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Eine Art ­Liebeserklärung

30.10.2008

Neuankömmlinge, bei denen er spürt, dass sie nicht hierher passen, schickt der „Herr Joseph“ umgehend in einen anderen Betrieb. „Das ist besser für sie und besser für uns, denn wir sind sicher kein Hotel für jedermann. Wer den klassischen Luxus eines normalen Vier-Sterne-Hotels sucht, wird bei uns wohl enttäuscht werden. Wir haben auch keine Fernsehgeräte in den Zimmern, dafür hängen dort Bilder von mir an der Wand“, erklärt Joseph eine der Besonderheiten seines Hauses.

Diese Besonderheiten werden von vielen Stammgästen heiß geliebt. Das sind vor allem Gäste, die eine andere Art von Luxus suchen, die auf hochwertige Materialien, individuell gestaltete Räume und persönliche Herzlichkeit mehr Wert legen als auf austauschbare Markenartikel, 08/15-Designmöbel oder aufgesetzte Höflichkeit.

So trägt „das Joseph“ seinen Beinamen „eine Art Hotel“ nicht nur als Anspielung auf die rund 860 Bilder und Skulpturen, die sich hier befinden, sondern auch auf die außergewöhnliche Art und Weise, wie die Preins ihr kleines Haus mit acht Gästezimmern führen.

Individuell im Kollektiv … Ins Joseph kommen fast ausschließlich Individualgäste, die in der großartigen Landschaft der Südsteiermark Entspannung suchen. Im liebevoll gestalteten Garten gibt es viele lauschige Ecken zum Lesen und Relaxen. In der kühleren Jahreszeit steht dafür auch ein gepflegter, kuscheliger Salon zur kollektiven Nutzung zu Verfügung.
An vier Abenden in der Woche ist auch das kleine Restaurant für maximal zwanzig Personen geöffnet, wo bevorzugt Hausgäste bekocht werden. „Wir bewirten zwar auch gerne einmal Nicht-Hausgäste, schauen aber immer darauf, dass die Hausgäste in der Mehrheit sind, damit die besondere Stimmung, die normalerweise bei uns herrscht, erhalten bleibt“, erklärt Joseph. Denn auch das Restaurant hat seine Eigenheiten, die nicht jedermann goutiert, von den Stammgästen jedoch besonders geschätzt werden. So sitzen die Gäste z. B. sehr eng nebeneinander. Mitunter werden die kleinen Tische sogar zu einer gemeinsamen Tafel zusammengeschoben. Gespräche mit den Tischnachbarn sind also durchaus üblich und erwünscht, wobei Joseph gerne in die Rolle des Moderators schlüpft. Schließlich ist ihm die Auseinandersetzung mit seinen Gästen sehr wichtig.

Während Joseph das Service schupft, ist seine Gattin Edith für die Zubereitung der Speisen verantwortlich. Jeden Abend gibt es ein neu zusammengestelltes Vier-Gang-Menü, das gleichzeitig für alle Gäste serviert wird. Sonderwünsche sind dabei nicht wirklich gefragt. „Wenn jemand kein Fleisch isst, dann zaubere ich schon eine kleine Alternative, aber wir machen hier keine À-la-carte-Küche, denn dafür sind wir auch gar nicht eingerichtet“, so Edith Prein.

Bei der Menü-Zusammenstellung achtet sie darauf, Gerichte zu vermeiden, die manche Menschen nicht besonders mögen. Innereien sind also – trotz persönlicher Wertschätzung durch die Chefin – in der Regel tabu.
„Die meisten Zutaten bekomme ich aus der näheren Umgebung, und zwar von Produzenten, die wir persönlich kennen. Der Schafkäse, der gemeinsam mit marinierten roten Rüben die heutige Vorspeise bildet, kommt von einem Wanderhirten, der mit seiner Herde den Sommer lang von Weide zu Weide zieht“, erklärt Edith Prein. Sie schaut drauf, dass man die Südsteiermark nicht nur im Glas, sondern auch am Teller schmeckt. Optisch ist die grandiose Landschaft dank riesiger Panoramafenster ohnehin omnipräsent.

Ein Leben ohne Zäune … Heute fühlt sich Joseph mit Herz und Seele als Südsteirer und ist mit der Gemeinde eng verbunden. Er engagiert sich mit Projektarbeiten in der Schule seiner Kinder Max und Marie-Theres, verkauft ausschließlich Weine aus der Nachbarschaft, arbeitet mit lokalen Produzenten zusammen und spricht nur in höchsten Tönen von diesem wunderschönen Landstrich und den dazugehörigen offenherzigen Menschen. „Im Gegensatz zu weiten Bereichen im restlichen Österreich gibt es bei uns fast keine Zäune. Aufgrund der relativ friedvollen Geschichte dieser Gegend ist auch die Architektur der Höfe immer einladend und nicht abweisend. Und weil bis vor rund zwanzig Jahren weder Weinwirtschaft noch Tourismus eine entscheidende Rolle gespielt haben, ist die Gegend auch noch nicht mit hässlichen Neubauten verschandelt“, meint Joseph.

Die Preins sind vor 15 Jahren eher zufällig nach Sulztal an der Weinstraße gekommen. Mehr als fünf Jahre haben sie in ganz Österreich nach einem passenden Flecken für ein kleines, feines Refugium nach ihren Vorstellungen gesucht, und dabei auch viele Plätze im Salzkammergut und in der Wachau angeschaut. „Edith und ich hatten davor einige Zeit in Frankreich und Spanien verbracht, wo ich mich vor allem der Malerei gewidmet habe. Doch mit unserer Entscheidung, Kinder haben zu wollen, war klar, dass wir uns ein dauerhaftes Zuhause schaffen wollen“, erinnert sich Joseph.

Aufgewachsen ist Joseph in Graz, wo die Eltern mehrere Gasthöfe betrieben haben. Sein erstes eigenes Großprojekt war die legendäre Wartburg bei der Grazer Uni, die er von 1986 bis 1991 gepachtet hatte: „Das war eine tolle Vollgas-Zeit. Wir haben das Lokal jeden Abend neu dekoriert, haben mit unseren Stammgästen Ausflüge organisiert, da war eine richtige Aufbruchstimmung in Graz. Schlauerweise habe ich das Lokal nach fünf Jahren am Höhepunkt wieder abgegeben, weil auf Dauer kostet so ein Arbeitsrhythmus sehr viel Energie.“

Zur Ruhe kommen … Es folgten Wanderjahre in Österreich, in Ischgl war Joseph dann auch zwischenzeitlich im Tourismus-Marketing tätig. Doch schließlich wurde die Kunst immer wichtiger, weil er darüber zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit sich und seinem Leben gefunden hat. Beim 200 Jahre alten Bauernhof in Sulztal an der Weinstraße haben Joseph und Edith Prein plötzlich die Gewissheit gehabt: Das ist es!

Schritt für Schritt ist aus dem heruntergekommenen Gehöft das Hotel Joseph geworden. Es wurde für Joseph der perfekte Platz, um mit seiner Frau zu leben, die beiden Kinder großzuziehen, Kunst zu schaffen und über die Bewirtung von Gästen auch den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.
„Früher war ich sehr viel unterwegs und habe es genossen. Jetzt haben wir schon sieben Jahre keine Fernreise gemacht, aber es geht uns nicht ab. Wir haben ja jetzt selbst eine Art ‚Transitraum‘, wo laufend fremde Menschen zu uns kommen und uns von neuen Erfahrungen erzählen. Ich muss die Abwechslung also nicht woanders suchen“, erklärt Joseph.

Diese innere Ruhe und Gelassenheit zeigt sich als positive Energie, die man auf Schritt und Tritt spürt. Joseph ist ganz in seinem Element, wenn er sie mit netten Gästen teilen kann. Nur mit negativ gestimmten „Energie-Räubern“ will er sich nicht mehr auseinandersetzen. Die schickt er lieber in ein anderes Haus, das von seinen Gästen nicht ganz so viel fordert, ihnen schluss-endlich aber auch nicht ganz so viel zu bieten vermag.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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