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Der russische Hunger auf Tirol

11.09.2007

Der Obmann der Tiroler Fachgruppe Hotellerie stellt sich Fragen zur steigenden Begeisterung russischer Investoren nach Tiroler Hotelimmobilien, steuerlichen Anreizen für Hoteliers und der Akzeptanz von 4-Sterne Superior

Harald Ultsch sind internationale Investoren willkommen, wenn sie in die Struktur des Tiroler Tourismus investieren

ÖGZ: Russische Investoren sorgen mit Hotelaufkäufen in Tirol für Schlagzeilen. Wie sehen Sie das?
Ultsch: Man muss das Ganze in Relation stellen. Wir verzeichnen in Tirol 5.400 Konzessionen für Beherbergungsbetriebe. Darunter gibt es Betriebe, die verkaufen möchten. Das ist keine neue Entwicklung. Verkauft wird an den, der dafür bereit ist zu bezahlen. Gibt es einen russischen Investor, macht das für mich keinen Unterschied zu einem deutschen, italienischen – siehe Hotel Europa in Innsbruck - oder französischen Investor. Es ist im Sinne der Tiroler Wirtschaft, dass der Verkäufer gutes Geld bekommt, so dass er aus dem Betrieb aussteigen kann und dass der Käufer in die Renovierung, Instandhaltung, etc. investiert. Das bedeutet ja auch gleichzeitig, dass keine neuen Strukturen gebaut, sondern die vorhandenen genützt werden.

ÖGZ: Schadet es der Qualität, wenn Investmentgesellschaften das Sagen haben?
Ultsch: Es ist zu beobachten, dass russische Investoren Tiroler Management und Mitarbeiter einsetzen. Ein Beispiel ist das Batzenhäusl in Igls. Der Direktor sowie die Mitarbeiter kommen aus Tirol. Einen weiteren positiven Aspekt sehe ich in der Aufbereitung neuer Märkte. Kaufen russische Investoren, wird damit verstärkt der russische bzw. osteuropäische Markt mit der Ukraine angesprochen. In einer globalisierten Welt und Wirtschaft darf es zudem kein Thema sein, wer letztlich der Eigentümer ist. Die Qualität muss stimmen.

ÖGZ: An welchen Betrieben sind russische Investoren interessiert?
Ultsch: Wenn man genauer hinschaut, kaufen Russen nicht Schnäppchen, sondern Betriebe, die sie dann um teures Geld erneuern müssen. Man darf sich solche Käufer nicht so vorstellen, dass hier professionelle touristische Investoren am Werk sind. Ganz im Gegenteil. Mancher Kauf passiert aus einer Liebhaberei dem schönen Land Tirol gegenüber. Selbstverständlich will ein Investor in erster Linie eine Immobilie kaufen. Speziell bei den russischen Investoren handelt es sich oft um eine Kettenreaktion der Käufer untereinander.

ÖGZ: Bestehen durch das Interesse vermehrt Verkaufsgelüste?
Ultsch: Ich denke nicht. Und sicher kann es nicht im Sinne des Tiroler Tourismus sein, dass sich die Hotellerie massiv anbietet. Das ist ja auch nicht der Fall. Wenn Einzelbetriebe gekauft und renoviert werden und damit neue Märkte angesprochen werden, dagegen ist nichts einzuwenden. Die Tiroler Hotellerie will und braucht eine Internationalisierung der Märkte. Wir wollen diese Zusatzmärkte und weg von den einzig alleinigen Hauptmärkten. Russland dürfte auch im Sommer ein ganz interessanter Markt werden.

ÖGZ: Wie wichtig ist es, das Eigenkapital zu stärken?
Ultsch: Was die Hotellerie braucht, sind höhere Bewertungen der Hotelimmobilien. Eine Aufwertung der stillen Reserven ohne dass es zu steuerlichen Nachteilen kommt, wäre eine der wichtigsten Forderungen. Eine Hotelimmobilie ist ein kapitalintensives Projekt, sowohl vom Innenleben als auch vom Gebäude her gesehen, dass ja in Stand gehalten werden muss. Eine Aufwertung würde die Eigenkapitaldecke stärken, weil den Belastungen des Hotels ein höherer Immobilienwert gegenüber stünde.

ÖGZ: Gäbe es weitere steuerliche Anreize?
Utlsch: Die Abschreibungszeiträume müssten verkürzt werden. Ein Bad muss neu renoviert werden, in den Büchern wird immer noch das alte abgeschrieben. Zudem braucht die österreichische Hotellerie neue Finanzierungsformen. Da gibt es sehr gute Vorschläge seitens des Fachverbandes. Auch gilt es das imageschädigende Problem der Kreditwürdigkeit zu lösen. Bei diesem Thema wird der gesamte Tourismus, Hotellerie und Gastronomie in einen Topf geworfen. Würde man aus den Betrieben, die über die letzten Jahrzehnte in Tirol in Konkurs gegangen sind, die Gastronomie, die ja sehr klein strukturiert ist, herausschälen, würde man feststellen, dass sehr wenig Hotels darunter sind. Rückzahlungen sind vielleicht nicht immer im verlangten Masse erfolgt, aber die Zinsen wurden immer bedient. International ist die Branche einem regelrechten Boom unterworfen. Institutionelle Anleger und Fonds kaufen sich vermehrt in Hotelimmobilien ein. Bei uns ist das aus nicht nach vollziehbaren Gründen verpönt.

ÖGZ: Stimmt die Vielfalt des Hotelangebotes in Tirol?
Ultsch: Es ist schwierig zu sagen, wie viel Sterne oder Hotels das Land noch braucht. Die Herausforderung ist die entsprechende Qualität zu bieten. Wir bewegen uns hier auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Qualität heißt ja nicht übersetzt Vier- und Fünf-Stern-Betriebe. Die findet auch in Zwei- und Drei-Stern-Betrieben statt, die teilweise mit neuen Konzepten sehr gute Erfolge feiern. International sind am Reisemarkt Drei-Stern-Betriebe sehr gefragt. Tirol braucht sicher das Angebot von Zwei- bis Fünf-Stern-Betrieben. Der schwierigste Kandidat ist ein relativ veraltetes Hotel ohne Profil mit wenig Zimmern. Da liegt die Herausforderung darin, wie man diesen Unternehmern hilft, auszusteigen. Entgegen anderslautender Meinungen sehe ich den Markt in Innsbruck gesättigt. Sich in Qualität und Vermarktung zu engagieren, halte ich für wichtiger. Erfreulich ist der gelungene Verkauf des Hotel Europa an einen italienischen Investor. Es braucht Mut und Kapital einen solchen Fünf Sterne Betrieb aufrecht zu erhalten. Ein Flaggschiff ist wichtig für die Stadt.

ÖGZ: Wie gut wird die neue Vier-Sterne-Superior-Kategorie angenommen?
Ultsch: Sehr gut. Vom Markt wie von den Unternehmern. Ca. ein Drittel der Betriebe, die sich beworben haben, haben es geschafft. Zum Teil bessern Betriebe nach. Bei manchen ist aber auch eine sehr große Enttäuschung und Verärgerung festzustellen, wenn die Aufwertung nicht klappt. Es ist zum Teil verwunderlich, wie persönlich das genommen wird, obwohl eine Kommission sich ausschließlich sich mit diesem Thema beschäftigt und ausführlich vergleicht. Gewachsene Betrieben können nicht immer die gesamte Hard- und Software auf dem letzten Stand halten. Das ist für die Superior-Klasse Voraussetzung. Neuere Betriebe tun sich da leichter, weil die Hardware in Ordnung ist. Wenn die Software, sprich Dienstleistung stimmt, dann steht einer Superior-Kategorisierung nichts im Weg.

ÖGZ: Gibt es Interventionen seitens der Betriebe?
Ultsch: In alle Richtungen. Selbstverständlich. Es kann bei Leitbetrieben passieren, dass ein Trakt oder Etage des Hauses nicht diesen Anforderungen entspricht. Da geht es um Zimmergrößen, die sich verändert haben, oder um Badezimmer-Einrichtungen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Da gibt es zum Teil sehr persönliche Diskussionen, weil ja nicht alle einzelnen Details festgeschrieben sind. Der Fachverband steht voll hinter seiner Kommission, weil wir die Qualität halten wollen. Wir bekommen auch den Vorwurf zu hören, dass in den Bundesländern anders bewertet wird. Ich denke aber, dass wir uns hier im Westen auf gleichem Niveau befinden. Sicherlich gilt es mit dieser enormen Betriebsdichte in Tirol besonders aufzupassen. Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass Vier-Stern-Superior-Betriebe im Marketing Vorteile haben. Die Kategorisierung ist in vielen Ländern bekannt. Das wollen wir ja für die Betriebe, damit sie einen Preis rechtfertigen können, den sie aufgrund der Leistung verlangen müssen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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