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Jedem dritten Lehrling mit Asylverfahren droht die Abschiebung. Über die Frage, ob Integrationsgrad in die Asylbewertung miteinfließen soll, ist eine heftige Diskussion entbrannt.

Flüchtlinge: Ausgewiesene Fachkräfte

21.02.2018

Mehr als ein Drittel der asylwerbenden Lehrlinge bekommt einen Abschiebebescheid. Ein oberösterreichischer Hotelier fordert nun den Bundeskanzler auf, zu handeln.

Rahmat Jafari lernt seit Sommer 2017 im Weissen Rössl

Mit seinen knapp 70 Jahren hat Helmut Peter schon recht viel gesehen. Für die FPÖ und das Liberale Forum saß er im Nationalrat, als Präsident der ÖHV setzte er sich für die Interessen der Hotellerie ein, und nebenher brachte er es zum Reserve-Leutnant. Nun sitzt der Altwirt in seinem legendären Weissen Rössl am Wolfgangsee und poltert: „Mir ist schon vieles passiert, aber nicht so was.“
Grund seiner Aufregung ist der negative Asylbescheid für seinen afghanischen Lehrling Rahmat Jafari. Er verstehe ja, dass nicht alle in Österreich bleiben können, bei mangelnder Integration wären Abschiebungen nötig, sagt Peter. Aber dass ein seiner Meinung nach sozial und beruflich bestens integrierter junger Mensch das Land verlassen müsse, gehe nicht in seinen Kopf. 

Engagement von Hoteliers 

Seit die Flüchtlingswelle 2015 nach Europa kam, unterstützte seine Familie bei Deutschkursen, bot Hilfe bei der Suche nach Unterkunft und nach Arbeitsplätzen – und ist damit nicht alleine. Viele andere Betriebe wie beispielsweise der Dachsteinkönig oder der Seehof in Salzburg machten es genauso. Einige von Ihnen stehen vor dem gleichen Problem. Junge Menschen, die die Chance auf einen beruflichen Einstieg in Österreich nutzten, müssten nach den erstinstanzlichen Urteilen das Land verlassen. Da laufe etwas falsch in Österreich, meint Peter. Darum hat er Kanzler Kurz einen offenen Brief geschrieben. 

„Wir haben uns um die Menschen gekümmert, die Furchtbares erlebt haben, und sie nehmen diese Hilfe an. Dass ein bestens integrierter Mensch gehen muss, ist nicht gerecht“, sagt Peter. Vom Bundeskanzler fordert er, dass er diese Integrationsleistung der Betriebe anerkenne und der Rechtsrahmen entsprechend angepasst werde. 727 aufrechte Arbeitsbewilligungen gibt es derzeit für asylwerbende Lehrlinge österreichweit, 311 sind es alleine in Oberösterreich. Mehr als ein Drittel davon hat einen negativen Asylbescheid erhalten. In der zweiten Instanz droht ihnen die Abschiebung. 

Mangelberufe

Die Zahlen sind auch darum pikant, weil viele Asylwerbende mittlerweile in Mangelberufen Fuß fassen konnten. In der Gastronomie und Hotellerie sind fast 40 Prozent der asylsuchenden Lehrlinge Oberösterreichs beschäftigt. Der Lehrberuf des Kochs ist mit 73 Stellen der häufigste im Bundesland. 

Sein Betrieb sei derzeit nicht betroffen, sagt der Salzburger Hotelier und Neos-Politiker Sepp Schellhorn, der  im Seehof selbst Asylwerber zu Fachkräften ausbildet. "Schlimmer ist es in Oberösterreich unter der schwarz-blauen Landesregierung. Da sich Schwarz-Blau auch schon für Salzburg ankündigt, ist zu befürchten, dass es zukünftig vermehrt zu eben dieser Problematik kommen wird, was dem Tourismus jedenfalls Schaden zufügen wird", erklärt er der Gastronomie- und Hotelzeitung ÖGZ. 

Von irrationalen Abschiebeplänen spricht der oberösterreichische Landesrat für Integration, Rudi Anschober. Lehre schaffe nicht nur Ausbildung, eine Lebensperspektive und bringe Freundschaft und gesellschaftliche Einbindung, sie diene auch der Wirtschaft, heißt es aus seinem Büro. Gerade für die dringend benötigten Mangelberufe in der Gastronomie und Hotellerie seien diese Lehrlinge dringend benötigte Fachkräfte der Zukunft. Anschober prognostiziert einen Fachkräftemangel von 29.000 Personen im Jahr 2020.

Doch braucht es mehr Kulanz im Asylverfahren? Hat nicht die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung erst vor wenigen Monaten eine neue Regierung gewählt, die für eine strengere Gangart geworben hat? Das Meinungsbild ist nicht ganz klar. Eine aktuelle Umfrage des Sora-In-stituts kommt zum Ergebnis, dass in Oberösterreich eine Mehrheit von 60 Prozent gegen die Abschiebung von Lehrlingen ist, eine Petition „Ausbildung statt Abschiebung“ wurde von 36.557 Menschen unterzeichnet.
 

Regelung wie in Deutschland?

Die betroffenen Unternehmen wünschen sich, dass sich Österreich an der deutschen Regelung „3 plus 2“ orientiert. Dort wird den asylwerbenden Lehrlingen zumindest ein Aufenthaltsrecht während der dreijährigen Lehrzeit sowie zwei weiteren Jahren danach eingeräumt. 

Der ehemalige Parlamentarier Helmut Peter weiß, dass politische Entscheidungen nicht immer so schnell gehen, wie man sie gerne hätte. Im Gespräch mit der ÖGZ kündigt er an, dass er seinen Lehrling durch alle Instanzen unterstützen werde. Eine Hoffnung: Bei der endgültigen Rückkehrentscheidungsprüfung wird auch die Integration in Österreich berücksichtigt. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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