Direkt zum Inhalt

Das Salz der Erde kommt aus dem Meer

29.10.2007

Bis vor Kurzem war Wein von der Isola del Giglio nur den Einheimischen und einigen Touristen ein Begriff. Dabei hat der Weinbau hier eine jahrtausendealte Tradition. Ein junger Winzer aus Florenz besann sich nun dieser historischen Wurzeln.

Der Weg von den Weingärten zur Straße ist weit, steil und beschwerlich. Als geländegängige Transportmittel dienen Esel und Vespa.

Als wir uns mit der Fähre vom toskanischen Festland kommend dem Hafen von Giglio nähern, fragen wir uns, wie man auf diesem kargen und extrem steilen Granitfelsen überhaupt Landwirtschaft betreiben kann. Umso erstaunter sind wir, als uns unser Begleiter Giacomo Sensi erklärt, dass es auf diesem winzigen, nur etwas über zehn Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Eiland in römischer Zeit einige Hundert Hektar Weingärten gab, die damals wie heute in mühseligen Terrassenkulturen gepflegt wurden. Damals wurde ein Süßwein gekeltert, der weit über die Toskana hinaus geschätzt wurde. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Anbau jedoch kontinuierlich abgenommen. Heute sind gerade einmal noch 16 Hektar mit der autochthonen weißen Ansonica-Rebe bepflanzt, aus der zumeist ein einfacher, trockener Wein für den Hausgebrauch (und ein paar wagemutige Touristen) gekeltert wird. Wieso tut sich jemand diese mühsame Arbeit an, wenn woanders der Wein fast von alleine wächst?

Extreme Orte – extreme Qualitäten
Die Antwort kann – damals wie heute – nur in außergewöhnlichen Qualitäten liegen, die an so extremen Orten entstehen können. Dabei greift der landläufige Terroir-Begriff, der vor allem den Boden betont, zu kurz. Die Rebstöcke stehen in nur rund 80 bis 100 Zentimeter tiefer sandiger Erde, dann stoßen die Wurzeln auf undurchdringlichen Granit. Dieser geologische Umstand hat dazu geführt, dass Giglio von der Reblaus verschont blieb. Die autochthonen Ansonica-Stöcke sind eine der wenigen verbliebenen Primärträger Europas.
Terroir bedeutet hier vor allem das durch die Lage des Weingartens bedingte Klima und Mikroklima. Zwar wird es im Sommer tagsüber mitunter unerträglich heiß. Morgens und abends sorgt eine kräftige Brise vom Meer her jedoch für die notwendige Abkühlung. Regelmäßige Stürme bringen Meeressalz mehrere Hundert Meter bergwärts und „salzen“ die Reben regelrecht. Diese Würzung war und ist seit jeher willkommen und verleiht den Weißweinen der Insel ihren unverwechselbaren Charakter.

Gesalzene Trauben, gesalzene Preise
Damit die Reben diese Stürme überstehen, wird die Laubwand mit jährlich zu erneuernden Schilfrohrgestellen gestützt. Wie überhaupt die Weingartenpflege hier sehr aufwendig ist.
Bibi Graetz ist ein junger, sehr erfolgreicher Winzer der ersten Generation. Vor acht Jahren hat der aus einer Künstlerfamilie stammende Bibi mit seinem kleinen Weingut bei Fiesole begonnen und binnen kürzester Zeit einen großartigen, außergewöhnlichen und viel diskutierten Kultwein auf Sangiovese-Basis namens „Testamatta“ gekeltert. Die Isola del Giglio kennt Graetz von familiären Badeurlauben, und schon damals hat er sich gefragt, was es mit den jahrtausendealten Terrassen auf sich hat.
Vor vier Jahren hat sich Graetz schließlich dazu entschlossen, das Projekt Giglio in Angriff zu nehmen, der erste Jahrgang seines Weins „Bugia“ ist 2003 entstanden.

Graetz setzt sich dabei intensiv mit den lokalen Bauern auseinander, die in seinen gepachteten Weingärten arbeiten. „Die­se Leute kennen sich mit den speziellen Gegebenheiten aus und müssen autonom entscheiden, wie sie die von mir gewünschten Ergebnisse erzielen. Ich bezahle dafür auch deutlich über dem Marktpreis, mische mich aber nicht in ihre tägliche Arbeitsorganisation ein“, erklärt Graetz das arbeitsteilige Verhältnis mit seinen Mitarbeitern. Zur Ernte selbst, die rund zwei Wochen vor der Ernte am Stammhaus in Fiesole bei Florenz erfolgt, kommt er mit seiner Mannschaft, um ein zügiges Einbringen der Ernte zu garantieren. Nach einem beschwerlichen Transport über enge und steile Trampelpfade kommen die Kisten in einen Kühl-LKW, der die Trauben in den Keller nach Fiesole bringt. „Das dauert rund vier Stunden und ist nicht wirklich ein Problem. Über kurz oder lang wollen wir natürlich einmal auf Giglio vinifizieren, aber man darf nicht vergessen, dass wir hier absolute Pionierarbeit leisten. Moderne Keller gibt es auf Giglio nicht, und die Investitionen für einen Neubau müssen wir zuerst einmal verdienen“, erzählte uns Sensi beim gemeinsamen Mittagessen im Hafen, wo wir mit dem Bugia 2005 erstmals in unserem Leben einen Giglio-Wein verkosten konnten.
Der teilweise in neuem Holz ausgebaute Wein ist dunkelgelb, sehr kräftig, schmeckt würzig nach Kräutern und ist tatsächlich etwas salzig, was ihm den Hauch einer Sherry-Note verleiht. In jedem Fall ist ­Graetz‘ Bugia ein Wein, wie ich ihn noch nie getrunken habe. Leider gibt es den Wein in Österreich (noch?) nicht, was bedeutet, dass ich für die Verkostung des kommenden Jahrgangs wohl wieder in die Toskana fahren muss.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Die Vinexpo Bordeaux ist für uns ein relevantes Kommunikationsmittel
Wein
03.04.2019

Die Vinexpo findet dieses Jahr vom 13. bis 16. Mai in Bordeaux statt. Die führende internationale Veranstaltung für die Wein- und Spirituosenbranche versteht sich als Strategie-Meeting und befasst ...

Gastronomie
11.12.2018

Das erste Lokal, das die bekannte Rebsorte Zweigelt als „Blauer Montag“ anbietet, rechnet nicht mit einer Umbenennung. Für den Geschäftsführer handle es sich eher um eine Kunstaktion.

v.l.n.r.: vorne: Maximilian Aichinger, Anton Eitzinger, Günther Brandl; hinten: Ehrengast Gerhard Zadrobilek, Oskar Hager, Franz Karner (Schloss Gobelsburg)
Wein
26.11.2018

Das Schloss Grafenegg war auch heuer wieder Schauplatz der Kamptaler Wein Nacht 2018. Schon zum 16. Mal luden die Weinstraße und das Regionale Weinkomitee Kamptal zu Gala.

2018: Ein guter Jahrgang - trotz mancher Wetterkapriolen
Gastronomie
06.11.2018

Die früheste Lese aller Zeiten wird heuer das Vorjahr mengenmäßig übertreffen. Noch dazu mit hoher Traubenqualität, vermeldet  die Österreich Wein Marketing GmbH. 

Wein
06.06.2018

Anders als mit seinem „Erfinder“ können mit der Zweigelt-Traube selbst fast alle: Der wichtigste Rotwein des Landes hat aber auch überraschende Seiten

Werbung