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Digitalisierung: Wie man Gewinner wird

21.09.2017

Man kann kritisch oder euphorisch zur Digitalisierung stehen. Fakt ist: Sie kommt rasend schnell. Als Unternehmer gilt es, vorbereitet zu sein. Erkenntnisse aus zwei Tourismustagen in Linz.

 

„Wir arbeiten interdisziplinär. Techniker, Geistes- und Sozialwissenschaftler ziehen an einem Strang.“ - Rama Akkiraju ­entwickelt für IBM ­personalisierte Sprachsteuerungssysteme.
„Die Digitalisierung macht einen neuen  Gesellschaftsvertarg  notwendig.“ - Kenric MacDowell von Google fordert eine Diskussion über ­Digitalisierung und KI.

Dem Astronauten Dave wird mulmig. Sein intelligenter Supercomputer HAL 9000 verweigert ihm die Rückkehr ins Raumschiff. Wieso? Nicht, weil die Technik ausfiel, sondern weil HAL sich selbstständig gemacht hat. Die Szene stammt aus dem 1968 entstandenen Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Die Klassiker Terminator oder Frankenstein zeichnen ähnliche Bilder. Maschinen machen uns Angst, sie bedrohen die Welt, wie wir sie kennen. Und das nicht bloß in Filmen. Viele Unternehmer fragen sich: Gefährdet die Digitalisierung mein Geschäftskonzept, werde ich von den Fitteren, digital Affineren überrannt, und wozu brauche ich das Ganze überhaupt?  Manche helfen sich damit, dass sie die Digitalisierung als Modetrend abtun, den man umgehen und getrost die alten Kleider im Kasten lassen kann. Die Fakten zeigen aber das Gegenteil. Digitalisierung verschwindet nicht, es wird alles noch viel krasser und geht schneller voran als wir glauben! Bis 2040 wird es eine Vertausendfachung der Rechenleistung geben. Schon in wenigen Jahren wird jedes Smartphone über die Rechenleistung eines heutigen Supercomputers verfügen und mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten, rechnet etwa der deutsche Physiker und Zukunftsforscher Ulrich Eberl vor. 

Keine Angst

Eberl war einer der Impulsgeber, der heuer erstmals in Linz in Kooperation mit Ars Electronica stattgefundenen „Tourismustage“. 

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz standen in Linz im Mittelpunkt. Die Initiatoren aus Wirtschaftsministerium, Wirtschaftskammer und Österreich Werbung sehen den Tourismus hier als Vorreiter für alle Branchen. Was macht sie so optimistisch? 
Weil Unternehmer digitalisieren müssen, um erfolgreich zu bleiben. Touristiker und Hoteliers hätten das verstanden, lautet die zuversichtliche Botschaft. Um die Notwendigkeit noch einmal zu unterstreichen, projiziert Eberl die sogenannten Kontratieff-Zyklen per Beamer auf die Vidiwall. Die Zyklen zeigen die großen Impulsgeber für Wirtschaftswachstum. Digitalisierung ist demnach der weltweite Treiber, und die nächsten „großen Dinge“ stehen mit Gesundheit und Umweltschutz auch schon fest. Also Themen, die für die Tourismusbranche prädestiniert sind. 
Was alles jetzt schon oder bald möglich sein wird, zeigten in Linz unter anderen Rama Akkiraju und Kenric McDowell. Akkiraju arbeitet bei IBM daran, Maschinen das Erfassen menschlicher Emotionen beizubringen. McDowell beschäftigt sich als Direktor des Artists + Machine Intelligence Program bei Google Research damit, Maschinen das selbstständige Lernen einzutrichtern. Maschinen lernen, menschliche Gesten und Gefühle zu verstehen. Wenn Roboter Ironie verstehen, kann man sie getrost auch bei Kunden einsetzen. Der Blick in den Arbeitsalltag der Forscher ist spannend. Mit Kameras und Sensoren wird den Maschinen beigebracht, wie menschliches Verhalten funktioniert. Künftig wird diese Künstliche Intelligenz (KI) dazu führen, dass Fahrzeuge autonom erkennen, ob sich zwei Personen am Straßenrand unterhalten oder die Absicht haben, die Straße zu überqueren. 

Ressourcen für das Menschliche

Es geht also um eine Automatisierung der Entscheidungsfindungsprozesse. Die Grundlage dafür ist die intelligente Interpretation von Daten. Vieles ist da schon möglich. Das Tiroler Start-up WeDesignTrips verspricht beispielsweise die Planung von individuellen Reisen in die ganze Welt. Gründer Ambros Gasser (siehe Seite 12) und sein Team arbeiten daran, dass die Entscheidung, welche Reise für den individuellen Kunden passt, künftig die KI des Computers erledigen kann. Klassische Reisebüros dürften sich bei solchen Aussichten freilich schon die Sorgenfalten auf der Stirn züchten. Und die Mitarbeiter werden alle arbeitslos? Es gibt einige Studien, die von einer Zäsur am Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung ausgehen. Grund zur Panik? Nicht unbedingt! Ähnlich war das nämlich auch bei der Einführung der Dampfmaschine und der Automatisierung im Zuge der Industrialisierung. Letztlich wird die Politik (also im Grunde wir alle) eine Lösung finden müssen, wie der zunehmende Wohlstandsgewinn, den die Digitalisierung zweifellos mit sich bringt, auf die Bevölkerung umgelegt wird. Letztlich werden wir unsere Definition von Arbeit verändern müssen. Es wird weniger Arbeitszeit nötig sein. Und in der verbleibenden Arbeitszeit werden wertvolle Ressourcen frei, und die Mitarbeiter können sich auf das konzentrieren, was sie den Maschinen immer voraus haben werden: das typisch Menschliche, Fähigkeiten wie Kommunikation, Empathie – den umfassenden Service am Gast. Für den Tourismus sind das letztlich gute Aussichten. 

In den Händen des Bösen

Zurück zur Anfangsskepsis. Zur Fiktion, wo der Supercomputer HAL dem Menschen übel mitspielt. In der Diskussion um Digitalisierung und KI darf nie auf die Kritik vergessen werden. Ist es ethisch vertretbar, Programme einzusetzen, die sexuelle Präferenzen oder die Wahrscheinlichkeit einer Straftäterschafft anhand von Bildern der Betroffenen prognostizieren (beide Verfahren gibt es übrigens schon)? Und sollte es uns nicht Angst machen, wenn der russische Präsident Wladimir Putin davon spricht, dass das Land, welches als Erstes umfassend KI einsetzen kann, die Welt regieren wird? Technologie in den falschen Händen führt uns in den Untergang – auch das wissen wir aus zahlreichen Science-Fiction-Filmen. Kenric McDowell von Google fordert darum, dass die Menschheit einen neuen, digitalen und globalen Gesellschaftsvertrag entwickeln muss, der den „gutwilligen“ Einsatz von KI garantiert. Einen entsprechenden Rahmen zu schaffen wird Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft sein. 

Zurück ins kleine Österreich. Zur unberührten Natur, zu den Bergerlebnissen und zu den Museen, mit denen bei den Gästen geworben wird. Die Digitalisierung verändert die sogenannte Customer’s Journey. Wie wär’s damit, schon vor dem Wien-Besuch einen virtuellen Rundgang durchs Kunsthistorische Museum zu machen – mit 3D-Brille, versteht sich? Virtual Reality (VR) wird bereits eingesetzt und ist fast schon wieder von gestern. Die sogenannte Augmented Reality (AR), in der die reale Welt durch eine digitale Brille betrachtet wird, die eine Vielzahl an Informations- und Interak-
tionsmöglichkeiten bietet, dürfte nun endgültig zum Durchbruch kommen. Google bereitet einen Neustart seiner Google-Glasses vor, wobei man derzeit dem Konkurrenten Microsoft etwas hinterherhinkt, hört man aus Fachkreisen. Für Touristiker ergeben sich künftig jedenfalls gute Möglichkeiten, um mit den Kunden schon vor dem eigentlichen Besuch in der Destination in Kontakt zu treten. Und die Liste der Innovationen ist schier endlos. 

Völlig aussterben wird vermutlich der klassische Sekretär oder die Sekretärin, sollte es ihn oder sie noch wo geben. Spracherkennung ist nämlich ein Thema, bei dem zuletzt viel weitergegangen ist. Google arbeitet hier am sogenannten „Natural Language Processing“. Und wenn die KI Zugriff auf das Mailprogramm und den Kalender hat, schafft sie es mittlerweile, Treffen, ja Konferenzen zeitlich zu planen. Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden übrigens ab sofort in einer ÖGZ-Serie präsentiert. Wie man die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten nützt, beschreibt ÖGZ-Gastautor Reinhard Lanner in einer Serie ab dieser Ausgabe. 

Neues Wirtschaftsdenken

Die Grundlage aller oben genannten Möglichkeiten sind freilich immer Daten. KI funktioniert nur, wenn sie sich mit aktuellen Daten speisen lässt. Google hat sich hier zu einem Gatekeeper im Tourismus entwickelt. Wer die Digitalisierung nutzen will, kommt an einer Kooperation mit (oder Abhängigkeit von) dem US-Konzern nicht vorbei. In diesem Sinne ist zweifelsfrei mehr Kooperation beim Datensammeln unter den rund 90.000 heimischen Tourismusbetrieben gefragt (siehe Kommentar, Seite 2). Zusammenarbeit ist das Schlagwort für die neuen Zeiten. Einen Impuls in diese Richtung setzt etwa das von der ÖHV initiierte Projekt On.Guide. Die Inhalte und Angebote der Hotels werden in einer Datenbank gebündelt und für Maschinen lesbar gemacht. Nach einer Testphase sollen die Daten aller mehr als 1.400 ÖHV-Mitglieder eingespeist werden und aufbereitet zur Verfügung stehen. 

Die Digitalisierung verändert unaufhaltsam die Welt. Das ist jedem Teilnehmer nach zwei Tourismustagen klar. Die Herausforderung für jeden Unternehmer, jede Unternehmerin lautet daher: Sich selbst, das eigene Unternehmen, mit zu verändern. Die Strategien des Industriezeitalters mit starren, langfristigen Geschäftskonzepten und steilen Hierarchien in den Betrieben funktionieren bei den heutigen Anforderungen nicht mehr. Es geht darum, die Ressource Mensch besser zu nützen. Seien es die wertvollen Wünsche und Gedanken der Kunden – die man in einem Ideenwettbewerb in einem Open-Innovation-Prozess abholt – oder die Inputs der eigenen Mitarbeiter. In fast jedem Unternehmen haben sie einen anderen Blick auf den Gast und eine eigene Perspektive. Smarte Chefs und Chefinnen nützen das. 

 

Autor/in:
Daniel Nutz
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