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Expertise: Von Löhnen und Arbeitszeiten

11.10.2018

Das Lohnniveau ist nicht schlecht - und warum es auch nicht schlecht ist, am Sonntag zu arbeiten. Expertise von Gerald Aigmüller.

 

Gerald Aiglmüller

Ein kleines Rechenbeispiel: Nehmen wir an, eine Mitarbeiterin im Service ist vollzeitbeschäftigt und verdient 14-mal im Jahr rund Euro 1.750,–, also im Bereich des österreichischen Kollektivvertrags. Nun erhält sie monatlich etwa Euro 250,– Trinkgeld netto, also bar auf die Hand. Würden die Euro 250,– als Bruttolohn auf dem Lohnzettel stehen, wären dies ca. Euro 450,– brutto (unter Berücksichtigung des 13. und 14. Monatsgehalts). 

Gratisverpflegung

Jetzt rechnen wir noch hinzu, dass 99 % der Dienstgeber den Mitarbeitern eine Personalverpflegung schenken – manchmal sogar zwei- bis dreimal am Tag, in manchen Hotels sogar an freien Tagen. Nehmen wir an, ein Büroangestellter geht jeden Tag Mittagessen und hat nicht den Vorteil einer Betriebskantine, in der er ermäßigt essen kann. So benötigt dieser Angestellte vermutlich 10 Euro pro Arbeitstag, also bei 20 Arbeitstagen Euro 200,– pro Monat, die er zuvor verdienen muss – natürlich netto. Die 200 Euro netto bedeuten am Lohnzettel rund 400 Euro brutto. Allein wenn wir diese beiden Punkte berücksichtigen, müsste eine Mitarbeiterin, die nicht in den Genuss von Trinkgeld und Gratisessen kommt, auf ihrem Lohnzettel 2.580 Euro brutto stehen haben (wieder unter Berücksichtigung von 14 Gehältern). Hinzu kommt bei Hotelmitarbeitern möglicherweise eine kostenlose Nutzung der Infrastruktur, wie zum Beispiel des Fitnessstudios oder Wellnessbereichs. Ich denke, das Argument „schlechte Bezahlung“ ist hiermit entkräftet.

Tipp: Viele Arbeitnehmer aus dem Ausland wissen nicht, dass in Österreich ein 13. und 14. Gehalt, das auch noch steuerlich begünstigt ist, bezahlt wird. Geben Sie deshalb in Job-Inseraten besser das Brutto-Jahresgehalt an. 

Wochenende

Ist es nicht so, dass wir von klein auf darauf gedrillt werden, dass das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen schlecht ist? Dies geht bereits bei unserer Lehrlingspolitik los. So wird Lehrlingen vermittelt: „Arbeiten am Sonntag ist schlecht.“ Die Gesetzgebung erlaubt uns eine Beschäftigung der Lehrlinge an nur 50 % der Sonntage. Ich frage mich: Warum? Ist die Arbeit am Sonntag anstrengender oder schlechter bzw. den Lehrlingen nicht zumutbar? Was ist beim Arbeiten an Sonntagen anders, außer dass man vielleicht bei viel Frequenz mehr Trinkgeld macht? Gleichzeitig kann ein Sonntagsdienst in einem Stadthotel relativ entspannt sein, da vermutlich wenige Gäste im Hotel sind. Also warum? Viele werden zustimmen, wenn ich behaupte, Einkaufen unter der Woche oder ein Ausflug in die Natur sind in vielerlei Hinsicht entspannter. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es viele andere Branchen gibt, in denen auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet wird. Hier eine kleine Auswahl: Ärzte und Krankenschwestern, Bus- und Taxifahrer, Reiseleiter, Bademeister, Polizei, Feuerwehr usw. 

Statistiken zeigen, dass rund 25 % der Bevölkerung an Sonn- und Feier-tagen arbeiten. Ich frage mich, ob diese Menschen deshalb unglücklicher sind. 

Ein Punkt, an dem viele Unternehmen im Tourismus Nachholbedarf haben, ist das Mitarbeiter-Management. Das beginnt bei der Führung, geht weiter über die Integration der Mitarbeiter in die Unternehmensentwicklung und endet bei der Kommunikation nach außen. Ich kenne nur wenige Betriebe in der Hotellerie und Gastronomie, die einem Lehrling einen Karriereplan zu Beginn der Ausbildung vorlegen können, wie er in anderen Branchen Usus ist. Oder Weiterbildungsmöglichkeiten für Mitarbeiter, die aktiv vom Arbeitgeber unterstützt werden. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, aber hier haben wir noch sehr viel Nachholbedarf. 

Employer-Branding

Die Grundregeln des Employer-Brandings sollten so rasch wie möglich auch von den Verantwortlichen im Tourismus umgesetzt werden. Hierfür braucht es allerdings Menschen, die Menschen begleiten und führen können. So sollten wir aufhören, die Führungskompetenz von der fachlichen Kompetenz abhängig zu machen, sondern vielmehr die soziale Kompetenz in den Vordergrund stellen. Dann kommt es nicht mehr so oft vor, dass die Betriebszugehörigkeit oder die Dienstjahre ausschlaggebend für Führungsverantwortung sind.

Zur Person: Gerald Aigmüller ist mit seiner Firma Aigmüller – Marketing & Training auf mitarbeiterzentriertes Qualitätsmanagement und touristisches Projektmanagement spezialisiert. 
www.aigmueller.at

 

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