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Die Welt nach ­Corona: 3 mögliche Szenarien

16.04.2020

Gibt es bald wieder Business as usual, birgt die Krise gar die Chance auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Erneuerung, oder geht es gar steil bergab?

Szenario 1
Nochmal gut ­gegangen – oder: Weiter wie zuvor!

Klar, das Coronavirus ist noch da. Aber dank des von der Politik verschriebenen Krisenrezeptes und dem breiten Einsatz von Big Data ist die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle. Kanzler Kurz nimmt höchstpersönlich das erste Krügerl bei der um drei Monate nach hinten verschobenen 100-Jahr-Feier und Saisoneröffnung des Schweizerhauses im Wiener Prater. Die Wirtschaft und auch der Tourismus laufen wieder langsam an. Die Ökonomen sprechen von Nachholeffekten, um zu erklären, wieso die Hotelbuchungen für den Winter bereits wieder rekordverdächtig sind. Dafür verantwortlich ist auch die wiedererstarkte Nachfrage aus dem Ausland (nach Schnelltest bei der Einreise) – wie etwa aus den USA, die die Krise stark gebeutelt hat. Präsident Trump dankt den tausenden Alten, die in einem „patriotischen Akt für die Jungen das Leben gaben“. Noch immer sind die Sterberaten hoch, bis in ein paar Monaten der langersehnte Impfstoff – laut neuesten Infos nicht nur exklusiv für die USA, sondern weltweit – verfügbar wird. Aber der Wirtschaftsmotor fängt wieder an zu brummen, warum Trump auch zuversichtlich in die Präsidentschaftswahl gehen kann. 

The show must go on

Natürlich appelliert Trump, nur amerikanische Produkte zu kaufen und in den Staaten zu urlauben. Das Gleiche sagt sogar der ÖVP-Juniorpartner, die Grünen. Der linksliberale Vizekanzler Kogler wirft sich in Lederhosen und versucht so seinen Landsleuten den Urlaub an den heimischen Seen und den Wein bei den ansässigen Heurigen schmackhaft zu machen. Die liberale Presse findet das einigermaßen verstörend und schreibt mehrere Leitartikel, wo ein neues Biedermeier heraufbeschworen und gleichermaßen davor gewarnt wird. So schlimm wird es aber nicht, denn der Trend zum globalen Tourismus geht ungehalten weiter. Fluglinien wurden mit Milliarden gerettet und versorgen Destinationen dank günstigen Rohöls wieder billig mit Touristenmassen. Auch die Tiroler Après-Ski-Hot-
spots freuen sich, dass der erlittene Imageschaden über den Sommer im Gedächtnis der unter Partydefizit leidenden deutschen und holländischen Gäste dahinschmolz.

Kein Geld fürs Klima

Wirtschaftskammerpräsident Mahrer lobt die Stärke der mittelständischen Wirtschaft. Auch wenn gerade in der Gastronomie und im Tourismus viele in die Pleite schlitterten. Die Wirtschaftskammer reagiert darauf, dass sie Gewerbeeröffnungen erschwert, weil man die Pleiten auf ein zu lasches Gewerberecht zurückführt. Das hat wöchentlich dringliche Anfragen der Neos an Ministerin Schramböck zur Folge. Der grüne Juniorpartner in der Regierung denkt kurz darüber nach, wegen der Klimapolitik die Regierung zu sprengen. Nachdem aber eine überwältigende Mehrheit in den Meinungsumfragen der ÖVP Recht gibt, für Konjunkturmaßnahmen auf Klimaschutz zu verzichten, lenkt man ein. Auch weil die ÖVP mit einem fliegenden Wechsel zur FPÖ droht. Einige Ökonomen meinen zwar, dass beides gemeinsam auch ginge. Die angekündigte ökosoziale Steuerreform wird aber letztlich ein kosmetikhaftes Reförmchen. In der Tourismusbranche macht sich leichter Unmut breit, hätte doch die Branche von einer Verteuerung von Energie und einer Verbilligung der Kosten auf den Faktor Arbeit profitiert. 
Aber egal, das Tourismusland Österreich zeigt sich auf der ITB in Berlin wieder von seiner gewohnt besten Seite und lockt mit neuen Features auf Mandarin gezielt um Gäste aus Fernost. An gleicher Stelle muss Ministerin Köstinger verkünden, dass die Pariser KIimaziele – als Nachwehe der Corona-Krise – nicht eingehalten werden können. Es müsse eben die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit im Auge behalten werden. 

Szenario 2
Lehren der Krise: Die Post-Corona-Gesellschaft 

Bald sei alles wieder wie vorher, haben die größten Optimisten gesagt. Doch im Spätsommer sitzen wir bei einem Drink im Gastgarten und erkennen: Vieles ist nicht mehr, wie es war. Szenario eins scheint irgendwie nicht einzutreten. Und das fühlt sich sogar gut an. Was ist passiert? Nicht falsch verstehen, ein Honiglecken sind diese Tage nicht. Die Wirtschaft wird um satte fünf Prozent schrumpfen. Aber die Krise hat eine neue Erzählung gestiftet, wie wir die Wirtschaft mithilfe großer staatlicher Investitionen wieder auf die Beine bringen. Später wird man sagen, dass die Krise die Solidarität gestärkt habe. Und dass die Kurzarbeit Zeit frei machte, dass Leute über alternative Wirtschaftsstrategien nachzudenken begannen. An den Konsumverzicht hatte man sich gewöhnt – er hat viele nicht umgebracht, sondern befreit. So bekommt auch die durch Spin-Doktoren bestens über die Wünsche und Launen des Volkes informierte türkise Regierungsspitze Wind von der neuen Luft, die durch die Gesellschaft weht. Die hat keine Lust mehr, von der Finanz- in die Corona- und weiter in die Klimakrise zu schlittern. So schreibt man tags davor noch eilig die Budgetrede um. Statt Milliardeninvestitionen in marode Fluglinien und die Automobilindustrie kommt nun doch der fast schon abgeblasene „Green New Deal“. Das Gleiche passiert auch in anderen Ländern. In den USA setzt sich die Einsicht durch, dass es nicht die beste Idee ist, die Einfältigsten mit den höchsten Staatsämtern zu betrauen. In anderen Ländern bleiben die Despoten zwar, weil sie den Staat bereits zu sehr unter Kontrolle bekamen. Aber sie geraten zunehmend in Isolation.„Glokalisierung“ wird zum wirtschaftlichen Schlagwort: Ja zur Regionalität, um Abhängigkeiten zu reduzieren, aber global, wo das Kostenargument (aber auch die Umweltkosten) eindeutig dafür spricht. Plötzlich finden die klassischen Prinzipien der Nachhaltigkeit – „möglichst lokal, saisonal, bio, fair und plastikarm“ – als  Post-Corona-Leitwerte breiten Anklang. 

Grüner Übertourismus

Nach 200 Jahren Wirtschaftstheorie wird Ökonomen bewusst, dass das BIP-Wachstum doch kein so guter Indikator des Wohlstandsgewinns ist. Denn die Löhne stagnieren zwar teilweise, was den Leuten aber nichts ausmacht. Denn in der neugewonnenen Freizeit setzen sie soziale Projekte um, organisieren die Kinderbetreuung und die Sorge um die Alten selbst und feilen an Projekten, die sie immer schon machen wollten. Aus manchen werden sogar grandiose Geschäftsideen.
Das verändert den Tourismus massiv. Klassische Zentren des Übertourismus und damit Brutstätten für Epidemien, wie Flughäfen, Kreuzschiffe und ehemalige Top-Attraktionen wie Venedig oder Hallstatt, erleben einen weitreichenden Umbau zu hochpreisigen Qualitätsangeboten. Seilbahnchef Franz Hörl blickt zwar bei der Verkündung der Tourismuszahlen im Winter 2020 recht verzeweifelt. Einige auf Massentourismus ausgelegte Betriebe müssen schließen, aber die resilienten Unternehmen bereiten tolle Angebote vor: kreative Genusstrips zu nachhaltigen Betrieben. Damit entsteht ein völlig neues touristisches Phänomen: der „grüne Übertourismus“. 
Spätestens seit auch die FPÖ ihre Klubklausur auf einem Bio-Bauernhof durchführt, ist klar: Der aktive Schutz von Klima und Umwelt schützt alle Interessen vor einem neuen Desaster effektiv.

Szenario 3
Jeder gegen jeden und Shutdown der ­Wirtschaft 

Die Kurve flacht zwar ab, aber unter Kontrolle ist das Virus nicht. Gerade als die Hundstage mit über 35 Grad Celsius kommen, sieht sich die Regierung gezwungen, die bereits erfolgten Lockerungen zurückzunehmen. Restaurants und Cafés müssen wieder schließen. Hotels sowieso – aber an Urlaub oder Geschäftsreisen denkt derzeit sowieso niemand. 
Auch weil es an internationaler Kooperation fehlt, flammen wiederholt virale Glutnester auf. Am schlimmsten betroffen sind die ärmsten Länder der Erde. An die denkt aber niemand – in Zeiten wie diesen ist man sich selbst am nächsten. Auch in Europa. Erfolgreich verhindern Deutschland, die Niederlande und Österreich die Einführung von Eurobonds, die den ärmeren EU-Ländern die Finanzierung über den Kapitalmarkt sichern würden. Kanzler Kurz und Neo-CDU-Chef Söder, der die erkrankte Kanzlerin Merkel vertritt, verkünden stolz, die Interessen der österreichischen und deutschen Steuerzahler zu vertreten. Leider zeigt ein Blick auf den Anleihenmarkt tags darauf, dass italienische, spanische, aber auch französische Staatsanleihen massiv unter Druck geraten. Erinnerungen an die Eurokrise werden wach. Die Geschichte wiederholt sich: EZB-Präsidentin Lagarde wendet durch ein massives Ankaufprogramm von Staats- und Unternehmensanleihen, unter Protest der reichen Länder, das Schlimmste ab. Große Unternehmen werden so vor der Pleite gerettet.  
Die Familienunternehmen im Tourismus werden durch eine Pleitewelle erschüttert. Infiziert sind aber fast alle Branchen. Eine Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität ist erst für das Frühjahr 2021 absehbar. Die Tourismusbranche muss sich auf einen gravierenden Strukturwandel einstellen. Den Menschen fehlt schlichtweg das Geld für Urlaub und eine Wiederentdeckung des nationalistischen Denkens wird auch nach der Krise zu weniger internationalen Gästen führen.   

Die anderen sind schuld

Die internationale Staatengemeinschaft reagiert auf die gemeinsame Herausforderung nicht mit Kooperation, sondern mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die US-Fernsehsender nennen das Coronavirus seit Wochen nur mehr „The Chinese Virus“, und der ungarische Premier Orbán erwirkt, mit der Macht eines Diktators ausgestattet, die Ausweisung aller Ausländer. Diese seien gemeinsam mit George Soros für die Einschleppung des Virus nach Ungarn verantwortlich. Dass es zu keiner Verurteilung oder einem Ausschluss seiner Fidesz aus der EVP kommt, verdankt Orbán auch dem Einsatz der österreichischen EU-Ministerin Edtstadler. 
In Österreich macht sich derweil Unmut gegen die Einschränkungen der persönlichen Freiheit und der Gewerbeausübung breit. Es kommt zu sozialen Unruhen, Einbrüchen in Geschäften. Der Staat reagiert darauf mit repressiven Mitteln und mit der Beschränkung bürgerlicher Rechte. 

Die Autoren:

Daniel Nutz, Chefredakteur ÖGZ

Harald A. Friedl, Professor für Ethik und Nachhaltigkeit im Tourismus an der  FH  JOANNEUM in Bad Gleichenberg.

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