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ÖHV-Geschäftsführer Markus Gratzer warnt vor der ruinösen Preispolitik von Booking.

Der ewige Kampf mit Booking und andere Herausforderungen

19.06.2019

Die ÖGZ traf sich mit der ÖHV, um über die nahe und weitere Zukunft des Nächtigungsgewerbe zu sprechen,  das längst mehr als ein Nächtigungsgewerbe ist. Über Chancen und Herausforderungen bis 2035 – von Booking.basic über Mitarbeiterpools und Hoteliers als Erlebnismanager.

Praktisch, günstig, hat sich aber bei uns nicht durchgesetzt: das Motel.
Martin Stanits von der ÖHV.

Momentan steht Booking stellvertretend für Buchungsplattformen wieder einmal in der Kritik der Branche. In Deutschland hat ein Gericht dem Marktbeherrscher Recht gegeben, als er gegen Hotels klagte, die auf der eigenen Homepage einen günstigeren Preis anboten. „Das Oberlandesgericht entmündigt deutsche Unternehmer, um der größten Plattform der Welt noch mehr Macht über Hotels einzuräumen – zu viel!“, schimpft Markus Gratzer, Geschäftsführer der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV). In Österreich ist seit 1. Jänner 2017 diese „Bestpreisklausel“ untersagt, und Hotels können (zumindest theoretisch) günstigere Preise anbieten. Das gilt auch für Italien oder Frankreich. Aber wie lange noch?

Anhängige Vertragspartner

In Deutschland gehen die Wogen natürlich hoch: „Sollte diese Rechtsauffassung des OLG Düsseldorf Bestandskraft erlangen, wären die Hotels als mehr oder weniger abhängiger Vertragspartner den kleineren und größeren Gemeinheiten der marktdominanten Portalriesen zukünftig schutzlos ausgeliefert“, kritisiert Otto Lindner, Vorsitzender des Hotelverbands Deutschland (IHA).
Das Ganze passt zu den Diskussionen um Booking.basic und Sponsored Discounts, mit denen Booking auch bei uns die Bestpreisklausel durch die Hintertür wieder einführen möchte. Booking bietet ohne Rücksprache mit dem Hotelbetrieb auf seiner Plattform einen Preis an, den das Hotel einem Wholeseller gegeben hat. Allerdings ausdrücklich im Rahmen eines bestimmten Pakets. „Diese Preise gräbt Booking ab“, sagt Markus Gratzer. „Damit befördern sie eine ruinöse Preispolitik. Hotels werden künftig solche Preise nicht mehr anbieten, fahren das Geschäft mit Wholesellern schon jetzt zurück. Damit nutzt Booking gnadenlos seine Marktmacht aus und unterläuft die Ratenparität, um Druck auf Betriebe auszuüben.“

Deshalb fordert die ÖHV für solche Fälle ein schnelleres Agieren der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). In der momentanen Gesetzeslage ist es sehr schwierig, einen juristischen Hebel gegen solches Betragen zu finden. Denn rein juristisch kann ein Wiederverkäufer den Preis festsetzen, wie er will.

Sponsored Discount

Ein ähnlicher Fall ist der Sponsored Discount: Hier teilt die OTA die Kommission mit den Kunden. Booking zum Beispiel senkt sie von zwölf auf sechs Prozent – ohne dies dem Hotelbetrieb zu kommunizieren: damit Booking günstiger wird als der Mitbewerb und das Hotel selbst. Für das Hotel ändert sich auf den ersten Blick nichts, es bekommt von Booking den ursprünglich mit zwölf Prozent Kommission berechneten Preis bezahlt. „Das bringt den Hotelier aber steuerlich in Schwierigkeiten: Wie soll er die Umsatzsteuer berechnen, wenn er von der Preisänderung nichts weiß, was steht auf der Rechnung, die er dem Gast ausstellt?“, fragt Martin Stanits von der ÖHV. „Das lässt das Hotel ja auch gegenüber dem Gast seltsam dastehen.“ Und er stellt die grundsätzliche Frage: „Welche Verantwortung hat die Plattform gegenüber dem Hotel? In welcher Rolle tritt Booking eigentlich auf? Wir sagen, sie sind nur Vermittler, sie sind ja auch für das Angebot nicht haftbar und stellen keine Rechnungen aus. Booking sagt, sie seien der Verkäufer – und das denkt der buchende Gast vermutlich auch. Da passiert zu viel im rechtlichen Graubereich, da brauchen wir Klarheit vor dem Gesetz.“

Langfristig sieht Stanits allerdings eine Verdrängung der Buchungsplattformen durch Suchmaschinen: „2035 wird es OTAs, wie wir sie kennen, längst nicht mehr geben. Dann werden Hotels direkt über Suchmaschinen der nächsten Generation gefunden. Der Hotelier muss nur dafür sorgen, dass seine Daten ständig aktualisiert werden.“ Konsumenten werden über verschiedene Interfaces mit Anbietern interagieren. Die Homepage eines Hotels oder auch einer Plattform wie Booking wird der Gast gar nicht mehr zu sehen bekommen. „Dabei werden Sprachsysteme bzw. eigene neue Ecosysteme wie Alexa eine bedeutende Rolle spielen“, ist Gratzer überzeugt. Ein schönes Beispiel ist WeChat in China, hier hat sich ein eigenes Ecosystem entwickelt. Alle Phasen der Reise von Planung, Buchung, Bezahlung und Services vor Ort werden über das Handy via WeChat abgewickelt. Man ist mit dem Gast jederzeit online in Verbindung.

Auslastung, Gewinn und Mitarbeiter

Hier geht es vor allem in der Ferienhotellerie ganz klar um die Ausweitung der Saison. Man muss die Randzeiten besser auslasten und zu Topzeiten die Preisdurchsetzung weiter verbessern. „In Österreichs Wintertourismusgebieten wird immer mehr in Bühnen, Konferenzräume, in Mountainbiking, Urlaub am Bauernhof, Radfahren, Golfen oder Wandern investiert: Man muss die Saison ausweiten, uns bleibt nichts anderes übrig. Es rechnet sich immer weniger, ein Haus nur ein paar Monate zu nutzen“, sagt Stanits. „Man muss in der Nebensaison nicht unbedingt große Gewinne machen. Es sollten aber keine großen Verluste entstehen. Vor allem kann ich damit meine Mitarbeiter halten.“ 
Hier fordert die ÖHV immer dringender, den Niedriglohnbereich steuerlich zu entlasten. Sonst übernehmen Roboter, die billiger sind, oder es geht in Richtung Apartmentvermietung – also servicefreie Zone. „Man wird vermehrt auf Weiterbildung der Mitarbeiter setzen müssen, persönliche Dienstleistung muss in Österreich als der USP gesehen werden. Die Menschen suchen in Zukunft noch mehr nach Individualtität und Erlebnissen, also nach persönlichen Begegnungen mit Menschen“, so Gratzer.

Kooperationen und Tourismusstruktur

Kooperationen innerhalb der Destinationen werden immer wichtiger. Vor allem dort, wo im Bereich der Infrastruktur hohe Kosten anfallen: Technologie, Heizen, Schwimmbad, Wellness, Gesundheit, Fuhrpark, Mitarbeiterunterkünfte, Kindergarten. „Der eine führt das Restaurant, der Nachbar verleiht E-Bikes, ein Dritter hat den großen Schwimmteich. Die Gäste in allen drei Häusern können alles nutzen, egal wo sie wohnen.“ Aber auch Vermarktung und Contentverteilung und Kommunkation mit den Kunden werden sich radikal ändern. Bis zum Jahr 2035 wird sich die Angebotspalette deutlich erweitert haben. Vor allem auf der Ebene des Destinationsmanagements. Die Tourismusverbände werden Full-Service-Agenturen für die Betriebe sein. Also nach innen gerichtet arbeiten. „Unsere ineffiziente Tourismusstruktur, wie wir sie heute kennen, wird es in zehn Jahren nicht mehr geben – oder radikal anders“, so Gratzer. 

Man wird Pools führen, über die man Mitarbeiter je nach Saison bekommen kann. Es wird auch viele mutige Neueinsteiger mit neuen Ideen geben. Das wird zu einem Verdrängungswettbewerb führen. Die Hotellerie ist traditionell eine sehr dynamische Branche. Im Bereich der Digitalisierung war und ist die Hotellerie und der Tourismus ein Early Adopter gewesen. „Fast alle großen Schritte im Bereich Digitalisierung haben im Tourismus begonnen: Onlinebewertungen, Onlinebuchungen, Sharing Economy sind durch den Tourismus in die Wohnzimmer der Österreicherinnen und Österreicher gelangt“, sagt Stanits.

Individualisierung und Positionierung

Die Hotellerie wird sich weiter ausdifferenzieren und spitzer positionieren (müssen): Der Hotelier wird zum Experten für Radfahren, Bergsteigen, Yoga, Hunde, Kinder … Weil er damit seinen Gästen einen Mehrwert bieten kann. Er wird zum Erlebnismanager. In der Stadthotellerie werden die Anbieter für immer mehr ausländische Gäste chinesische oder arabische Muttersprachler einstellen müssen. Nur Englisch wird nicht mehr reichen. Auch wird man selbstverständlich auf WeChat marketingmäßig und muttersprachlich unterwegs sein und AliPay anbieten müssen. 
Im Bereich Kongresse wird man noch mehr auf die Kosten achten. „Wir werden Locations mit Mehrwert anbieten müssen“, sagt Stanits. Auch die Kombination von Business und Leisure wird wichtiger werden – auch und vor allem abseits der Ballungsräume.

Aber am Ende des Tages wird auch 2035 die gelebte Gastlichkeit immer noch der entscheidende USP sein. „Wenn alle von ‚Erlebnissen‘ sprechen: Ein authentischer Hotelier, authentische Mitarbeiter – das ist und bleibt das ultimative Erlebnis im Nächtigungsgewerbe“, so Gratzer. 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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