Direkt zum Inhalt

Der Wirt als Händler

12.02.2004

Ob in der Stadt oder auf dem Land: Immer mehr Wirte und Hoteliers verkaufen ihren Gästen in kleinen Shops selbstgemachte Speisen, Halbfertigprodukte und Spezialitäten der Region.

Egal ob in der Top-Gastronomie oder in einfachen Landgasthöfen: Der Trend zu kleinen Shops, in denen Gästen hausgemachte Spezialitäten, Weine oder regionale Schmankerln kaufen können, hält ungebrochen an.
Die Liste der Spitzengastronomen, die sich auch als Händler betätigen, liest sich wie ein Who’s who der Branche: Das Wiener Steirereck, Hanner in Mayerling, der Taubenkobel in Schützen und viele andere mehr bieten bereits seit längerer Zeit Spezialitäten auch zum Mitnehmen oder sogar zur Bestellung via Internet an.
Hausgemacht statt Massenware überzeugt den Gast
Doch das Thema Spezialitätenhandel und -produktion ist nicht nur der absoluten Topgastronomie vorbehalten.

Gerade in Ferienregionen sind regionale Schmankerln als Mitbringsel sehr gefragt. So verkauft Hannes Tschemernjak im Gasthof Tschebull in Egg am Faakersee seit zwei Jahren regionale Spezialitäten, die auch bei Einheimischen gefragt sind: „Am besten geht, was von uns hausgemacht wird, wie etwa eine Leberstreichwurst, Wurzelspeck, Marmeladen oder Chutneys. Je nach Jahreszeit und Anlass ändern wir laufend das Angebot. So gibt es zu Ostern Osterwürste und -schinken oder zur Ganslzeit Ganslschmalz und geräucherte Ganslbrust.“ Selbstgebrannte Schnäpse wie etwa der rare „Kranwetter“ (Hollunderschnaps) runden das Angebot ab.
Beim Kochwirt Joainig in Pörtschach am Wörther See setzt Chefin Maria Eisler auch auf zugekaufte Spezialitäten, wie etwa Schnäpse der Brennerei Jesche: „Bis vor drei Jahren haben wir eine hauseigene Fleischerei gehabt. Jetzt verkaufen wir stattdessen Kärntner Spezialitäten wie Honig, eingelegtes Gemüse, Kräuter, aber auch Kräutersalben. Das ist ein angenehmes Zusatzgeschäft und wird von der Reception problemlos mitgemacht.

Die Geschenk-Kisten aus der Edition Taubenkobel von Walter und Eveline Eselböck werden seit Sommer 2002 nicht nur in der eigenen Greißlerei in Schützen verkauft, sondern sogar über die „Wein & Co“-Filialen und den dazu gehörigen Online-Shop vertrieben.
Die Produktpalette ist dort natürlich deutlich geringer als in der eigenen Greißlerei. Walter Eselböck erklärt: „Erstens liefern wir Wein & Co nur die am stärksten nachgefragten Produkte, weil ein Vertriebspartner natürlich von gewissen Umsatzerwartungen ausgeht, und zweitens spielt dann auch das Thema Haltbarkeit eine größere Rolle als in der eigenen Greißlerei, wo ich die Frische täglich kontrollieren und ein eventuell nicht mehr optimales Produkt aus dem Regal nehmen kann.“
Hannes Moser vom Aschacher Kirchenwirt in Oberösterreich hat es mit dem selbst hergestellten „Moser’s Relish“ sogar bis in die Regale mehrerer Spar-Filialen geschafft.
„Ich habe lange Zeit im Ausland gekocht und dieses Rezept lieben gelernt. Zuerst gab es das nur bei uns im Gasthaus, dann in Geschäften in der Umgebung bis schließlich ein Einkäufer von Spar an uns herangetreten ist“, erzählt Moser von seinem unkomplizierten Weg vom Koch zum Feinkost-Hersteller.

Nicht alles geht überall
Wer im Schritt zum Zusatzgeschäft Feinkosthandel die Patentlösung aller Umsatzprobleme sieht, sei jedoch gewarnt. Erstens verkaufen sich hausgemachte Spezialitäten auch bei entsprechender Qualität nicht von alleine, und zweitens ist neben zusätzlichem Aufwand (Personal, Präsentation, Verpackung) auch eine entsprechende Frequenz der gewünschten Zielgruppe erforderlich, damit sich der Mehraufwand auch rechnet.
So bereitet Sohyi Kim in ihrem soeben eröffneten Shop & Studio einem urbanen Publikum Kleinigkeiten wie Salate, Suppen, Sushi u.s.w. zur Mitnahme oder zum raschen Verzehr an einem gemeinsamen Mittagstisch. Außerdem gibt es Saucen und ausgesuchte Grund- und Halbfertigprodukte, die zu Hause fertig gestellt werden. Und nicht zuletzt dient Kim ihr neuer Shop & Studio als Ort für ihre Kochkurse.

Florian Moosbrugger vom Gasthof Post in Lech setzt hingegen auf hochwertige Mitbringsel, die von Gästen Wochen später zu Hause konsumiert werden. Dabei hat er feine österreichische Weine, Essige und Schnäpse (Gölles), eingelegtes Gemüse (Stekovits) und Schokoladen (Zotter) genauso im Programm wie selbst Produziertes.
Auch wenn Moosbrugger mit dem vor kurzem eröffneten „Feinpostladen“ natürlich profitabel wirtschaften will, sprechen nicht nur eventuelle zusätzliche Gewinne für den Schritt zum Händlerdasein.
„Der neue Feinpostladen strahlt auch nach innen. Für das Küchenteam ist es eine gewaltige Motivation, wenn die Gäste von ihren Kreationen so begeistert sind, dass sie diese auch zu Hause genießen wollen“, fasst Moosbrugger die Erfahrungen der ersten Tage zusammen.
Heinz Reitbauer jr. sieht im Verkauf von Steirereck-Spezialitäten am Pogusch, im Wiener Restaurant und im Internet auch ein wichtiges Kundenbindungsinstrument: „Das ist auch ein Service am Gast. Und wer unsere Spezialitäten gerne zu Hause genießt, kommt in der Regel auch gerne immer wieder in unsere Betriebe.“

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Trotzt der Krise. Das umgebaute Grazer Operncafé.
Cafe
15.10.2020

Corona hat die Gastronomie hart getroffen. Wir haben uns bei Kaffeehäusern, Coffeeshops und Kaffeeröstern umgehört, wie es ihnen geht

Mehr Direktbuchungen? Die Gäste sollen überzeugt werden.
Hotellerie
14.10.2020

In der Krise wenden sich einige Hotels von der engen Kooperation mit booking.com und Co ab. Die Hotrec lässt darum ihre Direktbuchungs-Kampagne wieder aufleben und bietet Hotels (teils gratis) ...

Für die Teilnahme am Silent Tasting der Österreichischen Sektgala 2020 ist die Reservierung eines Zeitfensters erforderlich.
Gastronomie
12.10.2020

Erstmals gibt es die Gelegenheit, alle drei Kategorien der österreichischen Sektpyramide für sich strukturiert zu verkosten. Der Eintritt ist für Fachbesucher frei!

Ein Gutschein zum Skifahren? Das ist der Plan der Tiroler AK.
Hotellerie
09.10.2020

Die Idee, einen Urlaubsgutschein an alle Österreicher zu verteilen, um die Branche zu unterstützen, ist nict neu. Nun kommt sie vom Tiroler AK-Chef  Erwin Zangerl

Tourismus
08.10.2020

Die Sorgenfalten aller Touristiker werden täglich tiefer. Aber noch ist nicht alles verloren. Es gibt genug gute Ideen, wie es trotz „stabil hoher“ Infektionszahlen mit einem Wintertourismus ...

Werbung