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Wirtsstube: Dynamisches Duo – Kellner Reinhard (l.) und Koch Sigi Steindl (r.) schupfen das Wirtshaus alleine.

Die Zeitreisenden

10.06.2020

Serie "Mein Wirtshaus": Die Gebrüder Steindl scheinen ihr Wirtshaus aus einer vergangenen Zeit ins Heute verpflanzt zu haben. Und das ist gut so! Mit Charme, Wiener Schmäh und einer Küche, die gegen Gastrotrends immun ist, zählt es zu den ­Idealtypen der Wirtshauskultur.

Ins Steindl kommt vom Straßenkehrer bis zum Universitätsdozenten jeder. Wobei der Wirt einen Straßenkehrer noch nie rausschmeißen musste. Einen Universitätsdozenten schon!
Bier, Schnitzel und Kartenpracken (auf ausgefallenen Brettspielen) kann man gut im Hinterzimmer.
Mein Wirtshaus

Name: Steind’s Wein- und Bierhaus (oder einfach: Gasthaus Steindl)

Betreiber: Sigibert Steindl 

Mitarbeiter: 2 (der Wirt selbst und sein Bruder als Kellner)

Küchenschwerpunkt: Wiener Hausmannskost

Sitzplätze: 70 (plus 12 im Gastgarten) 

USP: authentische Wiener Wirtshauskultur

Öffnungszeiten: Mi–So 8:00–23:30 Uhr (Küche 8–15 und 18–22 Uhr, So 18–21 Uhr) 

Adresse: Kinderspitalgasse 12, 1090 Wien

Website: braucht das „Steindl“ nicht 

Über dem Eingang thront eine übergroße Gösser-Lichtreklame, die geschätzt seit Jahrzehnten nicht mehr leuchtet. In der Wirtsstube eine Schank aus den 1960er-Jahren, die es glücklicherweise bis ins Heute überlebt hat. Ebenso stilecht prägt die Glasvitrine, traditionell gefüllt mit Schartner Bombe und Manner-Schnitten, diese Gastwirtschaft. Würde man in einem fernen Land ein Wiener Wirtshaus museal inszenieren, es sähe vermutlich so aus. Alles hier ist alt, scheint aus einer längst vergangenen Zeit mit einem Raumschiff in der Gegenwart gelandet zu sein – willkommen im Gasthaus Steindl!

Mitten in der holzverkleideten Wirtsstube steht Reinhard Steindl. Brille, weiße Harre, wie immer in schwarzer Hose, Schürze und mit weißem Hemd. So wie man sich einen Kellner vorstellt. Selbst einige Stammgäste sprechen ihn mit „Herr Reinhard“ an, was natürlich nie ganz ernst gemeint ist, denn hier pflegt man gemeinhin das Du-Wort. 

Wie im Wohnzimmer

„Es geht auch um das Schmähführen, mit den Gästen Spaß zu haben“, sagt „Herr Reinhard“, sonst würde der 63-Jährige es sich nicht antun, dieses Original der Wiener Wirtshauskultur gemeinsam mit seinem um drei Jahre älteren Bruder Sigibert Steindl noch immer am Laufen zu halten. „In einem richtigen Wirtshaus darf sich jeder wie im eigenen Wohnzimmer fühlen“, sagt Reinhard. Das kommt offensichtlich an. Denn sein Publikum ist eine Melange aus allen sozialen Gruppen und Altersschichten. Junge Künstler trinken hier neben Pensionisten, Journalisten der Österreichischen Presseagentur oder Chirurgen vom nahe liegenden Allgemeinen Krankenhaus ihr Bier und essen ihr Schnitzel. Auch in Nicht-Corona-Zeiten oftmals mit etwas Sicherheitsabstand. Zur späteren Stunde kommt es aber auch zum Austausch zwischen den Tischen – das macht bekanntlich ein gutes Wirtshaus aus. 

„Zu uns kommt vom Straßenkehrer bis zum Universitätsdozenten jeder. Wobei ich einen Straßenkehrer noch nie rausschmeißen musste, weil er sich schlecht benommen hat. Einen Universitätsdozenten schon!“, sagt der Besitzer und Koch Sigi Steindl, der gerade seine Mittagsschicht beendet hat und im Hinterzimmer der ÖGZ seine Geschichte erzählt. Er schupft die Küche, mit gelegentlicher Hilfe seiner 89-jährigen Mutter, alleine, sein Bruder kümmert sich ebenso alleine um die Bedienung des ganzen Lokals. Familybusiness in der Kompaktversion. Das heißt auch, dass die Gäste auf die typische Wiener Küche, vom Gulasch über Schweinsbraten und Schnitzel bis zu den im Steindl empfehlenswerten Innereien (hier serviert man auch noch Hirn mit Ei!) auch mal etwas länger warten. Das macht aber niemand etwas.

Umsatzsteigerung nach dem Shutdown

Die schlichte, aber solide Wiener Küche zu wohlfeilen Preisen ist ein Markenzeichen. Einmal rannten die Gäste den Steindls die Bude ein, weil der Wiener Gastrokritiker Florian Holzer das „Holsteinschnitzel“ in einem Artikel rühmte. „Ich hatte damit keine Freude, weil das Gericht für mich viel Arbeit bedeutet“, scherzt Sigi. 

Auf lobende Zeitungsberichte ist man sowieso nicht angewiesen. Das „Steindl“ lebt von seinen Stammgästen und auch davon, dass der  günstige Mietvertrag aus dem Jahre 1975 eine Geschäftstätigkeit auch ohne strengen Businessplan und professionelles Controlling zulässt. Die Gäste zahlen es den Steindls zurück. In den ersten drei Tagen nach der Wiedereröffnung nach dem Corona-Shutdown floss so viel Umsatz wie sonst in einer ganzen Woche nicht. Die Leute hätten manchmal 100 Prozent Trinkgeld gegeben, berichtet der Wirt. „Da kamen die Leute und meinten, sie hätten Angst gehabt, dass wir nicht mehr aufsperren. Wir mussten öfters nachfragen, ob das hohe Trinkgeld so stimmt oder ob die Leute die Summen verdreht haben.“ Bei ihm laufe es seit der Wiederöffnung so wie vorher, aber er habe Mitgefühl mit dem Großteil der Kollegen, die unter fehlender Kundschaft leiden.

Eigentlich war es ja ein Zufall, dass seine aus dem Burgenland stammende Familie in die Gastronomie ging, erzählt Sigi Steindl. Sein Vater hatte eine Unverträglichkeit gegen gewisse Chemikalien, konnte darum nicht Friseur werden, sattelte in seiner Ausbildung auf Koch und Kellner um und eröffnete 1957 in der Quellenstraße in Wien-Favoriten sein eigenes Wirtshaus. Im Jahr 1975 siedelte die Familie dann ins heute bestehende Gasthaus in Wien-Alsergrund um. Und die Kinder Sigi und Reinhard Steindl waren da schon mittendrin. Sigi Steindl war mit 20 eigentlich zu jung, um die Konzessionsprüfung abzulegen, da ihm fünf Berufsjahre fehlten. Damals fand man aber eine Kulanzlösung. „Natürlich hatte ich die Praxis. Ich habe ja mit acht Jahren schon das erste Mal mitgearbeitet. Mit 13 hatte ich das erste Mal das Wirtshaus einen Nachmittag für mich alleine, weil die Eltern auf ein Begräbnis mussten“, sagt der heute 66-jährige Sigi Steindl. 

Wein- oder Gasthaus? Egal!

Heute steht noch immer „Steindl’s Wein- und Bierhaus“ an der Fassade. Der Name kommt daher, dass die Familie früher den im Burgenland selbstproduzierten Wein hier ausschenkte. Unter dem Eingang steht heute „Gasthaus Steindl“. Wie man das Lokal nennt, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Diskussionen um den Namen kümmern das Brüderpaar (Kellner Reinhard heuerte 2003 an, als er sein eigenes Lokal in Eisenstadt aufgab) ebenso wenig wie Foodtrends. Sein Fleisch bekommt Sigi Steindl noch immer von jenem Fleischer, bei dem er es immer schon kaufte. Dafür fährt er auch von Wien in den Kastner-Großmarkt nach Eisenstadt, erzählt Sigi Steindl. Und für Vegetarier? Es gibt Knödel mit Ei. 

Nur eines wird leider nicht für ewig währen. Gehen die Steindls irgendwann in Ruhestand, droht sich die dunkelhölzerne, glasgefüllte Eingangstüre für immer zu schließen. Die Nachkommen wollen nicht nachfolgen, und selbst wenn ein Gastro-Unternehmer die Wirtschaft übernehmen sollte, glaubt niemand, dass dieser Ort in seiner Orginalität erhalten bliebe. Das beunruhigt manche Gäste. Nach ein, zwei Bieren kann es schon vorkommen, dass der Stammtisch Überlegungen präsentiert, das Wirtshaus als Art Genossenschaft zu erhalten. Auch der Autor dieser Zeilen fände es schade, wenn diese typische Wirtshaus bald verschwinden würde. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Wir machen weiter, so lange wir „a Hetz ham“, sagt Kellner Reinhard. Ob es dafür schon einen Zeitplan gibt, wissen aber wohl nur sein Bruder und er. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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