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Michaela Reitterer in der Lobby ihres Boutiquehotels Stadthalle im ausführlichen ÖGZ-Gespräch.

Es gibt keinen Zwölf-Stunden-Tag

06.12.2018

ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer im Interview über Storytelling, Qualität statt Quantität, eine bessere Ausbildung und warum es keinen Krisengipfel und auch keinen Zwölf-Stunden-Tag gibt.

In Kärnten werden 30 Flüchtlinge fit für eine Lehre im Tourismus gemacht. Müsste es so etwas nicht viel öfter und flächendeckend geben? Müsste hier nicht viel mehr Geld in die Hand genommen werden? Um Angebote für Schulabbrecher, Quereinsteiger, Langzeitarbeitslose zu entwickeln?
Reitterer: Man sollte fördern, dass sie überhaupt in Beschäftigung kommen – unabhängig vom Tourismus. Es gibt Qualifizierungsmaßnahmen, die funktionieren, vermutlich in Wien mehr als woanders. Bei mir arbeitet ein anerkannter Flüchtling aus Afghanistan. Der ist ein Traum! Hochmotiviert mit großer Freude an seinem Job. Der ist bei mir fix angemeldet als Teilzeit-Hilfskraft. Nächstes Jahr beginnt er bei mir eine Lehre. Wir müssen mehr in unsere Mitarbeiter investieren.

Müsste die ÖHV nicht den Tag der offenen Hoteltür jeden Monat machen?
Wir bekommen zwar Hilfe von zwei Ministerien, für die ich sehr dankbar bin, aber trotzdem können wir den Tag nicht öfter als einmal im Jahr machen, weil das zu viele Ressourcen bindet.

Warum gibt es auf der Homepage der ÖHV nicht mehr Informatio-nen, wie man im Tourismus arbeiten kann? Wie man einsteigen kann? 
Wir haben das im Vorstand diskutiert und werden das Thema völlig neu aufsetzen. Am liebsten würden wir ein großes Dach über alle Initiativen spannen, den ganzen Content bei uns auf der Homepage sammeln. Das würde ich gerne gemeinsam mit den anderen im Tourismus machen, den Kammern, Schulen, der Gewerkschaft. Wir nehmen alle mit!

So eine Art Krisengipfel oder runden Tisch gibt es noch nicht?
Nein, weil man uns Unternehmer lieber vorwirft, dass wir alles falsch machen. So lange man nicht wirklich anerkennt, dass es toll ist, dass es Unternehmer in Österreich gibt, die Arbeitsplätze schaffen, die ins Sozialsystem einzahlen, die Menschen eine Existenzgrundlage in abgelegenen Talschaften bieten: So lange werden wir auf keinen grünen Zweig kommen.  

War der Zwölf-Stunden-Tag wirklich eine gute Idee?
Es gibt keinen Zwölf-Stunden-Tag! Es gibt einen Zehn-Stunden-Tag mit der Möglichkeit, auf elf oder zwölf Stunden zu gehen, wenn der Mitarbeiter dem freiwillig zustimmt.

Aber wie steht es mit der Freiwilligkeit, wenn das so im Dienstplan steht oder eine Feier länger dauert? Wenn der Mitarbeiter trotzdem geht, wird er nicht mehr lange im Betrieb arbeiten, oder?
Letztendlich wird diese Freiwilligkeit ausjudiziert werden müssen. In der Praxis sieht es doch so aus: Jemand an der Rezeption wird krank. Dann rufe ich mein Team zusammen und frage: Wie können wir uns die nächsten Tage drüberhelfen?

Und wenn es dann heißt: Wir können auch nicht, haben keinen Babysitter, mein Mann ist krank …?
Dann steht der Unternehmer selbst drin.

Wollen nicht viele Mitarbeiter in der Hotellerie durchaus gerne mal länger arbeiten, um dann an anderen Tagen frei zu haben? 
Ja. Das ist zum Beispiel bei meiner Rezeptionschefin so. Die pendelt jeden Tag von Neunkirchen ein. Die würde lieber drei Tage für zwölf Stunden reinkommen als fünf Tage für acht. Die einzige Änderung ist jetzt: Sie könnte 12 Stunden bleiben, ohne dass ich arbeitsrechtlich ein Problem bekomme. Nur darum geht es.

Im November ist die Rücknahme der Umsatzsteuererhöhung erfolgt. Jetzt die Regionalisierung der Mangelberufe. Was müsste folgen?
Wir bleiben an der Abschreibung dran. Und an der strategischen Ausrichtung des österreichischen Tourismus in Richtung Qualität. Und wir brauchen eine bundesweite Registrierungspflicht der Hosts in der Sharing Economy. Die Plattformen werden die Daten ihrer Kunden nie offen legen. Deshalb sollte sich jeder Gastgeber registrieren müssen. 

Im Plan T wird bestimmt als Headline stehen: Qualität statt Quantität. Aber was heißt das?  
Das Problem ist, es findet zu wenig Wertschöpfung statt. Deswegen sollten wir aufhören, nur Ankünfte und Nächtigungen zu zählen. Den Tourismus muss man anders messen. 

Wäre eine Reduzierung des sogenannten Billigtourismus nicht für viele Anbieter existenzbedrohend?
Es ist jedem überlassen, sich seine Zielgruppe zu suchen. Aber man muss sich wirklich klarmachen, welchen Gast man ansprechen will. Ich kenne ein Hotel in Südtirol, die haben sich auf Busreisende spezialisiert und machen das richtig gut. Deshalb verdienen sie auch was dabei. Es geht darum, die Prozesse seiner Klientel anzupassen. Ein nachhaltiger Tourismus hat auch etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Wir dürfen unsere Leistungen nicht herschenken, um gute Nächtigungszahlen zu kreieren.

Wie könnte man die Aufenthaltsdauer im Städtetourismus erhöhen?
Das ist ein Megatrend, den wir für uns nutzen müssen. Wir können uns um mehr Businessgäste bemühen, damit wir unter der Woche eine höhere Auslastung haben. Die Ratspräsidentschaft hat uns dieses Jahr geholfen und gezeigt, was möglich ist.

Übernachten Städtereisende nicht einfach in irgendeinem Hotel, das ihnen die Basics zu einem guten Preis bietet? 
Es kommt darauf an, was du für eine Geschichte erzählst. Oder dass du überhaupt eine Geschichte erzählst.

Woher soll der Hotelier eine Geschichte bekommen?
Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Man muss sie sich holen. Auch wir hatten nicht von Anfang an etwas zu erzählen – außer dass wir keinen Lift hatten. Man muss sich überlegen, wofür man brennt. Ich könnte zum Beispiel kein Raucherhotel machen. Aber das wäre auch eine Geschichte.

Gibt es auch zu viele Geschichten? Kann man es mit der Positionierung übertreiben? Wenn jedes Zimmer eine Erlebnisoase sein muss und das ganze Hotel zum Event wird?
Ich sehe das ganz entspannt. Jeder muss seine Gäste finden. Auch wir mussten schon hier und da zurückrudern. Was man nicht machen darf, ist zu versuchen, es allen recht zu machen. Die Gäste, die zu uns kommen, teilen unsere Werte.

Und wer sie nicht teilt, wird sich auch nicht wohlfühlen?
Der ist dann mit den falschen Erwartungen gekommen.

Weil falsch kommuniziert wurde?
Ja. Man muss sich wirklich spitz aufstellen. Und die Werte kommunizieren! Damit kann man klein anfangen. Man muss es nur machen! Und authentisch bleiben.

Aber wie vermeidet man, andere Gäste abzuschrecken? Zum Beispiel Gäste ohne Hund in einem Hundehotel?
Indem man mit Hundewochen anfängt. Und allen klar kommuniziert, dass in diesem Zeitraum eben viele Hunde im Hotel sein werden. Dafür muss man Mut haben und den finanziellen Background, um die schwierige Anfangsphase durchzustehen. Vor allem muss man eines gutes Contentmanagement haben und viele Ideen, wie man diese Geschichte erzählt. Das ist mit den sozialen Medien viel einfacher geworden.

Stichwort Weiterbildung: Machen das Ihre Mitarbeiter gerne?
Natürlich. Weil sie etwas lernen wollen. Ich bin bereit, fast jede Weiterbildung zu bezahlen. Vielleicht keinen Strickkurs, aber Englisch oder Kommunikationstechniken, warum nicht? Selbst wenn es dazu führt, dass der Mitarbeiter sich damit irgendwann woanders einen besseren Job angelt. 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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