Direkt zum Inhalt

Es muss nicht immer Alkohol sein

24.04.2014

Mit kreativen Kreationen und einer immer breiter werdenden Angebotspalette versuchen heimische Brauer, den Markt der alkoholreduzierten Biere stärker zu beackern. Denn während der Markt für Bier derzeit gesättigt scheint, ist bei alkoholreduzierten Bieren noch Luft nach oben. Das belegen nicht nur Absatzzahlen

Alkoholreduzierte Biere sollen nicht aus Biertrinkern Abstinenzler machen. Die Brauereien wollen neue Kunden gewinnen – Junge, Frauen und auch Sportler.

Text: Peter Badowien

Österreich muss für den Rest der Welt das Land sein, wo sich die Massen das Bier in Strömen und ohne Unterlass in die Kehlen schütten. Kein Wunder, liegt die Alpenrepublik doch beim Pro-Kopf-Konsum unangefochten auf Platz zwei, gleich hinter Tschechien. In Zahlen: 2013 trank jeder Österreicher, vom Neugeborenen bis zum Greis, statistisch gesehen 106,4 Liter Bier. Das entspricht etwa einem kleinen Bier täglich für jeden Österreicher. Erfreulich für die heimischen Brauereien ist aber vielmehr, dass der Konsum gegen den Trend zumindest stagniert bzw. nur leicht rückläufig ist, wovon die meisten anderen westeuropäischen Länder nur träumen dürfen. So jammern etwa deutsche Bierbrauer seit Jahren über einen steten Abwärtstrend. Dort befindet sich der Bierkonsum seit Jahren im Sinkflug, der Pro-Kopf-Konsum liegt bei nur noch 99,1 Litern jährlich. Tendenz: fallend. Nicht einmal das Oktoberfest kann daran was ändern.

 

Abschied von der Bierseligkeit

Heißt es deshalb Abschied nehmen vom liebgewordenen Klischee der Bierseligkeit? Vorerst noch nicht, allerdings ist nicht zu übersehen, dass alkoholfreie bzw. reduzierte Biere und Radler seit Jahren an Beliebtheit gewinnen. Und das ist insofern eine interessante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass diese Produkte anfangs mitleidig belächelt wurden. Heute sieht die Sache freilich anders aus, der Markt verändert sich. Und das, obwohl alkoholarme Biere gar keine moderne Erfindung sind. Menschen verzichteten von jeher gerne gelegentlich auf Alkohol, griffen aber trotzdem nach Eingebrautem – beispielsweise aus hygienischen Gründen. Denn der eingekochte und vergorene Gerstensaft war oft gesünder als „normales" Trinkwasser. Kein Wunder also, dass die Biersuppe am Anfang des 19. Jahrhunderts vielerorts gar ein Grundnahrungsmittel war.

Österreichs Brauer setzen also wieder auf alkoholreduziert bzw. alkoholfrei, und sie tun es mit Erfolg, das belegen aktuelle Zahlen. „Der Marktanteil von Radler-Getränken liegt in Österreich bei mittlerweile acht Prozent, hier erwarten wir einen stabilen Markt. Alkoholfreie Biere liegen bei etwa 2,5 Prozent, hier erwarten wir in den nächsten Jahren eine Verdopplung", sagt der Marketing-Chef der Brau Union, Andreas Stieber.

Es sind vor allem sportliche, auf ihre Gesundheit bedachte Konsumenten, die von den Brauereien immer stärker umgarnt werden. Außerdem Frauen und Jüngere. Dabei wird die angebotene Palette von alkoholfreien Bieren und Radlern immer breiter. Und die Brauereien tun gut daran, denn die Zuwächse können sich sehen lassen. So verzeichneten Österreichs Brauereien eine kräftige Absatzsteigerung bei alkoholfreiem Bier: Das Plus gegenüber dem Vorjahr betrug satte 30,4 Prozent, in Zahlen: 156.000 Hektoliter alkoholfreies Bier floss 2013 durch die Kehlen der Österreicher/-innen.

In diese Bresche springt neuerdings auch die Privatbrauerei Egger, die aufgrund der starken Zuwachszahlen im Segment der alkoholfreien Biere heuer eine Produktinnovation („Egger Zisch") gelauncht hat, ein alkoholfreies Bier mit isotonischem Charakter. Stichwort „isotonisch": Alkoholfreies Bier ist auch deshalb im Trend, weil ein verändertes Gesundheits- und Fitnessbewusstsein um sich greift. Es hat das Potenzial, sich als Getränk nach dem Sport zu etablieren. Es löscht nicht nur den Durst, sondern wird auch vom Körper gut aufgenommen. Letztlich wollen Braumeister aber nur eines, nämlich ein Alkoholfreies zu kreieren, das auch wirklich nach Bier schmeckt. Leider gelingt das nicht immer ...

 

So wird man den Alkohol los

Eines haben die Produzenten gemeinsam, sie tüfteln oft jahrelang an ihren Rezepturen und hüten diese wie einen Schatz. Wegbereiter des Alkoholfreien war Clausthaler („Alles, was ein Bier braucht"), das seit 1979 Pionierarbeit leistet und erstmals 1982 in Österreich erhältlich war. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, um den Alkohol loszuwerden: Entweder man entzieht ihn nachträglich oder man lässt ihn gar nicht erst entstehen. Der nachträgliche Entzug funktioniert durch Filtrationstechniken (Umkehrosmose), ohne die geschmacklich wichtigen Inhaltsstoffe zu entfernen. Die dabei gefilterte Flüssigkeit wird mehrmals durch Wasser ersetzt, bis der gewünschte Wert (unter 0,5?% Alkohol) erreicht wird. Zweite Möglichkeit ist die gestoppte Gärung, bei der die Alkoholbildung durch niedrige Temperaturen im Gärtank runtergefahren wird. Nachteil: Diese Alkoholfreien schmecken eher süßlich.

 

Neue Radler-Dimension?

Dass die Industrie auch beim Thema „Radler" auf ein geändertes Konsumverhalten reagiert, beweisen etwa die „Culturbrauer" mit ihrer „Radlerbox". Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss mehrerer österreichischer Privatbrauereien, die „kartonweise" ihre Bierspezialitäten – pro Brauerei eine Flasche in einer schicken Box – am Markt präsentieren.

Dass Radler heute mehr als nur „Bier mit Limonade" ist, betont auch der Marketing-Chef der Brau Union, Andreas Stieber. Er spricht sogar von einer „geschmacklich ganz neuen Dimension. Da sind Fruchtsäfte drin, weniger Zucker, keine künstlichen Süßstoffe, dafür Fruktose". Davon hat sich die Redaktion der ÖGZ selbst ein Bild gemacht und eine Blindverkostung ausgewählter Sorten durchgeführt (Ergebnisse siehe Kasten rechts). Unser Fazit: Auch mit Radler kann Biertrinkern Spaß machen. Aber mit Bier im eigentlichen Sinn hat das natürlich nichts mehr zu tun.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Der Brauhof in der äußeren Mariahilfer Straße in Wien braut sein eigenes Bier im Haus und kooperiert eng mit der Kaltenhausener Spezialitäten Brauerei.
Gastronomie
22.08.2019

66 Zimmer, 120 Betten, eine Brauerei und ein starker Fokus auf die hauseigene Gastronomie: Das neu eröffnete Brauhotel in der äußeren Mariahilfer Straße ist europaweit einzigartig.

Gastronomie
02.08.2019

Gute Nachrichten für alle Freunde der britischen Pubkultur und des gepflegten Craftbiers: Die Ottakringer Brauerei betreibt das insolvente Charlie P's weiter.

Bier ist vielfältig und lockt immer mehr Genießerinnen an.
Gastronomie
01.08.2019

Bier ist nicht nur seit langem salonfähig, es greifen auch immer mehr Frauen zu Pilstulpe & Co: Laut aktueller Umfrage trinkt jede dritte Frau mehrmals pro Woche Bier.

Sigi Menz (Obmann Verband der Brauereien Österreichs), Jutta Kaufmann-Kerschbaum (GF Verband der Brauereien Österreichs), Conrad Seidl, Gabriela Straka (Brau Union Österreich), Karl Kolarik.
Bier
02.05.2019

Wie die Zeit vergeht: Conrad Seidls Bierguide feiert heuer sein 20-jähriges Jubiläum und dokumentiert eindrucksvoll den Status quo der österreichischen Bierkultur.

Gastronomie
25.04.2019

Die Leitveranstaltung der österreichischen Craft-Bier-Szene feiert am 3. und 4. Mai ein großes Jubiläum. Zum fünften Geburtstag kommen neben der Speerspitze der österreichischen Kreativbrauer ...

Werbung