringeren Bruttoinlandsproduktes pro Kopf im Vergleich zum Mittel der alten EU-15-Gruppe nicht zu den Kunden gehören, die im Schnitt 74 Euro (Sommer) bis 97 Euro (Winter) pro Tag und Gast in Österreich ausgeben. In der Länderstudie Zentral-/Osteuropa der Marktforschung der Österreich Werbung wird deutlich, dass Österreich beispielsweise für die Polen, Slowaken und Tschechen ein teures Urlaubsland ist und dass sie, wenn Sie in Österreich Urlaub machen, auf ein deutlich niedrigeres Urlaubsbudget pro Tag und Gast kommen als der statistische Durchschnitt eines Österreich-Urlaubers.

Image soll erhalten bleiben
Eine mögliche Reaktion der Anbieter in Österreich wäre sicher ein preisliches Entgegenkommen, um die neuen Märkte zu stimulieren. Allerdings ist dabei die Gefahr, in einen gefährlichen Preis-Wettbewerb mit anderen Ländern bzw. Destinationen zu kommen, sehr hoch. Das Image des hochwertigen Österreich-Urlaubes, der seinen Preis hat, geriete ins Wanken. Dazu kommt, dass einmal getroffene Preisentscheidungen (nach unten) nur schwer und langfristig wieder (nach oben) korrigierbar sind. Auch die geringe Motorisierung, gemessen an der Zahl der PKWs pro tausend Einwohner, der „Neuen“ kann als Indikator für ein Reiseverhalten auf relativ niedrigem Niveau gewertet werden, zumal Österreich durch seine geografische Lage für den automobilen Tourismus aus den neuen EU-Staaten prädestiniert wäre. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Auslandsreiseintensität der Menschen in den Beitrittsländern im europäischen Vergleich noch auf einem niedrigen Niveau befindet, was aber auf ein großes Wachstumspotential schließen lässt. Die Bedeutung der „Neuen“ als Quellmärkte für den Incoming Tourismus in Österreich ist daher eher langfristig und von einem relativ kleinen Niveau ausgehend zu betrachten.

Grenzenlose Kooperationen
Neben dem Erschließen neuer Märkte und Zielgruppen aus den Gebieten der Beitrittsländer ergeben sich weitere Chancen für den Österreich-Tourismus aus der EU–Erweiterung wie durch Cross-Border-Kooperationen. Erfolgreiche Beispiele dafür sind die Joint Ventures von österreichischen und tschechischen Unternehmen in der Region Lipno (Moldaustraße, Südböhmen), wo eine Schifffahrtsgesellschaft, ein Appartementdorf, ein Hotel und ein Skigebiet entstanden sind bzw. noch entstehen. Auch gemeinsames Destinations- und Themenmarketing über nationale Grenzen hinweg kann einen Erfolgsfaktor darstellen, wie zum Beispiel bei Steiermark und Slowenien mit den Themen „Wein“ und „Wellness“ oder Weinviertel, Südmähren und Slowakei mit dem Thema „Radtourismus“.

Bilaterale Zusammenarbeit
Bilaterale Tourismus-Abkommen auf Regierungsebene dienen darüber hinaus einer Festigung der Tourismusbeziehungen. So hat Österreich am 19. August 2003 ein bilaterales Abkommen auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs mit der tschechischen Regierung geschlossen, das unter anderem das Ziel hat, die Zusammenarbeit zwischen Reiseveranstaltern und Reisebüros zu intensivieren.

Schon heute hat der Tourismus in einigen der Beitrittsländer einen besonders hohen Stellenwert. So liegen die Übernachtungen pro Einwohner in der Slowakei und auf Malta mit 24,7 und 19,7 über dem Niveau von Österreich mit 9,1. Bezogen auf das Volkseinkommen aus dem Tourismus bestehen in Malta mit 24 Prozent und Zypern mit 20 Prozent die größten Abhängigkeiten. Aber auch Ungarn hat ähnlich wie Österreich mit zehn Prozent beim Tourismus einen signifikant hohen BIP-Anteil.

Städte schon lange attraktiv
Die Reiseverkehrsbilanzen der „Neuen“ weisen, außer die
von Lettland, einen Überschuss aus. Das heißt, die Einnahmen aus dem Tourismus sind höher als die Ausgaben für den Tourismus. Durch die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen offene Grenzen, Wegfall der Wechselkursproblematik (der Euro wird bis 2010 schrittweise eingeführt), zunehmender Rechtssicherheit und zunehmender Ausbau der Qualität und Quantität der touristischen Infrastruktur – werden die neuen Beitrittsländer in Zukunft als Urlaubsdestination immer interessanter. Der Aufbau der touristischen Infrastruktur wird dabei in Zukunft auch aus EU-Geldern der Struktur- und Kohäsionsfonds mitfinanziert, die bis 2006 Mittel in Höhe von rund 21,5 Mrd. Euro für die neuen EU-Staaten vorsehen. Im Städtetourismus gelten die Beitrittsländer schon lange als touristisch attraktiv. Prag übertrifft mit mehr als 8 Mio. Übernachtungen die Zahl der Nächtigungen Wiens (7,9 Mio.) und auch Budapest ist mit mehr als 5 Mio. Übernachtungen eine feste Größe im europäischen Städtetourismus. Wichtiger Faktor dabei sind die Low-Cost-Carrier.

Günstigere Kostenstruktur
Das Interesse an den Beitrittsländern als Urlaubsdestinationen hat auch mit den attraktiven Preisen zu tun. Personalintensive Betriebe wie Hotels und Restaurants arbeiten aufgrund der geringeren Lohnkosten mit einer viel günstigeren Kostenstruktur als österreichische Betriebe. Dass die neuen Länder ernstzunehmende Mitbewerber sind, zeigt auch das Projekt im ungarischen Bezenye, im Dreiländereck Ungarn-Slowakei-Österreich. Dort entsteht auf einem Areal von 153 Hektar ein Freizeitpark um 400 Mio. Euro mit geplanten acht Mio. Besuchern pro Jahr.
Die EU-Erweiterung ist für den großen EU-Ballungsraum mit 450 Mio. Menschen eine große Chance. Für den Tourismus ist vor allem das Wahrwerden der Vision vom barrierefreien Reisens in Europa von Bedeutung. Dennoch wird es aufgrund eines intensiveren und transparenteren Wettbewerbs – nicht nur im Tourismus – zu innereuropäischen Verschiebungen bei den Marktanteilsverteilungen und einer größeren Dynamik in Bezug auf neue Angebotsformen kommen. Zumal der Beitritt weiterer europäischer Länder wie Kroatien, Türkei und Bulgarien ab 2007 sehr wahrscheinlich ist und diese mit Hochdruck an touristischen Konzepten arbeiten, um ihre eindrucksvollen natürlichen Ressourcen zu vermarkten. Die Euro-Kaufkraft in diesen Ländern ist für österreichische oder auch deutsche Urlauber zum Teil noch höher als in den zehn neuen Beitrittsländern des Jahres 2004.

Diplom-Betriebswirt (FH) Dirk Auer
Fachbereichsleiter Betriebswirtschaft an der FH Salzburg im Studiengang Entwicklung und Management touristischer Angebote (EMTA), Urstein Süd 1, 5412 Puch, Internet: www.fh-salzburg.ac.at

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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