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Ein Nachtbürgermeister für Wien

27.03.2018

Die ÖGZ traf den Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner und sprach mit ihm bei einer Wiener Melange über neue Zielgruppen, das Zurechtstutzen von Vermietplattformen und warum Wien einen Nachtbürgermeister braucht.

Norbert Kettner im Interview mit der ÖGZ.
Norbert Kettner

Der in Tirol aufgewachsene 1967er-Jahrgang ist seit 1. September 2007 Geschäftsführer des WienTourismus. Dieser ist die Destinationsmarketingorganisation bzw. Tourismusdienststelle der Bundeshauptstadt.

In Städten wie Barcelona protestierte die Bevölkerung gegen zu viel Tourismus. In Wien freut man sich über einen Anstieg auf 15 Millionen Nächtigungen. Gibt es eine Grenze?
Norbert Kettner: Jedenfalls ist „Overtourism“ ein Thema. Wir behandeln das gemeinsam mit Prag, Berlin, Hamburg, Barcelona und Paris. Bei der Tourismusdichte, also den Nächtigungen pro Einwohner, liegen wir derzeit im unteren Mittelfeld in Europa. Der Vorteil Wiens ist, dass Otto Wagner die Stadt einst für vier Millionen Einwohner geplant hat. Da ist noch Platz. Unsere laufenden Erhebungen in der Bevölkerung zeigen: 96 Prozent stehen dem Tourismus positiv gegenüber. 

Die Wiener stoßen sich laut Erhebung weniger an den Touristen als vielmehr an der billigen Geschäftemacherei. 
Wir wollen klarerweise nicht ins freie Unternehmertum eingreifen. Es geht um die Sensibilisierung durch Bewusstseinsbildung. 

Apropos Otto Wagner: Authentisch im Gründerzeitbau nächtigen, damit wirbt Airbnb.
Das Problem ist bei uns nicht so groß, weil 40 Prozent der Wohnungen der Stadt gefördert sind, also für die Vermietungsplattformen wegfallen. 

Sind Sie sicher, dass man sich daran hält?
Die Stadt und Genossenschaften sagen, wenn ihr vermietet, seid ihr den Vertrag los. Das wirkt schon als Abschreckung.

Wie stellen Sie sich eine Regelung für die Vermietungsplattformen vor?
Das Aufheben der Grenze zwischen Kurz- und Langzeitvermietung ist ein Problem. Weil keine Wohnungen mehr auf den Mietmarkt kommen und die Kontrolle verloren wird, was in einem Haus passiert. Wenn wir das Tourismusförderungsgesetz novellieren, würde ich dringend empfehlen, dass wir eine zeitliche Beschränkung einführen: etwa ein Limit von 60 Tagen im Jahr, die eine Wohnung vermietet werden darf. Ich will den Plattformen helfen, zu ihrem Gründungsmythos zurückzukommen. 

Auch im klassischen Hotelmarkt ist Dynamik. Andaz, Rosewood oder B&B entwickeln Projekte. Manche sprechen von einem Überangebot.
Das regelt der Markt. Das sind Angebote, die die Stadt für neue Zielgruppen attraktiv machen. Wenn wir die Betten nicht mehr voll bekämen, würde ich ein Problem sehen. 

Wien spielt sicher nicht in der Bling-Bling-Liga, Norbert Kettner

Zur Strategie: Wien will den Luxustouristen ansprechen. Wie denn?
Wien spielt sicher nicht in der Bling-Bling-Liga. Unser Nadelöhr ist die Kunst. Große Sammler, die mit Kunst zu tun haben, setzen Wien auf ihre Landkarte. Diese Zielgruppe wollen wir noch stärker ansprechen. Da können wir in der Weltspitze mitspielen. 

Also exklusive Kunst- und Kulturangebote wie …
... zum Beispiel eine große indische Hochzeit im Belvedere. Das sind Herausforderungen, weil es öffentlich finanzierte Häuser sind. Und man das neben dem Normalbetrieb hinbekommen muss. Letztlich unterstützt es das Image der Stadt.  

Wien feilt an seinem Bild als weltoffene Stadt. Zur Europride werden 2019 bis zu 1,5 Millionen Besucher erwartet – mehr als bei der Fußball-EM 2008. Wie spricht man homosexuelle Touristen gezielt an?
Ich glaube, dass die positive Wurschtigkeit der Wiener diese Community anzieht. Es geht um leben und leben lassen. Wir haben in einer Studie erhoben, dass die LGBT-Zielgruppe in Wien mehr oder weniger das Gleiche sucht wie die breite Masse. Also Kultur oder Kulinarik, wofür man viel Geld ausgibt. Wer 72 Stunden Party machen will, kann das zwar in Wien, ist aber wohl woanders besser aufgestellt. 

Öffnungszeiten sind ein Thema. Wie tolerant ist die Stadt mit der Nachtwirtschaft?
Ich finde es schade, dass der bisherige Betreiber des Café Drechsler aufgibt, weil das Konzept des 24-Stunden-Kaffeehauses nicht durchsetzbar war. Ich glaube, dass wir touristische Angebote für 24 Stunden brauchen, aber auch, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung wichtig sind. Solche Themen könnte ein Nachtbürgermeister – wie in Amsterdam oder New York – behandeln.

Wie wichtig ist das Zertifikat „Weltkulturerbe“ für den Tourismus?
Selbst die Unesco sagt mittlerweile, es sei kein touristisches Thema. Das deckt sich mit meiner Einschätzung. Für den Tourismus braucht man das nicht. Die rote Liste ist ein wunderbares Marketingtool der Unesco. Damit gelingt es ihr aufzufallen. Meine private Meinung lautet: Je früher man sich davon löst, desto besser. Die ganze Diskussion lässt nämlich den Blick auf kleine Dinge verloren gehen. Wenn Gründerzeithäuser verfallen, ist es viel dramatischer, als einen nicht attraktiven Stadtteil neu zu gestalten. 

Nützt dem Wiener Tourismus eine Seilbahn auf den Kahlenberg?
Seilbahnen im urbanen Bereich sind ein Megatrend. In diesem Fall haben wir aber Probleme mit dem Schutzgürtel der Stadt. Da geht es um die Erhaltung des Wiener Waldes. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht realisierbar. 

Realisierbar scheint nun die dritte Piste des Wiener Flughafens. Derzeit hat man noch Kapazitäten für mindestens fünf Millionen zusätzliche Gäste pro Jahr. Braucht es – trotz aller Umweltschutzbedenken – die Piste wirklich?
Es geht um die Attraktivität im Geschäftsverkehr. Wenn wir das nicht jetzt tun, sind wir weg. Wien sollte ein attraktiver Standort in Zentraleuropa sein. 

Verkehrsminister Hofer freute sich sichtlich, dass Lauda und nicht die finanzstarke Vueling den Zuschlag für die insolvente Niki bekommen hat. Sind sie darüber auch glücklich?
Was wir bisher wissen: Lauda Motion fliegt überwiegend Feriendestinationen an, die für uns nicht relevant sind. Ich freue mich, dass Vueling trotzdem kommt, und auf Wizzair und Volotea freue ich mich auch. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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