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Sara Dolnicar forscht über die Akkzeptanz von nachhaltigem Tourismus beim Gast

Die wichtigsten Erkenntnisse vom ÖHV-Kongress

17.01.2019

„Re-Think Tourism“ war das Motto des ÖHV-Kongresses 2019 in Kärnten. An zweieinhalb Tagen wurde über Regionalität, Slow Food, Overtourism und Nachhaltigkeit nachgedacht. Hier die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

Geht Kaiserschmarrn auf der Skihütte nur mit Flüssigei?
Eröffungsabend, das Video

Thomas Askan Vierich moderierte eine Diskussion mit Elisabeth Köstinger und Michaela Reitterer

https://youtu.be/p5fOw3aBaMM

Der Sonntag, traditionell der „Vorabend“ zum wirklichen Kongress, der dann am Montag mit Vollgas startet, stand ganz im Zeichen der Politik und bis auf wenige Ausnahmen des Kuschelns. Grund war der Besuch von Bundesministerin Elisabeth Köstinger. Auch Landeshauptmann Peter Kaiser und Tourismuslandesrat Ulrich Zafoschnig schauten vorbei. Während es Letztere bei freundlichen Grußworten beließen, stellte sich die Ministerin gemeinsam mit der kurz vorher wiedergewählten Präsidentin der ÖHV, Michaela Reitterer, auch kritischen Fragen - die der Chefredakteur der ÖGZ stellen durfte. (Mitschnitt des Gesprächs: https://youtu.be/p5fOw3aBaMM)

Bevölkerung ist zufrieden

Ausgangspunkt war eine von der ÖHV in Auftrag gegebene Studie zur Einstellung der österreichischen Bevölkerung zum Tourismus. Das Ergebnis der von Mindtake durchgeführten Umfrage war durchweg positiv. Trotz aller jüngst geäußerten Zweifel an der „Tourismusgesinnung“ und andauernder Diskussionen über „unbalanced tourism“, bekennen sich die Österreicherinnen und Österreicher in großer Mehrheit zum Tourismus im eigen Land, sind stolz darauf, dass ihre Heimat so attraktiv ist, erkennen, dass der Tourismus ein Wachstumsmotor für die heimische Wirtschaft darstellt und glauben auch, dass Österreich noch weit entfernt sei von Tendenzen Richtung Overtourismus. Sie möchten mehr Qualitätstourismus, den viele eng verbunden mit kulinarischer Regionalität sehen.

Kuschelkurs

Damit liegt die österreichische Bevölkerung voll auf Kurs der heimischen Tourismuspolitik. Auch die ÖHV ist mit sich selbst und der Arbeit der Regierung zufrieden, hat die Politik doch einige wichtige Forderungen der Branche erfüllt, und man hofft, dass 2019 weitere Forderungen erfüllt werden. Darum formulierte Michaela Reitterer diesmal viele freundliche Worte: „Wir werden wieder gefragt, Gespräche finden auf Augenhöhe statt.“ Das sei erfreulich und wichtig, „weil man unsere Arbeitswelt als Außenstehender nur schwer versteht.“ Die Ministerin müsse „sich nicht mehr fürchten, wenn sie zu uns kommt.“ Das habe sie beim ersten Mal im letzten Jahr, hatte Elisabeth Köstinger mit einem Schmunzeln zugegeben. Damals war die ÖHV noch eher bekannt für scharfe Worte Richtung Politik.

Auch die die Sparte Tourismus- und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftskammer sieht sich auf der Erfolgsspur, weil man mit ihren Anliegen zum Beispiel bei der Frage der Mangelberufe und der Rotweißrot-Karte endlich durchdringe. Auch wenn die Ergebnisse noch nicht wirklich befriedigend sind, man hat den Fuß in der Tür und hofft auf meh

Reizthemen

Im Rahmen der Podiumsdiskussion wurden dann aber dennoch einige Reizthemen angesprochen, zum Beispiel der dringende Bedarf einer österreichweiten Regelung zu Sharingplattformen beim Übernachten. Hier versprach die Ministerin Lösungen bis zum nächsten ÖHV-Kongress, sie warnte aber vor Schnellschüssen mit einer „Anlassgesetzgebung“ – weil sie auch die Privatvermieter jenseits von Airbnb im Auge hat. Des Weiteren bekannte sich Elisabeth Köstinger wenig überraschend zum Qualitätstourismus und auch zur Regionalität. Wie sie das konkret auf politischer und praktischer Ebene ausgestalten möchte, ließ sie jedoch offen. Auf alle Fälle möchte sie die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus stärker fördern. Man darf gespannt sein, wie konkret der Plan T in diesen Punkten ausgestaltet sein wird.

Mensch und Technik

An den folgenden Kongresstagen warf der belgische Zukunftsforscher Herman Konings einen Blick in die Vergangenheit, konkret auf ein Bild von Breugel von 1563, um daraus Tendenzen für die nahe Zukunft abzuleiten. Oder darauf anzuspielen, dass vieles, was wir als „neu“ empfinden, eigentlich nichts Neues ist. Breugel malte eine seltsame Gestalt, der ein Löffel im Mund steckt und der Mund ist gleichzeitig der Anus. Laut Konings ein Sinnbild dafür, dass man schon im 16. Jahrhundert unter Zeitnot litt. Unsere Freizeit sei in den letzten 25 Jahren um wöchentlich 7 Stunden zurückgegangen. Damals haben die Menschen viel gearbeitet, heute stehen sie im Stau, verbringen (zu viel) Zeit mit ihrem Handy und arbeiten oft in ihrer Freizeit - und wenn es nur das Mailchecken ist.

Die Rückkehr des Nicht-Digitalen

Ansonsten beschwor Konings die Rückkehr des Nicht-Digitalen. Amazon eröffnet physische Buchläden in den USA, eine IBM-Studie hat ergeben, dass die Menschen bald wieder mehr offline einkaufen werden, erstmals seit 15 Jahren gehen auch mehr Menschen wieder ins Reisebüro für ihre Urlaubsplanung. Mit digitalen Gimmicks sei nicht mehr viel zu gewinnen, auch nicht mit Robotern an der Rezeption. Dennoch sei die Digitalisierung ganz entscheidend, sie dürfe nur nicht im Vordergrund stehen, auch nicht bei den Millennials. Die Technik müsse Dinge einfacher machen, es gehe um Empathie statt Technik und damit letztendlich um den Menschen. Das ist für ein People’s Business wie der Hotellerie natürlich eine gern gehörte Message.

Nachhaltig, aber richtig

In vielen Vorträgen, angefangen bei der Kreislaufwirtschaft von Prof. Michael Braungart, über das Slow Food Konzept und seine touristische Umsetzung in Kärnten bis hin zu den Studien der Tourismusforscherin Sara Dolnicar zum nachhaltigen Verhalten von Touristen, ging es um Nachhaltigkeit und Tourismus. Beides muss natürlich kein Widerspruch sein, wie Hotelier Ernst Walter Schrempf mit seinem besonders bei der Energieversorgung bahnbrechend nachhaltig aufgestellten und deshalb sehr erfolgreichen und beliebten Hotel Schloss Thannegg beweist.

Allerdings ist der Urlauber, wie Sara Dolnicar belegen konnte, grundsätzlich eher kein nachhaltig denkender Mensch. Gerade im Urlaub möchte er sich eher genussorientiert verhalten, ökologische Fußabdrücke interessieren ihn am allerwenigsten. Jeder Hotelgast „verbraucht“ pro Nacht 300 Liter Wasser – inklusive Pool oder Beschneiung. Weniger Strom, weniger Wasser, weniger Abfälle bedeuten für den Hotelier aber letztendlich auch Kostenersparnisse. Wie kann man den Gast also zum erwünschten Verhalten bringen?

Nudging

Er ist „erziehunsgsresistent“: Warnschilder und Anleitungen werden ignoriert. Erfolgsversprechender sind Stubser („Nudging“) in die richtige Richtung: Wenn man ihm (oder ihr) Getränkegutscheine für jede ausgelassene Zimmerreinigung anbietet oder wenn man ihn einfach wählen lässt, wie oft er das Zimmer gereinigt haben möchte. Das wirke und nicht auf Kosten der Kundenzufriedenheit, sagte Dolnicar. Auch wenn man ihm zu einem „öffentlichen“ Versprechen überreden könne, bestimmte soziale Normen einzuhalten, wirke das. Weil jeder stolz darauf sei, sich von der Masse abzuheben.

Kaiserschmarrn und Flüssigei

Einer der wenigen Punkte, wo es am Kongress zum Dissens gekommen ist, war die Diskussion zwischen dem Gastronomen und Hotelier Sepp Schellhorn und dem Landwirten und Obmann von „Land schafft Leben“ Hannes Royer: Viele Forderungen des Landwirts, der sehr für den Einsatz von regionalen oder zumindest heimischen, im Idealfall biologisch-korrekten oder artgerechten Produkten im Tourismus plädiert, sind für Schellhorn schlicht unrealistisches Wunschdenken. Es sei leider unmöglich zu einem für den Gast akzeptablen Preis auf einer Skihütte täglich 600 Kaiserschmarrn zuzubereiten, ohne dabei auf Flüssigei zurückzugreifen - auch wenn die Eier dafür aus ukrainischer Käfighaltung stammen. Das würde auch am mangelnden Bewusstsein der Urlauber scheitern, es gäbe gar keine Nachfrage nach Kaiserschmarrn aus regionalen Eiern.

Echte Nachhaltigkeit kann auch weh tun

Dieses Bewusstsein müsse man erst beim Gast wecken, wie er das in seinem eigenen Betrieb versuche: Durch authentische Geschichten, den Mut zum Verzicht bzw. einer Verknappung des Angebots und gut geschultes Personal. Hannes Royer hält die Preisdiskussion beim Thema Tierhaltung für eine Ausrede: Er rechnete vor, dass regionales Schweinefleisch pro Portion nur 10 Cent pro Portion teurer ist, 15 Cent seien es bei Hühnerfleisch, 20 Cent beim Rind. Schellhorn entgegnete, für ein flächendeckendes regionales Angebot bräuchten wir eine anders funktionierende Landwirtschaft, viel weniger Bürokratie und eine andere Raumordnung. Letztere habe schon viel kaputt gemacht. Angebote wie die Kärntner Idee des Slow Food Village wären zwar nett, würden aber das grundsätzliche Problem nicht lösen.

Tourismus nicht banalisieren

Ganz einig war man sich auch nicht beim Thema Overtourism. Hier warnte Professor Harald Pechlarner davor, den Tourismus zu „banalisieren“. Reisende seien viel kritischer geworden und würden durchaus ihr eigenes Tun reflektieren. Deshalb reagierten sie und natürlich auch die bereisten Bewohner auf unbalanced tourismus immer sensibler. „Die ständige Betonung der wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus war und ist nicht gut“, warnte er. „Wir müssen die Stakeholder-Logik durchbrechen“. Das bedeute, die Anwohner einbeziehen, Dialogmanagement einsetzen, Tourismus ganzheitlich denken, über Lebensräume statt über Destinationen nachdenken.

Dazu passt die Message der Österreich Werbung und ist deshalb auch bewusst so gesetzt, wie ÖW-Chefin Petra Stolba betonte: Österreich biete eben Momente des Innehaltens. Wo das nicht mehr funktioniert, wie zu Peakzeiten in Hallstadt oder der Salzburger Altstadt, müsse man laut Pechlarner über Pricing nachdenken. Der Obmann des Salzburger Altstadtvereines Andreas Gferer, der eben nicht nur Touristiker vertritt, sagte: „Der öffentliche Raum gehört dem, der ihn erobert“. Oder dem, dem man gestattet ihn zu erobern. Deshalb denkt Petra Stolba darüber nach, wie man Touristenströme lenken kann. Daten dazu könne man zum Beispiel via Handynutzung erheben und in einem proaktiven Destinationsmanagement einsetzen. Man muss wohl auch über Obergrenzen nachdenken: Wie viele Millionen Touristen hält Salzburg oder Wien aus? Soll man Bettenobergrenzen einführen, die Ortstaxe erhöhen – wie in Amsterdam, wo sie jüngst von 6 auf 8 Prozent angehoben wurde mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dieses zusätzliche Geld für nötige Reinigungsarbeiten eingesetzt wird?

Ein Warnsignal sei immer, wie Andreas Gfrerer ausführte, wenn der Einzelhandel wie in der Getreidegasse beginnt von einem bewohnerrelevanten Angebot auf ein touristenrelevantes umzustellen. Pechlarner sagte abschließend, das Zeitalter des Tourismus habe (weltweit gesehen) gerade erst begonnen. Es gehe immer um die Tragfähigkeit bestimmter Regionen. Was Tirol an Tourismus verkrafte (und gelernt habe zu verkraften), müsse nicht in anderen Landesteilen gelten. Darüber müsse man immer wieder neu nachdenken.

 

 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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