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„Der menschliche Faktor wird immer wichtiger“

05.06.2014

Christoph Madl ist bereits seit 1977 für das Land Niederösterreich in verschiedenen Funktionen im Tourismus tätig, seit 2004 als Geschäftsführer der Niederösterreich-Werbung GmbH. Im Gespräch mit der ÖGZ verrät Madl die Gründe für das Erfolgsmodell Niederösterreich und seine Pläne für die Zukunft

Prof. Christoph Madl: „Der USP Niederösterreichs liegt in der großen Vielfalt. Das reicht vom Kulturangebot bis hin zu den Landschaftsformen.“

Text: Ute Fuith und Thomas Askan Vierich

Herr Professor Madl, Sie wurden heuer für weitere fünf Jahre als Geschäftsführer der Niederösterreich-Werbung bestätigt. Sie müssen also einiges richtig gemacht haben … Welche waren Ihre persönlichen Meilensteine? Und welche die kleineren oder größeren Stolpersteine?

Madl: Ein wichtiger Meilenstein in meiner ersten Funktionsperiode war sicher die Niederösterreich Card. Bei ihrer Einführung 2007 gingen wir, trotz sorgfältiger Marktforschung, ziemlich ins Risiko. Aber zum Glück haben wir uns drübergetraut. Die Niederösterreich Card als Jahreskarte ist nach wie vor einzigartig in Österreich: Die All-in-Card wurde bereits im ersten Jahr 48.000-mal verkauft. Bis heute hat sich die Menge fast verdreifacht. 60 % werden in Niederösterreich selbst verkauft, der Rest in Wien.
Als zweiten Meilenstein werte ich das Jahr 2012 mit dem besten Nächtigungsergebnis des Landes. Gründe dafür sind und waren die konsequente Arbeit in den Hauptsegmenten Gesundheits-, Wirtschafts-, Urlaubs- und Ausflugstourismus. Wir haben für alle Geschäftsfelder ein verbindliches Qualitätssicherungssystem mit strengen Kriterien – immer aus dem Blickwinkel des Kunden – entwickelt. Das gilt zum Beispiel für die „Top-Ausflugsziele", die „Genießerzimmer" oder die „Wirtshauskultur"

Kontrolliert wird das u. a. in regelmäßigen Mystery-Checks. Wer die Kriterien nicht erfüllt, hat ein Problem. Die Marke Niederösterreich darf nicht beschädigt werden.

In welche Richtung entwickelt sich der Gesundheitstourismus?
Hier ist die Einhaltung der Qualitätskriterien besonders wichtig. Wir haben dafür die Kriterien von Best Health Austria übernommen. Acht Betriebe in Niederösterreich können sich mit dieser herausragenden Zertifizierung schmücken. Der versicherungsorientierte Kur- und Rehabetrieb ist – neben dem wachsenden Segment der Privatgäste (z. B. Vorsorge- oder Lebensstilmedizin) nach wie vor das wichtigste Standbein für viele Betriebe. Durch die Möglichkeit der freien Standortwahl der Versicherten stehen die Anbieter zueinander auch in Konkurrenz. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist Gesundheit und Wohlbefinden ein zentrales Zukunftsthema. Dafür werden wir unsere Angebote noch schärfen.

Was waren Ihre Stolpersteine?
Manche Produktentwicklungsprozesse haben sich als nicht erfolgreich entpuppt. Wir haben zum Beispiel rund um Seminarhotels Laufstrecken initiiert und beschildert und wollten, dass die Betriebe das als USP verkaufen und bewerben. Das hat aber leider nicht funktioniert.

Welche großen Trends sehen Sie momentan im Tourismus, und wie sollte Niederösterreich darauf reagieren?
Die Zielgruppe 55 plus wird immer wichtiger, und die holen wir sehr gut ab. Das betrifft Urlauber aus Österreich und Deutschland. Wichtige Themen für sie sind Kulinarik, Kultur und Wein, gesunde Bewegung, aber auch Regionalität, persönliche Betreuung – und das alles mit hohem qualitativen Anspruch. Im Trend liegen Kleinbetriebe, wo man den Gastgeber spürt. Der menschliche Faktor wird immer wichtiger. Mit zunehmendem Alter verringert sich für viele der Reiseradius, man geht nicht mehr auf Kreuzfahrt, sondern urlaubt in der Nähe. In den CEE-Ländern setzen wir auf wesentlich jüngere Schichten: Urlauber aus Tschechien lieben zum Beispiel Wandern, Klettern und Radfahren, die Ungarn sind wintersportaffin, und die Slowaken wollen Wein, Kulinarik, Kultur und Radfahren. Für alle gilt: Sie möchten die Region, also Land und Leute, spüren.

 

Wir wissen, Ihnen sind alle Tourismusbetriebe gleich lieb: Aber welche wichtigen Player oder Leitbetriebe gibt es derzeit im Land für Genießer, welche Initiativen sind zukunftsweisend?
Da gibt es sehr viele. Wir sind stolz auf unsere Ausflugsziele, gastronomischen Haubenbetriebe und Winzer, genauso wie auf die Wirtshauskulturbetriebe und die Beherberger wie z. B. die Genießerzimmer – wir wollen in möglichst vielen Segmenten an die Spitze, und dazu animieren wir die Betriebe und unterstützen sie dabei.

Was sind für Sie die zentralen Punkte Ihrer Tourismusstrategie 2020?
Wichtige Grundthemen sind wie gehabt Gesundheit, Geschäftstourismus und Ausflugs- und Urlaubstourismus. Wir werden aber einige neue Produkte entwickeln, zum Beispiel für Familien.

Kann man Tourismus überhaupt planen?
Gute Frage. Die Regionalplaner hätten das gerne, aber das funktioniert nicht. Ausschlaggebend sind letztendlich die unternehmerischen Persönlichkeiten. Es braucht Menschen mit Visionen, damit sich etwas bewegt.

Braucht Niederösterreich mehr touristische Betriebe?
Wir brauchen sicher einige Beherbergungsbetriebe mehr, aber nicht unbedingt in der Fünf-Sterne-Kategorie. Speziell im alpinen Bereich fehlen noch zusätzliche qualifizierte Betten. Das Ziel ist der Ganzjahrestourismus.

 

Wie schauen die aktuellen Nächtigungszahlen aus, und wie entwickelt sich der Ausflugstourismus?
Nach dem Rekordjahr von 2012 mit 6,73 Millionen Nächtigungen verzeichneten wir 2013 aufgrund des Hochwassers einen Rückgang. Wir hatten 200.000 Nächtigungen weniger! Besonders stark betroffen war der Radtourismus, fast als Totalausfall im Juni, und bis in den Oktober war die Nachfrage sehr verhalten, obwohl z. B. der Donauradweg nach einer Woche wieder passierbar war. Ein weiterer Grund war und ist das niedrige Preisniveau in Wien. Das hat dazu geführt, dass die Gäste vom Wienerwald nach Wien abgewandert sind.

Was gibt es Neues bei der Niederösterreich Card?
Es gibt inzwischen 319 Ziele. Wir konnten die Ausschüttungsquote weiter steigern. Wir haben ein gut funktionierendes Terminalsystem mit 1,1 Millionen Steckungen pro Jahr.

 

Welche konkreten Pläne haben Sie für die nächsten fünf Jahre?
Im nächsten Jahr gibt es wieder eine große Landesausstellung. Die wird sich den Alpen widmen. Generell wird das Thema „Berg erleben" wichtig sein. Wir arbeiten u. a. an einem Zertifizierungssystem für Schutzhütten. Den Rest gibt unsere neue Strategie 2020 vor.

Wo sehen Sie die großen Chancen für Niederösterreich? Was ist der USP Ihres Bundeslandes?
Ich denke, der USP Niederösterreichs liegt in der großen Vielfalt. Das reicht vom Kulturangebot bis hin zu den Landschaftsformen. Zudem haben wir uns erfolgreich als das „Land für Genießer" positioniert. Internationale Strahlkraft besitzt die Wachau, die Region ist einzigartig in Österreich und Europa. Eine weitere Stärke ist die kleinbetriebliche Struktur und die gelebte Regionalität.

 

Wo halten Sie sich persönlich am liebsten in Niederösterreich auf? Welche Destinationen sind darüber hinaus verlockend für Sie?
Mein Lieblingsplatz ist mein eigener kleiner Wald in der Neuen Welt – mit Blick auf die Hohe Wand. Auswärts unternehme ich sehr gerne Flussreisen durch Frankreich oder Irland. Mir gefällt diese langsame Art des Reisens, bei der man trotzdem jeden Tag an einem anderen Ort ist.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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