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Ein Blick in die Zukunft des Tourismus: Gruppenreisen werden nicht aussterben, sondern von anderen Zielgruppen nachgefragt. Reisende aus Asien kommen aus einer eher kollektivistischen Kultur.

Gatterer: Tourismus ist ­Kreativwerkstatt

15.06.2017

Der Zukunftsforscher Harry Gatterer über die Möglichkeiten des Tourismus jenseits des Tourismus, Blockchain und die Ansprüche neuer Zielgruppen

Harry Gatterer ist Miteigentümer und Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, das Matthias Horx gegründet hat.

"Geschäftsreisende suchen Rückzugsorte für ­intime Gespräche oder einfach zum Nachdenken. ­Dafür ist die Struktur ­eines Schlafzimmers nicht ­unbedingt geeignet."

 

"Der Tourist versteht sich nicht mehr als 'Tourist'. Deshalb spreche ich vom Ende des Tourismus."

 

"Unsere Zukunftsmärkte liegen vor allem in Asien. Das sind eher kollektivistische Kulturen, die nicht unbedingt individuelle Antworten suchen."

 

Harry Gatterer, Zukunftsforscher

 

 

ÖGZ: Wird der Tourismus immer digitaler?
Harry Gatterer: Eindeutig ja. Tourismus wird technologischer, weil unsere Welt immer mehr von Technologie angetrieben wird. Zum Beispiel von neuronalen Netzwerken, also lernenden Algorithmen, die sich ihre Informationen selbstständig aus dem Internet zusammenklauben und neu kontextualisieren. Für den Tourismus hat das gigantische Auswirkungen, damit lassen sich Angebote auf Plattformen völlig neu strukturieren und personalisieren: Was heute an vielen Stellen noch „mechanisch“ erledigt werden muss, werden bald Algorithmen automatisiert schaffen. Damit kann man auch Voraussagen treffen. Anhand von Daten kann man Bewegungen und Handlungen von Touristen antizipieren.

Wird die Blockchain-Technologie, also ein dezentrales Verifizierungssystem für Transaktionen, das sich selbstständig optimiert und nicht manipuliert werden kann, Auswirkungen auf den Tourismus haben?
Ja, das wird sich ganz stark verbreiten, weil diese Technologie sicher und anonym ist: Die zu übermittelnde Information lagert auf unterschiedlichen Servern, Computern oder Smartphones und wird dort verifiziert. Gleichzeitig hat sie die Fähigkeit, sich zu multiplizieren. Deshalb funktionieren digitale Währungen über Blockchain. Als Nächstes wird Blockchain zur Entwicklung neuer Organisationstypen verwendet. Netzwerke von Menschen, die über einen Blockchain-Code zusammenarbeiten. Das gibt es heute schon. In Israel funktioniert die Plattform LaZooz nach diesem Prinzip. Das ist eine Community für Fahrgemeinschaften. Ähnlich könnte man im Tourismus regional kooperieren: Der Metzger, der Winzer, der Hotelier, der Privatzimmeranbieter, der Gastronom, der Ladeninhaber, der Wanderführer und der Bürgermeister sind dann wirklich miteinander vernetzt.

Muss das touristische Angebot immer individueller werden?
Nicht unbedingt. Ich glaube auch nicht, dass der Tourismus generell individueller wird. Unsere Zukunftsmärkte liegen außerhalb Europas, vor allem in Asien. Und das sind eher kollektivistische Kulturen, die nicht unbedingt individuelle Antworten suchen. Die suchen individuelle Angebote für ihre jeweilige Gruppe.

Was sollte man solchen Reisenden anbieten?
Mehr Gruppensupport, um sie bei ihren Tagesritualen zu unterstützen: zum Beispiel das gemeinsame Essen. Wenn mehrere Gruppen mit jeweils 20 Personen gleichzeitig in einem Hotel eintreffen, ist es schnell aus mit der Individualität.

Die brauchen also große Tische beim Frühstück?
Und vor allem auf Gruppen abgestimmte Timings. Die wollen auch ihre Zimmer nebeneinander und nicht verteilt im ganzen Haus. Das Auftreten von Gruppen führt natürlich auch zu Belästigungen. Gruppen sind lauter. Die verstopfen auch mal den Lift. Damit müssen wir uns vermutlich mehr beschäftigen als mit noch mehr Individualität im Tourismus.

Wird der Tourist anspruchsvoller?
Ja, weil er informierter ist. Er versteht sich auch nicht mehr als „Tourist“. Deshalb spreche ich vom Ende des Tourismus. Die Gründe, warum Menschen reisen, sind sehr unterschiedlich. Jemand, der Inspiration sucht, reist anders als jemand, der sich erholen will. Menschen wollen im Urlaub andere Menschen treffen, sie wollen Begegnungen, etwas erfahren. Jedem seine ganz persönliche Erholung zu versprechen wird sich nicht ausgehen. Das hat oft nichts mehr mit unserer traditionellen Vorstellung von „Urlaub“ zu tun. Wir müssen besser verstehen, warum Menschen unterwegs sind und uns darauf einstellen.

Wovon sprechen wir, wenn es keinen „Tourismus“ mehr gibt? Unterwegssein? Von der „Gast-Wirtschaft“ vielleicht? Aber damit wird der „Massentourismus“ nicht zum Erliegen kommen, oder?
Das wird sogar noch mehr werden, weil mehr Menschen reisen. Aber mit differenzierten Ansprüchen.

Muss Urlaub günstiger werden, um diese neuen Gruppen zu erreichen?
Schon. Aber es ist sehr fraglich, ob Österreich da mit muss. Österreich punktet mit anderen Dingen: intakte Landschaft, Sicherheit, Sauberkeit, einem institutionellen, über Jahrzehnte geübten Umgang mit Gästen. Wir können Tourismus. Warum sollten wir da an der Preisschraube drehen?

Gäbe es Chancen für noch luxuriö-sere, noch speziellere Angebote?
Nach oben ist immer Luft, aber das bringt nicht mehr viel Bewegung. Das Ausdifferenzieren ist wichtig. Das muss nichts mit dem Preis zu tun haben.

Verändern sich die Sehnsüchte der Reisenden?
Seit den 1960er-Jahren eigentlich nicht. Allerdings ändert sich, was jemand unter „Erholung“ oder „Abenteuer“ versteht. Das Problem sind die Gefühle. Wir leben in einer Zeit – und das wird auch noch eine Weile so bleiben –, in der wir eigentlich überemotio-
nalisiert sind, zu sehr emotional getriggert sind. Deshalb kommen wir an unsere Sehnsüchte gar nicht mehr ran beziehungsweise können denen nicht mehr trauen.

Das heißt, die Menschen kennen ihre Sehnsüchte gar nicht mehr?
Wenn man in einem beunruhigten Grundzustand lebt und mit der Welt, wie sie ist, nicht mehr richtig einverstanden ist, dann tendieren Sehnsüchte dazu, die verklärte Vergangenheit zu wiederholen.

Darauf könnte man ja trotzdem eingehen.
Das könnte dann schnell sehr kitschig werden, oder? Zielführender halte ich zu beobachten, wie sich Menschen verhalten. Wie sie ihren Alltag gestalten. Die Menschen sehnen sich danach, im Grünen zu wohnen, leben aber in der Stadt. Weil die Stadt in Wirklichkeit mehr zu bieten hat.

Aber vielleicht kann der Urlaub diese Landsehnsucht erfüllen? 
Hm, vielleicht. Aber der Mensch mag, an was er sich gewöhnt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob sich urbane Menschen wirklich nach der Land-idylle sehnen. Oder ob sie das nur glauben. Ob sie wirklich im Urlaub auf all ihre Gewohnheiten und digitalen Helfer verzichten wollen. Hier muss man vorsichtig sein.

Also die Reisenden wollen das wiederfinden, was sie aus ihrem Alltag gewohnt sind?
Vielleicht purer, ausdifferenzierter. 

Was muss man Geschäftsreisenden bieten?
In erster Linie die passenden Arbeitsumgebungen. Wir arbeiten immer mehr in Teams, das heißt, wir haben immer mehr Gesprächsbedarf. Das gilt für das Arbeiten im Unternehmen, aber auch für unterwegs. Und unterwegs braucht man solche Konferenzräume dann oft spontan. Die Seminarräume in Hotels sind mittlerweile oft restlos ausgebucht. Deshalb müssen Hotels variablere Settings zum Arbeiten anbieten: Zimmer, in denen man arbeiten und sich besprechen kann. Vor allem auch Rückzugsorte für intime Gespräche oder einfach zum Nachdenken. Dafür ist die Struktur eines Schlafzimmers nicht unbedingt geeignet.

Das könnte dann der öffentliche Bereich eines Hotels bieten?
Aber ich muss mich dort trotzdem geschützt fühlen können. Für meine täglichen Routinen und Kommunikationen muss ich nirgendwo hinfahren, dafür haben wir unsere digitalen Hilfsmittel. Ich fahre wohin, um jemanden zu treffen. Das kann keine Videokonferenz ersetzen. Dann kommt es wirklich auf die Begegnung an. Und die muss ermöglicht werden – und darf nicht gestört werden.

Werden neue Formen des Reisens entstehen?
Wir können nicht den einen großen Trend ausmachen – aber viele differenzierte Trends. Die sich auch nicht gegenseitig ausschließen müssen. Wer Airbnb-Angebote nutzt, wohnt trotzdem bei anderer Gelegenheit im Hotel. Das ist auch eine Form des Ausdifferenzierens, nicht der Polarisierung. Wichtiger ist vermutlich, dass wir auf die kulturellen Unterschiede der künftigen Reisenden eingehen. 

Wie werden Hotels in zehn Jahren ihre Zimmer verkaufen?
Da wird die Technologie eine große Rolle spielen, die neuronalen Netzwerke. Es geht nicht mehr darum, den Kunden zu fragen: Wohin willst du fahren? Das überfordert viele bereits. Selbst „Was willst du?“ zu fragen, ist nicht immer zielführend. Der Kunde möchte wissen: Was gibt es eigentlich? Der Kunde möchte zu Beginn gecoacht werden, das ist die ganz entscheidende Phase der Annäherung. Er braucht uns nur noch zu sagen, was er sonst so macht und mag, ein paar Details, was in seinem Leben gerade passiert …

Oder Google und Facebook wissen es eh schon.
Und daraus werden wir ihm ein passendes Angebot machen. Also die Algorithmen werden das machen. Der Annäherungsprozess wird automatisiert und sehr differenziert ablaufen und weit näher an den Gast heranführen als bisher.

Wie kann der Gastronom, Hotelier oder die Region da mitspielen?
Indem sie sehr technologieaffin bleiben. Als Individuum oder Region kann man das gar nicht mehr steuern. Aber man muss wissen, was eine Blockchain ist, wie man damit umgeht. Vor allem muss man wissen, was sein Hotel, Restaurant oder die Region wirklich können. Da geht es nicht mehr darum, sich nach außen zu verkaufen. Wichtiger wird sein, sich nach innen zu verkaufen. Authentisch bleiben, wirklich gute Angebote erzeugen. Nicht über den Tourismus nachdenken, sondern darüber, was ich tue. Wenn das gelingt, kommt das andere über die neuronalen Netze fast von alleine. Dann erfahren davon andere und finden das auch interessant. Das ist der Abschied vom klassischen Marketing.

Werden die Hotelzimmer anders aussehen, andere Funktionen anbieten müssen?
Ich glaube, der aktuelle futuristische Technologiewahn wird sich wieder reduzieren. Technologie muss die Grundbedürfnisse befriedigen. Die Kernfunktion eines Hotelzimmers wird das Schlafen bleiben. Aber um das zu verbessern, müssen wir weg vom Artifiziellen hin zum Humanen. Unsere Ansprüche werden erdiger werden. Guter Schlaf ist der neue Luxus.

Wichtiger wird sein, ob am Boden Teppich liegt oder Holz und was für ein Holz?
Und nicht wegen der Ästhetik, sondern aufgrund der Auswirkungen, aufgrund physischer Aspekte.

Wird der österreichische Tourismus nachhaltiger werden müssen?
Nachhaltigkeit ist oft schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Der Hype ist vorbei, aber es ist einiges geblieben. Wir nennen das den hedonistischen ökologischen Zugang: Man möchte das Leben genießen, aber dabei nicht allzu viel falsch machen. Das führt dann zu Überlegungen einer Kreislaufwirtschaft oder der brutal-regionalen Küche. Das wird zunehmen, auch in Österreich. Weil das zu einer Grundhaltung wird und attraktive Angebote erzeugt. Da muss man nicht mehr Nachhaltigkeit draufschreiben.

Wann ist Nachhaltigkeit sexy?
Wenn man eine schiefgewachsene Karotte toll auf einem Teller anrichtet. Das hat auch etwas Lässiges.

Perfektion ist kein Ziel im Gastgewerbe?
Perfektion überfordert die Leute. Deshalb haben viele die Schallplatte wiederentdeckt. Die ist alles andere als perfekt. Aber sie vermittelt etwas Haptisches, Lebendiges, nichts Retortenhaftes. Das Gute ist gut genug. Professionell, ja, verständnisvoll, ja, empathisch, ja. Aber nicht perfekt. Perfektion macht uns Angst.

Interessiert den Gast wirklich, wie ein Hotel beheizt wird?
Nein, das ist sekundär. Oder es wird Teil der Inszenierung.

Wird sich bei der Mobilität im Urlaub bald viel ändern?
Das wird länger dauern. Es gibt noch zu viele Bruchstellen. Deswegen geht man den bequemen Weg. Der Tourismus sollte sich diesen Themen trotzdem nähern. In der Schweiz gibt es schon eine touristische Route, die man mit dem Elektroauto fahren kann, wo dann auch die nötige Infrastruktur bereitsteht. Der Tourismus wird diese Fragen nicht alleine lösen. Aber der Tourismus kann so etwas wie die Kreativwerkstatt der Gesellschaft sein. Weil im Urlaub die Menschen eher bereit sind, mal etwas Neues auszuprobieren. Dann nimmt man etwas mit aus dem Urlaub. Die Hotellerie war in den letzten Jahrzehnten Trendsetter in Designfragen.

Oder im Bereich Badezimmer oder Wellness.
Und in der Ausdifferenzierung der Angebote: Spezialisierte Hotels sind Übungsstätten der Gesellschaft. 

Viele Menschen haben im Urlaub zum ersten Mal ein E-Bike ausprobiert.
Oder man lernt, weil man mit seinem Enkel in Kontakt bleiben will, im Urlaub Whatsapp. Weil man dann die Muse und die Offenheit dafür hat. Auch neue Formen der Zusammenarbeit kann ich viel besser trainieren, wenn ich weg vom Office bin. Das Ankommen und die Begegnung, die Inszenierung der Gelassenheit, das sind ganz wichtige Erfahrungen. Die können Hotels zur Verfügung stellen. Auch die Begegnung der Generationen: Die kann man in einem Hotel leben und erleben. Und das sind Fragen, die in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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