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Eigentümer Otto Wiesenthal, Tochter Saskia Wiesenthal und GF Philipp Patzel (v. l.).

Die Sagrada FamÍlia unter den Boutique Hotels

21.06.2018

Otto Wiesenthals Hotel Altstadt Vienna mauserte sich von der Edelpension zum Designhotel. Seit vier Jahren führt es Philipp Patzel – mit ungewöhnlichen Ideen

Dieses Zimmer gestaltete die Designexpertin Lilli Hollein.

Sie kennen einander schon „ewig“. Als fast noch Jugendlicher hatte Philipp Patzel (36) eine Freundin, die an der Rezeption von Otto Wiesenthals (69) Hotel Altstadt Vienna arbeitete. Patzel ging dort ein und aus. So lernte er Wiesenthal kennen. Heute leitet Patzel Wiesenthals „Altstadt“, wie es die Gäste liebevoll nennen. Er führt es in die neue Zeit, mit sicherem Gespür für die Wünsche der jungen Generationen. Wiesenthal kommt oft zum Frühstück, plaudert mit Mitarbeitern und Gästen und sieht sich die Baufortschritte an. Weil gebaut wird immer. 

Galerie oder Hotel?

Gehen wir ein paar Schritte zurück. Ins Jahr 1990, als der leidenschaftliche Kunstsammler Otto Wiesenthal endlich seinen Brotjob in der IT-Industrie an den Nagel hängte. Er brauchte einen Platz für seine Bildersammlung. Mehr durch Zufall bekam er Teile des Gebäudes in der Kirchengasse angeboten. Für ein Hotel. Er schlug sofort zu. Schon immer habe er sein Geld für Kunst, gutes Essen und gute Hotels ausgegeben, sagt er. Warum kein eigenes betreiben? 
Wiesenthal hatte keine Ahnung von Hotelmanagement. Aber er wusste ganz genau, wie er sich sein Hotel vorstellte: sehr wienerisch, sehr zum Wohlfühlen und mit sehr viel Kunst und Design. So in etwa lautet auch das Briefing, das bis heute jeder Architekt und jeder Zimmerdesigner mit auf den Weg bekommt. 

Derer waren es viele. Wiesenthal startete mit 24 Zimmern. Inzwischen sind es 58, bis heute alle atypisch nur gemietet. Wann immer im Block ein paar Räume frei werden, nimmt man sie dazu. Nur Matteo Thun durfte einen ganzen Gang mit neun Zimmern ausgestalten, alle anderen Zimmer tragen jeweils nur die Handschrift eines einzelnen Künstlers. Nach dem Motto: Das Zimmer selbst ist das Kunstwerk. Wiesenthals Prinzip: „Wir bauen nur mit Künstlern, mit denen es auch menschlich stimmt. Weil dann passt auch alles andere.“ 

Marketinggenie

Dass das Altstadt bereits einen Monat nach der Eröffnung 1991 so gut wie ausgebucht war, lag an ­Wiesenthals Verkaufsgeschick. Er fuhr quer durch Österreich und legte in jedem Vier- und Fünfsternhotel seine Folder auf (so machte man das damals). Dann flog er alle paar Wochen in die USA. „Weil Amerikaner gehobene Individual­hotels schätzen und viel Reisebudget haben.“ Als begnadeter Netzwerker kannte ihn in der Branche bald jeder. 
Ein bisschen Glück war auch dabei. Dass er sein Haus „Altstadt Vienna“ nannte, brachte ihm nach der Erfindung des Internets Topplatzierungen bei allen Suchmaschinenrankings. In wenigen Jahren mauserte sich sein Haus zur Perle unter den Wiener Boutiquehotels. 

Generationenwechsel

2014 kam Philipp Patzel erneut ins Spiel. Der Modul-Absolvent hatte beste Reputation im Führen von Design­hotels. Schauspieler und Multitalent Robert Hollmann wollte sich 2003 ein zweites Standbein aufbauen und eröffnete mit der „Hollmann Belletage“ ein frühes Hipster-, Design- und Lebe-lieber-ungewöhnlich-Haus. 

„Wir hinterfragen alles. Etwa, wie man heute duscht. Welche Steckdosen man 
heute braucht.“, Philipp Patzel

Erst war Patzel die rechte Hand des Chefs, dann leitete er die Belletage selbst, weil Hollmann ohnehin lieber in Berlin lebte. Bis Hollmann eine neue Idee hatte: ein Spa Resort an einem Platz, an dem die Sonne immer scheint. Auf Sri Lanka. Patzel, eben Vater geworden, sollte es für ihn aufbauen. „Eine zehrende Zeit“, sagt der heute, „ich habe meinen Sohn nur über Skype gesehen“. Patzel pendelte zwischen der Belletage, die er immer noch führte, und dem „Hollmann UTMT“ (Underneath The Mango Tree). Ständig quälte ihn „das Gefühl, sie brauchen mich dort, wo ich gerade nicht bin“. 
Sylvester 2013 waren seine Akkus leer. Patzel kehrte nach Wien zu seiner Familie zurück. Angebote hatte er genug, „schöne Häuser, aber fast nur Ketten. Das ist nichts für mich, wenn ich nicht einmal entscheiden kann, ob ich gratis WLAN anbieten darf.“ 

Agentur oder Hotel?

Eigentlich wollte er eine Kreativagentur eröffnen, für Erlebnisinszenierung und Markendesign, „genau mein Ding“. Gerade als er das Gewerbe angemeldet hatte, rief Otto Wiesenthal an. Der hatte inzwischen seinen 65er gefeiert und wollte sein Hotel langfristig in guten Händen wissen. „Wenn wieder ein Hotel, dann nur dieses“, dachte Patzel. Das Haus war 23 Jahre im Markt, zu 90 Prozent ausgelastet und in der komfortablen, aber gefährlichen Situation, überproportional viele treue Stammgäste zu haben. „Eigentlich ein Traum“, sagt ­Patzel, „aber wenn man nicht aufpasst, altert man mit den Gästen. Und irgendwann ist man nicht mehr State of the Art.“ 

Gelegenheit zum Modernisieren hat Patzel, seit 2014 Geschäftsführer des Altstadt, genug. Erstens, weil ihm im verwinkelten Block ständig neue Gänge zur Miete angeboten werden. Zweitens, weil Wiesenthal und er sich einig sind, dass kein Zimmer länger als zehn Jahre unangetastet bleibt. Schon deshalb werden zu jedem Jahresbeginn sechs bis sieben Zimmer komplett umgebaut. „Wir hinterfragen alles. Etwa, wie man heute duscht. Welche Steckdosen man heute braucht. Und dann reißen wir alles um.“ 

Er fragt Künstler an, die eine Zielgruppe repräsentieren, die das Altstadt noch nicht bedient: Life Ball-Mitorganisator Andi Lackner für die LGBT-Community; Modeschöpfer Atil ­Kutoglu für den liberalen Teil der Türkei, Lilli ­Hollein und Lena Hoschek für Designlover abseits der Architekturszene. 

Das Konzept geht auf: Das Durchschnittsalter der Gäste sinkt, das Preisgefüge bewegt sich nach oben. 
Auch Wiesenthals Töchter haben inzwischen ihren Platz in der Organisation gefunden: Lisa (derzeit in Karenz) in der Personaladministration und Saskia im Social-Media-Marketing. Langweilig wird Patzel trotzdem nie: „Das Altstadt ist so etwas wie die Sagrada Família in Barcelona: Es ist nie fertig.“ 

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