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Bundesminister Reinhold Mitterlehner (rechts). Links neben ihm ÖHT-Geschäftsführer Wolfgang Kleemann

Die Lage ist besser als die Stimmung - oder doch nicht?

13.01.2017

Bei einer Steigerung von 63 Prozent spricht Tourismusminister Reinhold Mitterlehner von einer „sensationellen Investitionstätigkeit im Tourismus“ für 2016. Angesichts einer mittlerweile wieder positiven Ertragsentwicklung werde wieder in Qualität investiert. ÖHT-Geschäftsführer Wolfgang Kleemann spricht von den „besten Fördervoraussetzungen aller Zeiten“, damit lasse sich die Finanzierung erleichtern und die Stimmung heben. Die ÖHV meldet Widerspruch an.

Er mochte nicht den Eindruck erwecken, dass sie sich „vor Freude auf die Schenkel klopfen“, sagte Vizekanzler und Tourismusminister Reinhold Mitterlehner auf einer Pressekonferenz gemeinsam mit Wolfgang Kleemann von der ÖHT zur Lage der Tourismuswirtschaft und der touristischen Förderlandschaft in Österreich. Aber beide hatten durchaus positive Zahlen dabei, die ganz im Gegensatz zur verbreiteten Stimmungslage im Vorjahr einen neuen Investitionsboom in der heimischen Tourismus- und Freizeitwirtschaft belegen können. „Unsere Maßnahmen greifen“, freute sich der Minister. „Wir haben im Vorjahr Investitionen über 660 Millionen Euro mitfinanziert. Das ist ein Anstieg von rund 63 Prozent und zeigt die steigende Zuversicht der Branche. Der Tourismus übernimmt wieder die Rolle der Konjunkturlokomotive und zieht damit auch andere Sektoren mit.“ Laut einer aktuellen WIFO-Einschätzung sind zudem die Umsätze der Branche im Jahr 2016 gestiegen - nominell um 4,4 Prozent, real um 2,1 Prozent. Auch wenn es zuletzt, zumindest aus Wien, auch leicht negative Zahlen gab: -0,8 Prozent beim Umsatz trotz steigender Nächtigungszahlen (zur Meldung).

Krise überwunden?

Aufgrund einer Auswertung von rund 16.000 Jahresabschlüssen kommt die ÖHT zum Schluss, dass die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise überwunden werden konnten. Speziell die familiengeführten Hotels und Restaurants setzten auch in schwierigen Zeiten auf Qualität. „Erfreulich ist, dass sich seit 2011 der pro verfügbarem Gästezimmer erzielte GOP – das operative Betriebsergebnis – im Jahresdurchschnitt über der Inflationsrate entwickelt“, sagte ÖHT-Geschäftsführer Wolfgang Kleemann. „Bei den 4- und 5-Stern-Betrieben ist diese Entwicklung deutlicher, aber auch für die 3-Stern-Häuser gilt diese Aussage. Sowohl dieser steigende GOP als auch die seit langem niedrigen Zinsen senken die Entschuldungsdauer und geben den Unternehmen Spielraum für weitere Investitionen“. Kleemann betonte einmal mehr, dass Österreich über die „besten Fördervoraussetzungen aller Zeiten“ verfüge. Man habe 2016 222 Mio Euro an neuen Krediten vergeben, viele mit Zinsübernahme durch die Länder, was die Zinsen für den Kreditnehmer auf Null drücken – und zwar langfristig, auch wenn die Zinsen in den nächsten Jahren wieder steigen sollten. „Es geht nicht mehr nur um Barzuschüsse, sondern darum Strukturen für eine Gesamtfinanzierung anzubieten.“

Kleemann stellte generell eine Stabilisierung bei den touristischen Betrieben fest, die Eigenkapitalausstattung habe sich deutlich verbessert, auch die Entschuldungsdauer. Nur ein Viertel der Betriebe würde sich noch auf aus Bankersicht unbefriedigendem Niveau bewegen. Vor einigen Jahren waren das noch knapp die Hälfte. „Auch die Schwächeren werden stabiler“, fasste der Chef der Förderbank zusammen.

Regionale Wertschöpfung

„60 Prozent der Investitionen werden im Umkreis von 60 Kilometern wertschöpfungswirksam. Das sichert Wachstum und Arbeitsplätze in der Region“, betonte Mitterlehner. „94,3 Prozent aller Fördermittel kommen Kleinbetrieben zugute und unterstützen damit die klassische österreichische Familien- und Ferienhotellerie“, ergänzte Kleemann. Während in den Vorjahren die Betriebsgrößenoptimierung ganz oben stand, überwogen 2016 wieder Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung. Weiter forciert werden sollten aus Sicht Mitterlehners die Angebotsdiversifikation, Maßnahmen zur Verbesserung und Erweiterung der betrieblichen Infrastruktur sowie der Freizeit-Infrastruktur: Denn unsere Gäste erwarten zunehmend nicht nur gute Hotelbetriebe, sondern auch ein passendes Urlaubsumfeld in der Region. Je kürzer die Aufenthaltsdauer, desto höher steigen die Ansprüche. Stimmt das Angebot, ist der Gast aber auch bereit dafür zu zahlen und weniger preissensibel.

Vielfältige Förderungen und neue Angebote

„Aufgrund der regulatorischen Bedingungen für die Banken steigt die Bedeutung geförderter Finanzierungen. Entscheidend ist, dass vernünftige Risikoübernahmen die Gesamtfinanzierung ermöglichen“, so Mitterlehner. Ein wichtiger nächster Schritt sei daher die Aufstockung des Haftungsrahmens für die ÖHT. Die Finanzierung von Tourismusbetrieben werde damit noch attraktiver: Einerseits sinkt das Finanzierungsrisiko der Banken, andererseits sind sie von der Eigenmittelunterlegungspflicht befreit. „Basel III hat die Finanzierung erschwert. Umso wichtiger ist es, dass die ÖHT Förderstelle und Bank zugleich ist. Von Barzuschüssen über zinsgestützte Kredite, von Haftungen bis EU-Ko-finanzierungen reicht das Portfolio. Zudem wurde mit we4tourism eine Crowdfunding-Plattform gestartet, um alternative Finanzierungen zu eröffnen“, sagte Mitterlehner.

Weiter ausgebaut werden auch die Kreditmodelle. Die aus Bundesmitteln zinsgestützten TOP-Tourismus-Kredite liegen im Zinssatz bei oder nahe an null Prozent und mit den ERP-Krediten stehen langfristig zinsstabile Finanzierungen zur Verfügung – heuer konnte die ERP-Quote für den Tourismus von geplanten 50 Millionen auf über 90 Millionen Euro angehoben werden. Bewährt haben sich auch die über eine Haftung der Republik bei der Europäischen Investitionsbank aufgenommenen TOP-Impuls-Kredite. Mit ihnen können grundbücherlich besicherte Darlehen zu besonders günstigen Konditionen vergeben werden.

Neue Investitionsprämie verdoppelt Fördermittel

Seit Montag dieser Woche ist das Einreichportal für die von Wirtschaftsminister Mitterlehner forcierte Investitionszuwachsprämie (IZP) offen. „Wir setzen damit einen wesentlichen Impuls, um Investitionen anzukurbeln und die Wirtschaft zu stärken. Insgesamt stehen dafür in den nächsten beiden Jahren 175 Millionen zur Verfügung. 40 Millionen davon sind für den Tourismus vorgesehen, womit wir die Fördermittel zwei Jahre lang verdoppeln können“, hebt Mitterlehner hervor. Deshalb rechnet Wolfgang Kleemann für 2017 mit Krediten in der Höhe von 235 Mio Euro und 20 Mio Euro Barzuschüssen. Wichtig ist ihm zu betonen, dass jeder Antrag von seiner Förderbank individuell betreut und umgesetzt wird. Und er wies darauf hin, dass gerade für den wichtigen Bereich Digitalisierung bis zu 70 Prozent Barzuschüsse vergeben werden können.

Kritik von der Hoteliervereinigung ÖHV

Widerspruch zum positiven Bild der Branche kam prompt von der Österreichischen Hoteliervereinigung ÖHV: Das von der ÖHT präsentierte Sample der investitionsfreudigen Top-Betriebe spiegle einen wichtigen Teil der Realität wider – aber eben nur einen Teil.

„Wenn wir jetzt die unangenehmen Seiten ausblenden, könnte das mit einem unschönen Erwachen enden“, warnt ÖHV-Generalsekretär Markus Gratzer in einer Presseaussendung davor, die Lage im Tourismus zu positiv einzuschätzen. Zwar zögen die Investitionen nach dem Tief der vergangenen Jahre zweifellos wieder an: Aber was heute präsentiert worden sei, sei nicht mehr als ein Stimmungsbild von etwas über 1.000 ÖHT-Kunden. Positiv sei, dass die Maßnahmen und die Förderprogramme hier greifen. Ein umfassendes Bild der Branche präsentiere die Österreichische Hoteliervereinigung am Montag, den 16. Jänner um 10 Uhr im Kongress & TheaterHaus Bad Ischl beim ÖHV-Hotelierkongress 2017 – mit einer umfassenden und transparenten Branchenanalyse – der größten aller Zeiten. Die ÖGZ wird berichten.

 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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