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"Das Investitionsrisiko wird auf viele Köpfe verteilt": ÖGZ-Chefredakteur Thomas Vierich im Interview mit Reinhard Willfort, Betreiber der Crowdfunding-Plattform 1000x1000.at.

Es geht in der Crowd nicht nur um die Finanzierung

20.04.2016

Crowdfunding eröffnet Auswege aus der Kreditklemme. Gemeinsam mit Crowdsourcing, einer öffentlichen Phase der Ideenfindung, ergibt sich ein gerade für den Tourismus interessantes neues Geschäftsmodell: Crowdbusiness.

Mit Crowdsourcing und Crowdfunding können sich Betriebe Eigenkapital besorgen, Kunden binden und Marketing betreiben. In der Crowdsourcingphase wird die Projektidee der Crowd über Websites und sozia-le Medien vorgestellt, beim Crowdfunding geht es dann um die Suche von konkreten (Klein-)Investoren. Wie und warum Crowdbusiness gerade im Tourismus funktionieren könnte, erklärt Reinhard Willfort, Mitautor der soeben erschienen Studie „Alternativfinanzierungsgesetz – Möglichkeiten und Chancen für die Tourismusfinanzierung in Österreich“ und seit 2012 Betreiber der Crowdfunding-Plattform 1000x1000.at in Graz.

ÖGZ: Was ermöglicht das neue Alternativfinanzierungsgesetz?
Reinhard Willfort: Die wichtigste Botschaft ist, dass Crowdfunding erwünscht ist. Das Gesetz wurde vom Wirtschaftsministerium initiiert mit dem Ziel, Unternehmen in der Frühphase eines Projektes Finanzierungsmöglichkeiten zu eröffnen, wenn Banken dazu noch gar nicht in der Lage sind. Mit Basel IV wird es noch schwieriger werden, die Kriterien für eine Fremdfinanzierung zu erfüllen. Man muss Eigenkapital mitbringen. Das kann ich jetzt über Crowdfunding aufstellen. 

Warum könnte Crowdfunding gerade im Tourismus funktionieren? 
Interessant wird es z. B. beim Reward-Modell, wo man für seine Investition Gutscheine oder andere nicht-bare Vorteile bekommt. 

Der Kleininvestor bekommt keine Gewinnbeteiligung, sondern Leistungen?
Ja. Er könnte auch an der Entwicklung eines Produktes beteiligt sein. So entsteht eine intensive Kundenbindung. Der Investor fühlt sich beteiligt und genießt eine Vorzugsbehandlung

Aber man kann auch für seine Investition Geld bekommen?
Natürlich. Beim Lending-, Equity- und Investing-Modell wird man zum stillen Teilhaber mit Gewinnbeteiligung, oder man bekommt Zinsen.

Welches Modell ist für ein Hotel oder die Gastronomie interessant?
Man muss sich überlegen, was man will: Geht es mir um ein Kundenbindungsprojekt, dann ist das Reward-Modell ideal: Ich lade meinen Gast ein, mir zu helfen. Wir haben einen Kunden, eine Bergbahn, die mehrere Millionen investiert und die regionale Bevölkerung sowie Gäste einlädt, sich daran zu beteiligen. Dafür bekommen die Investoren Jahreskarten oder Ähnliches. Im Prozess des vorgelagerten Crowdsourcing sind sie auch an der Entwicklung meines Projektes beteiligt, können Vorschläge machen. So erfahre ich, was meine Kunden wirklich wollen. Einen Like-Button zu drücken ist einfacher, als einem Unternehmen tatsächlich Geld zu überweisen, und seien es auch nur 100 Euro. Wenn das 300 Menschen tun, dann weiß ich als Unternehmer, dass mein Leistungsangebot Kunden finden wird. Das senkt das Risiko des Scheiterns enorm. Ich bekomme also Risikokapital, Sichtbarkeit, Multiplikatoren und einen kostenlosen Marktcheck.

So kann ich auch die Umgebung miteinbeziehen: die Nachbarn, das Dorf, die Destination?
Das ist bei regionalen Projekten ganz wichtig: Ich kann in meine Region investieren und ich kann schauen, was mit meinem Geld passiert und persönlich vom Projekt profitieren. Mit ein paar tausend Euro kann man zum Mitunternehmer werden. Das Investitionsrisiko wird auf viele Köpfe verteilt.

Wie kann ich als Unternehmer ein Crowdfundingprojekt starten?
Die Vorbereitungsphase ist entscheidend. In welche Themen möchte ich meine Crowd einbeziehen? Gibt es überhaupt eine Crowd? Habe ich genügend Kunden oder Gäste, die sich für mein Projekt interessieren könnten? Wie könnte ich weitere Interessenten erreichen?

Was wäre denn die kritische Masse?
50 oder 100 wird wahrscheinlich nicht reichen. Aber wenn ich als Gastronom in meiner Kundenliste 5.000 Einträge habe, dann sind das schon mal gute Voraussetzungen. Dann brauche ich vielleicht gar keine Crowdfunding-Plattform, sondern kann selbst genug Menschen erreichen. Das Unternehmen Grüne Erde konnte mit einem sechsstelligen Kundenstamm 7,8 Millio-
nen Euro einspielen. Ohne Plattform.

Wer berät?
Das übernehmen oft die Plattformen. Schon im Vorfeld, das schreibt das Finanzierungsgesetz auch vor, das ist unsere Rolle als Plattformbetreiber. Natürlich können wir keine Garantie für den Erfolg des Projektes übernehmen, aber wir garantieren, dass die Grundlage für eine erfolgreiche Kampagne geschaffen wurde.

Wie sieht so eine Kampagne aus?
In der Vorbereitungsphase muss man Unterlagen liefern: Vor allem einen Businessplan, aus dem hervorgeht, wie das Geschäftsmodell funktioniert. Diesen Plan kann jeder online einsehen. Das heißt, das Projekt wird nicht wie bei einer Bankfinanzierung von ein oder zwei Personen geprüft, sondern von hunderten. Wichtig ist auch ein Video, in dem erklärt wird, wer ich bin und welches Problem gelöst werden soll. Bei Equityprojekten muss auch erklärt werden, wie ich Geld verdienen will. 

Wie lange dauert so ein Prozess?
Eine Kampagne läuft normalerweise zwischen vier Wochen und drei Monaten, hauptsächlich über Webseiten und soziale Medien. 

Und während dieser Zeit können Investoren Geld einzahlen: Wer bekommt das?
Normalerweise fungiert die Plattform als Treuhänder. Wenn der Schwellenwert der Finanzierung erreicht ist, den der Unternehmer festlegt, bekommt er das Geld und kann loslegen. Wird der Schwellenwert nicht erreicht, bekommen die Investoren ihr Geld zurück. Was nicht heißt, dass damit das Projekt oder das Funding gescheitert ist. Wir hatten schon Projekte, bei denen nicht genug Geld zusammengekommen ist, aber es hat viel Aufmerksamkeit erregt und zur Sichtbarkeit des Unternehmens beigetragen. Das ist oft mehr wert als die eingespielte Summe. Das kann auch einen Business-Angel, also einen Großinvestor, auf das Projekt aufmerksam machen, und es klappt auf diesem Weg doch noch eine Finanzierung.

Gibt es einen bestimmten Typ von Projekten, der beim Crowdfunding erfolgreich ist? Müssen das besonders originelle oder innovative Ideen sein? Gar etwas Verrücktes?
Nicht unbedingt. Der Innovationsgrad ist wichtig für Projekte mit internationaler Ausstrahlung. Bei einem regionalen Projekt geht es mehr um Gefühle: Ich kenne den Betreiber, ich wohne selbst vor Ort und kann das Angebot nutzen und etwas für meine Region tun.

Kann es da auch um kleinere Summen gehen? Um den Umbau meiner Lobby oder die Ausstattung meines Gastgartens? Eine Investition in meine Küche?
Reine Erneuerungsinvestionen werden weniger Erfolg haben: Wenn ich nach zwanzig Jahren meine Betten austauschen möchte, ist das noch keine emotional fesselnde Geschichte. Man muss die Leute miteinbeziehen: Vielleicht steht auf jedem neuen Stuhl im Garten der Name desjenigen, der ihn finanziert hat. Oder man erzählt seinen Kunden: Ich organisiere euch ein Erlebnis, das ihr noch nie hattet. Wenn ihr euch daran finanziell beteiligt. Damit bedient man einen Trend: Die Leute sind heute in Netzwerken unterwegs, sie wollen dazugehören, dabei sein, ein Wir-Gefühl bekommen, eine Spur hinterlassen. Man bekommt durch so einen Prozess einen hohen Grad an Innovation: in der Kommunikation, in der Kooperation. Das haben viele noch nicht verstanden. Beim Crowdsourcing geht es um die gemeinsame Entwicklung einer Idee. Aber auch beim Crowdfunding steht nicht immer die Finanzierung im Vordergrund. Es geht immer um den Aufbau von Netzwerken. Über dieses Netzwerk bekommt man die Möglichkeit, seine Idee weiterzuentwickeln, gemeinsam mit den Gästen, die dieses Produkt oder diesen Service benutzen wollen. Deswegen sprechen wir von Crowdbusiness, von einem neuen Geschäftsmodell. Das hat in anderen Branchen schon sehr gut funktioniert und das kann auch im Tourismus funktionieren, der dafür wie geschaffen ist.

 

Info
Zur person
Reinhard Willfort ist Geschäftsführer der Innovationsplattform innovation service network. Seit 2012 betreibt er die Crowdfunding-Plattform 1000x1000.at. 
Download der Studie zum Crowdfunding im Tourismus:
www.bmwfw.gv.at/Tourismus/TourismusstudienUndPublikationen/Documents

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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