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Eine Branche zahlt Lehrgeld

12.12.2006

Wer in Wien eine Lehrstelle sucht, muss sich rechtzeitig darum kümmern. Sowohl in der Hotellerie als auch in der Gastronomie gibt es mehr Lehrstellensuchende als Ausbildungsplätze.

In den Bundesländern sieht die Sache gänzlich anders aus, vor allem in den ländlichen Gebieten. In Salzburg sind es ungefähr 250 Lehrstellen und in Tirol sogar um die 400 Lehrstellen, die unbesetzt bleiben. Vor allem die reinen Gastronomiebetriebe sind davon stark betroffen. Aber auch die Hotellerie kann ein Lied davon singen.

Image gehört aufpoliert
Das Problem erscheint in Anbetracht der Zuwächse in der Tourismus-Lehrlingsstatistik – von 2004 auf 2005 stiegen die Lehrlingszahlen in Österreich um 5 Prozent – zwar unwahrscheinlich, und ist doch eine Tatsache, die nicht erst in der jüngsten Vergangenheit von Bedeutung ist. Walter Veit, Landesvorsitzender der Österreichischen Hotelvereinigung (ÖHV) in Salzburg und Eigentümer des Hotels Enzian in Obertauern, ist es daher ein Bedürfnis, wieder darauf aufmerksam zu machen. Veit ist davon überzeugt, dass mit vereinten Kräften Abhilfe geschaffen werden könnte: „Es muss doch möglich sein, junge Leute begeistern zu können.“ Sein Hauptaugenmerk liegt diesbezüglich in der Imagekorrektur der Branche.
Kaum eine andere Branche verfügt über so ein Wachstums­potenzial wie der Tourismus. Dazu kommen noch die Internationalität und die steilen Karrieremöglichkeiten. Auch der Vorwurf der schlechten Bezahlung wird von Walter Veit entkräftet: „Die Leute sind bei uns voll versorgt, dazu kommt noch das Trinkgeld. Sonst wäre es nicht möglich, dass ein Paar, das zehn Jahre lang in der Saison bei mir gearbeitet hat, sich ihr gesamtes Haus samt Grund und Boden, bei mir erarbeitet hat.“ Trotzdem liegen das Gastgewerbe und die Hotellerie nicht an oberster Stelle in der Beliebtheitsskala der jugendlichen Wunschberufe – zumindest, so lange sie nicht in die Branche „hineingeschnuppert“ haben. Veit: „Rund 50 Prozent der Jugendlichen, die bei uns im Betrieb eine Schnupperwoche verbracht haben, waren danach von der Branche begeistert.“ Dennoch ist damit die Problematik des Ost-West-Gefälles bei den Lehrlingen noch nicht aus der Welt geschaffen.

Die demographische Entwicklung wird nämlich vor allem in den ländlichen Gebieten stark spürbar. Dazu kommt, dass sich Jugendliche während ihrer Ausbildung nicht zu weit von ihrer Heimat entfernen wollen. Grund dafür sind die Familiennähe und der Freundeskreis, der bei zu viel Abstand abhanden käme.
„Auch wenn in strukturschwachen Regionen die Mobilität größer ist und rund zwanzig Prozent der Lehrlinge in Wien nicht aus Wien kommen, ist das Weggehen von Daheim ein großer Schritt für Jugendliche“, berichtet Dr. Alfred Freundlinger, Referent der Abteilung Bildungspolitik der Wirtschaftskammer Österreich, der sich vorrangig um das Thema Lehrlingsausbildung kümmert. Für Johann Schenner, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der WKO, ist es daher klar, dass die Mobilität der Jugendlichen von den Eltern unterstützt werden muss. Thomas Reisenzahn, Generalsekretär der ÖHV, weitet die Unterstützung sogar noch ein Stück weiter aus: „Schon in der Ausbildung davor sollten die jungen Leute von den Pädagogen auf Bewegung eingestellt werden. Mobilität entsteht im Kopf und in Zukunft wird es immer wichtiger werden mobil zu sein.“
Förderung der Mobilität
Seitens des Staates versucht man die Mobilität mit Entfernungsbeihilfen zu fördern. Das AMS zahlt Lehrstellensuchenden pro Monat einen Fixbetrag. Bis Juni 2005 waren es 183 Euro im Monat, danach wurde der Betrag auf 250 Euro erhöht. In den Genuss kommen Lehrlinge aber nur, wenn sie keine zumutbare Lehrstelle in der Gegend gefunden haben und den Antrag vor der Aufnahme der Lehrstelle abgegeben haben. Davon abgesehen, dass die Höhe des Betrages pro Bundesland variieren kann. Denn laut Mag. Roland Garber, stellvertretender Geschäftsführer der Sparte Tourismus und Freitzeitwirtschaft der WKO, liegt es im Ermessen der Landesgeschäftsstellen, in welchem Ausmaß diese Bundesrichtlinie ausgeschöpft wird.
Einen guten Weg aus der Misere hat Vorarlberg geschafft. Das westlichste Bundesland hat die Zahl der Lehrbetriebe gesenkt und bietet seit 1994 den Lehrlingen eine aktive Begleitung während ihrer Lehrzeit an. Wolfgang Juri, Spartengeschäftsführer in der Wirtschaftskammer Vorarlberg, steht den rund 800 Jugendlichen in der Berufsschule in Lochau wöchentlich in der Sprechstunde mit Rat und Tat zur Verfügung: „Da ich zur ganzen Branche und zu fast allen Lehrbetrieben einen guten Kontakt habe, kann ich den Jugendlichen schnell und unbürokratisch helfen.“

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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