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Echter Familienbetrieb, alle Familienmitglieder arbeiten im „Lotus“: Mutter, Papa, Sohn und die beiden Töchter

Ein Syrer erobert Lienzer Gastronomie

15.10.2020

Viele Kriegsflüchtlinge werden Gastro-Unternehmer. Das hat gute Gründe. Die ÖGZ hat eine syrische ­Unternehmerfamilie in Osttirol besucht.

Migrantische Unternehmen im Überblick

4.505 Mitglieder der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer sind nichtösterreichische Staatsbürger. Das entspricht einem Anteil von 19,2 Prozent. Im Bereich Hotellerie liegt dieser Wert mit sieben Prozent deutlich darunter. 

Im Jahre 2019 gab es in Österreich insgesamt 39.100 Unternehmensneugründungen. Davon fielen 1.076 in die Sparte Gastronomie. Der Nicht-Österreicher-Anteil wurde nicht speziell erhoben. Er dürfte laut Schätzungen aber sogar etwas höher sein als der Anteil bei den Gesamtunternehmen. 

Dazu gibt es auch eine interessante Studie mit dem Titel „Migration und Integration“ vom Ministerium für Europa, Integration und Äußeres aus dem Jahre 2019. Daraus kann man entnehmen, dass der Anteil der Selbstständigen in der ersten Zuwanderergeneration acht Prozent beträgt, in der zweiten Generation nur noch sieben Prozent. Der Schnitt in der österreichischen Gesamtbevölkerung liegt hier bei neun Prozent (ohne Landwirte). Auffällig in der Statistik ist, dass „restliche“ Staaten – also ohne EU, Türkei und Ex-Jugoslawien – mit 
13 % einen deutlich höheren Anteil an Unternehmensneugründern haben. Unter diese Staaten fallen beispielsweise auch Syrien oder Afghanistan, jene Staaten mit erhöhtem Asylwerberaufkommen in den vergangenen Jahren.

Sechsundneunzig Afghanen und 107 Syrer, die in Österreich leben, haben sich 2019 in Österreich selbstständig gemacht. 2020 dürfte die Zahl ähnlich hoch sein. Damit ist der Anteil der Flüchtlinge bei den Unternehmensgründungen überproportional hoch. Das dürfte zwei Gründe haben: Zum einen ist die Wertigkeit der Selbstständigkeit in diesen Ländern deutlich höher als bei uns, und die Möglichkeit eine qualifizierte Anstellung zu finden ist für Aslywerber nicht immer leicht, deshalb der Schritt in die Selbstständigkeit. Ein besonders interessantes Beispiel eines migrantischen Unternehmens gibt es in Osttirol.

Hanin ist die mittlere Tochter der drei Alsaleh-Kinder, und falls es so etwas in einem kleinen Familienbetrieb geben würde, dann wäre sie wohl die Unternehmenssprecherin. Ihre ganze Familie spricht gut Deutsch, doch Hanins Deutsch ist nahezu perfekt. 

In Osttirol zurechtfinden

„Als wir dann nach Dölsach in Osttirol kamen, war uns klar, dass wir uns nun hier zurechtfinden müssen. Ich wollte so rasch wie möglich Deutsch lernen“ erinnert sich Hanin. „Ich hatte das Glück, dass unsere Nachbarn im Flüchtlingsheim eine russische Familie waren, die schon sehr gut Deutsch und Englisch sprachen!“ Sie schrieben ihnen täglich zehn Sätze auf Englisch auf, die ihr übersetzt wurden. So erlernte die junge Syrerin in Eigenregie Deutsch. Nach wenigen Monaten machte sie sich auf Jobsuche: „Ich wollte nie etwas mit Kochen zu tun haben, aber das war der Job, der vor der Haustüre zu haben war, also begann ich trotzdem mit der Kochlehre im Tirolerhof in Lienz. Letztlich hat es mir Freude bereitet“, berichtet Hanin. 2018 absolvierte sie die Lehrabschussprüfung mit Auszeichnung. Man ist jetzt versucht zu sagen, dass ihr das in die Wiege gelegt worden sei. Mama Sahar ist nämlich gelernte Köchin und hat in Damaskus ihr eigenes Lokal geführt. In Osttirol fand die einstige Lokalchefin vorerst nur Arbeit als Küchenhilfe. Also war rasch der Entschluss gefasst, sich so bald wie möglich wieder selbstständig zu machen. Auch sie hat dann gebüffelt und innerhalb von sechs Monaten die Kochprüfung absolviert, um so die Voraussetzung für die Gewerbeanmeldung zu erhalten. Zwei Jahre lang hat man dann nach einem passenden Lokal gesucht. Familie Alsaleh wollte keinen Kebab-Stand, sie wollten ein schönes Restaurant. 

Was war im Lockdown?

Im Lotus soll man die Vielfalt der arabischen Küche in einem gepflegten Ambiente genießen können. Doch zum Start kam der erste Schock. Geplante Eröffnung war Anfang April. Da herrschte aber der Lockdown. So stand man mit jeder Menge eingekaufter Ware und vorproduzierten Speisen, aber ohne Gäste da. 

Aus der Not heraus startete man sofort mit dem Abholservice. Der wurde glücklicherweise gut angenommen. Seit 18. Mai ist das Lokal geöffnet. Man hat auch schon zahlreiche Stammgäste. Das Lotus ist übrigens ein echter Familienbetrieb. Alle fünf Familienmitglieder arbeiten dort. Mutter Sahar, Papa Hassan und Sohn Yamal in der Küche sowie die beiden Töchter Noor und Hanin im Service. Wobei Hanin als gelernte Köchin auch bei den Vorbereitungsarbeiten und beim Vorproduzieren in der Küche mit anpackt. 

Haubenkoch als Lehrherr

Auch wenn es im Lotus jetzt schon feine Speisen gibt, will Hanin den Einfluss ihres Lehrherrn, immerhin Zwei-Hauben-Koch Peter Sander, in Zukunft mehr einfließen lassen und die moderne österreichische Küche mit der klassisch arabischen verbinden. Außerdem hat sie ihr Talent für veganes Kochen entdeckt, und auch das soll in Zukunft auf der Speisekarte mehr Niederschlag finden. Die syrischstämmigen Neu-Osttiroler haben also noch viel vor. Auf alle Fälle ist Osttirol ihre neue Heimat geworden. Und Osttirol hat ein weiteres schönes Lokal bekommen.

Autor/in:
Dieter Mayr-Hassler
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