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„Durch die hohe Biervielfalt ist auch der Bedarf an Hintergrundwissen gestiegen“

08.08.2012

Der Kurs zum Diplom-Biersommelier bei Doemens in der Nähe von München ist die derzeit wahrscheinlich beste Ausbildungsmöglichkeit für Bier-Profis – die Brau Union forciert diese Weiterbildung für ihre Mitarbeiter besonders

Vier Verfechter für Bierkultur (v. l.): Josef Pögner, Andreas Urban, Wolfgang Koller und Stefan Lehninger

Bier erfährt seit einigen Jahren eine Renaissance. Bier wird mittlerweile in Designergläsern ausgeschenkt und erste Bierkeller, die der jahrelangen Nachreifung spezieller Bock- und Fruchtbiere dienen, entstehen. Zahlreiche Bierevents, wie Schaubrauveranstaltungen, Verkostungsseminare oder Kochkurse mit Bier locken neue Gäste ins Lokal. Und dort wird man die Zeit, in der man bei der Bestellung lediglich die Wahl zwischen „Krügel“ und „Seidel“ hatte, wohl ebenso bald belächeln, wie man heute an die Zeit denkt, in der man sich beim Wein zwischen einem „Roten“ und einem „Weißen“ entscheiden konnte.

Doch die neue Qualität und Vielfalt der Biere bringt ein neues Anforderungsprofil speziell für Personen, die sich von Berufs wegen mit dem Gerstensaft beschäftigen. Die deutsche Doemens Akademie, die seit Langem Braumeister aus aller Welt ausbildet und im Bereich der Sensorik, Degustation sowie Schanktechnik einen Weltruf erworben hat, hat daher vor etlichen Jahren einen Kurs ins Leben gerufen, bei dem sich Interessierte innerhalb von zwei Wochen zu Diplom-Biersommeliers ausbilden lassen können. Ein Angebot, das neben Gastronomen und interessierten Privatpersonen auch immer mehr Brauereien für ihre Mitarbeiter in Anspruch nehmen.

48 Diplom-Biersommeliers  in der Brau Union
Ein Unternehmen, das von dieser Form der Weiterbildung besonders viel Gebrauch macht, ist die Brau Union. Vor gut drei Jahren durchliefen die ersten Brau-Union-Mitarbeiter diese Ausbildung, heute werden dort 48 Diplom-Biersommeliers beschäftigt und jährlich kommen ca. zehn bis zwölf neue dazu. Die ÖGZ bat vier von ihnen – Verkaufsleiter Wolfgang Koller, Key Account Manager Josef Pögner, Braumeister
Andreas Urban und Verkaufs­direktor Stefan Lehninger – zum Gespräch:

ÖGZ: Welche Mitarbeiter kommen für diese Ausbildung denn infrage?
Urban: Bis 2009 gab es vor allem interne Schulungen. Auch unter Leitung von Wolfgang Stempfl von der Doemens Akademie, der dann diese Ausbildung zum Diplom-Biersommelier ins Leben gerufen hat.

Pögner: Ursprünglich war es so gedacht, dass vor allem Leute, die im Außendienst tätig waren, die Kunden über Biersorten und -stile beraten, diesen Kurs besuchen sollten, um hier ein fundierter Ansprechpartner zu sein. Oder die Betreiber unserer Eigengastronomie-Lokale. Aber auch wenn Außendienst oder Braumeister vielleicht Vorrang haben: Wenn Plätze in einem Kurs frei sind, kann sich prinzipiell auch ein Buchhalter bei uns dafür melden. Da ist unser Haus zum Glück sehr offen.
Urban: Worum es geht ist, dass man dem Kunden etwas empfehlen kann, etwa welches Bier mit welcher Speise harmoniert, aber nicht weil man das auswendig gelernt hat, sondern weil man es dank dieser Ausbildung weiß und auch erklären kann, warum.

Lehninger: Zusätzlich bieten wir noch eine interne, auf vier Tage verkürzte Ausbildung zum „Bier-Botschafter“ an – ebenfalls in Zusammenarbeit mit Doemens.

ÖGZ: Wie sind die Kundenreaktionen? Trauen die Gastronomen einem Diplom-Biersommelier mehr Kompetenz zu? Vertrauen sie einem mehr?

Pögner: Aus meiner Erfahrung ist das sicher so! Das geht dann so weit, dass wir selber Seminare für Kunden organisieren und anbieten. Und das Besondere ist ja: Diese Ausbildung gibt es sonst nirgends. Zum Diplom-Biersommelier kann ich mich nicht beim Wifi ausbilden lassen. Mit der gestiegenen Vielfalt der Biere in den letzten Jahren und Jahrzehnten war aber der Bedarf nach mehr Hintergrundwissen da. Und da kommen bei der Brau Union eben die Diplom-Biersommeliers ins Spiel. Die Sachen, die die Leute interessieren, sind ja immer wieder die gleichen: Welches Bier passt wozu, welches Glas zu welchem Bier, wie schaut’s mit Kalorien oder mit dem Thema Alkohol aus?

Koller: Ein Diplom-Biersommelier bietet ganz sicher einen Mehrwert. Die Beratungsleis­tung, die wir erbringen können, ist in jedem Fall gestiegen. Und wir können noch mehr die Kunden dazu animieren, einmal dies oder jenes auszuprobieren.

Ermutigt, über den Tellerrand zu schauen

ÖGZ: Hat die Ausbildung den Zugang zu Produkten anderer Brauereien beeinflusst? Sieht man sich vielleicht weniger als Konkurrenz denn als Botschafter für gutes Bier?

Lehninger: Ich habe in erster Linie einmal gemerkt, wie gut unsere eigenen Produkte im Vergleich tatsächlich sind. Ich kann also mit noch besserem Gewissen eines unserer Biere empfehlen. Aber natürlich hat mich diese Ausbildung auch dazu ermutigt, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Auch vielleicht Biere auszuprobieren, die nicht von uns stammen. Denn wir brauen zwar viele unterschiedliche Biere selbst, aber daneben gibt es trotzdem zahlreiche andere Stile.

ÖGZ: Tut man sich auch leichter mit Verbesserungsvorschlägen im eigenen Haus?

Koller: Auf jeden Fall. Man hat einfach einen größeren Horizont.

Lehninger: Die Brauerei Kaltenhausen, aus der in den nächsten Wochen die ersten echten Spezialitäten kommen werden, war etwa ein Projekt, das stark von den eigenen Biersommeliers forciert wurde. Auch andere Produkte wie das Kaiser Granat sind so entstanden.

Urban: Wenn man vor drei oder vier Jahren bei uns ein Cherry-Weißbier, ein Maronibier oder ein Chocolate-Stout angesprochen hätte, hätte man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine blutige Nase geholt. In Kaltenhausen werden solche und andere Stile künftig gebraut. Das sind für einen österreichischen Konzern schon bemerkenswerte Stile.

Koller: Ich denke, dass das Bier derzeit die gleiche Entwicklung nimmt, die vor etlichen Jahren der Wein genommen hat, was die Entwicklung hin zur Vielfalt betrifft. Vor 20 Jahren war der Konsument auch gar nicht bereit, so ausgefallene Biere zu trinken, wie es sie heute gibt. Und schauen sie sich den Radlermarkt an. Da werden plötzlich ganz neue Kundenschichten angesprochen, die eigentlich keine „echten“ Biertrinker sind.

ÖGZ: Kommt man durch den größeren Blickwinkel, den man als Diplom-Biersommelier hat, auch mal in die Versuchung, dem Kunden ein Bier zu empfehlen, das nicht aus dem Konzern kommt, etwa bei speziellen Themenabenden?

Lehninger: Durchaus. Und ich sehe etwa ein belgisches Dubbel oder Tripel oder einen Granitbock auch nicht unbedingt als Konkurrenz zu unseren Produkten, sondern als Ergänzung. Schon klar – ein Märzenbier einer anderen heimischen Marke würde ich jetzt nicht unbedingt empfehlen. Da bin ich schon der Meinung, dass wir diesen Stil sehr gut im eigenen Haus hinbekommen. Aber bei exotischen Stilen hab ich kein Problem damit.

Urban: Oder ein Young’s Double Chocolate Stout, auch ein Schremser Roggenbier und viele andere. Das sind alles ausgezeichnete Biere. Warum soll man die nicht empfehlen?

Pögner: Der eigene Erfahrungsschatz wird durch diese Ausbildung auf jeden Fall erweitert und davon profitiert auch der Kunde.
Clemens Kriegelstein

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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