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Geologie und Weingeschmack

16.12.2005

Vom Terroir ist ja viel die Rede. Im westlichen Weinviertel wurde wissenschaftlich und unterhaltsam dargelegt, was es mit diesem „Zauberwort“ auf sich hat.

Das französische Wort Terroir gilt oft als Synonym für Qualität und Charakter eines Weins. Eigentlich bedeutet es Boden, meint aber die Beziehung von Boden, Klima und Rebe, welche in günstigen Kombinationen eigenständige, unverwechselbare Weine hervorbringt. Aus Tradition oder Verkaufskalkül wird das Wort manchmal strapaziert: „Der Wien hat keinen Fehler, das Animalische ist das Terroir.“ In solchen Fällen ist es aber doch meist die unsaubere Kellerarbeit und der Pilz Pretanomyces, der für den unverwechselbaren „Pferdeschweiß“ verantwortlich ist. Tatsächlich ist der Mensch das „vierte Element“ des Terroir, wie der Begriff in der Weinsprache verstanden wird.
Fundament des Weins
Es gibt Rebsorten, die an die Zusammensetzung des Bodens weniger hohe Ansprüche stellen, wie etwa Cabernet Sauvignon, und solche, die auf verschiedenen Bodentypen eklatant unterschiedliche Weine hervorbringen. Zu Letzteren gehört eindeutig der Grüne Veltliner. Vor allem in den Weinbaugebieten Wachau, Kremstal, Kamptal und Weinviertel ergibt die österreichische Paraderebsorte die besten Resultate. Es mag auch mit dem Klimawandel zu tun haben, dass immer mehr große Grüne Veltliner („Wenn das so weiter geht, können wir in ein paar Jahrzehnten Veltliner in Südschweden auspflanzen“, Zitat Willi Bründlmayer) aus den nördlichen Gebieten Niederösterreichs, speziell aus dem westlichen Weinviertel, auf den Markt kommen.

Boden und Grund
Rund um Hollabrunn liegen Inseln des Weins, deren Weine einen eindeutigen Charakter – einen Bodenton, also Terroir – aufweisen. Hier ist ein besonders kleinräumiger Wechsel der Gesteine typisch, bewirkt durch so genannte tektonische Verstellungen. Darin liegt die Voraussetzung für das önologische Terroir. Dass hier einst die Wogen des Urmeers Thetys brandeten, sieht man heute am besten aus der Luft: So sind die Erkenntnisse aus der Hubschrauber-Geophysik wichtige Grundlagen für den heutigen Kenntnisstand der Geologie, welcher kürzlich in der Hollabrunner Kulturm einer interessierten Runde präsentiert wurde. Am Beispiel von sechs Weinen aus sechs Lagen demonstrierten Dr. Maria Heinrich von der Bundesanstalt für Geologie und Josef M. Schuster von der Weinhandelsfirma Del Fabro die Zusammenhänge auf anschauliche und eindrucksvolle Weise.
Geologie und Geschmack
Grüner Veltliner Galgenberg 2004, Pollerhof, Röschitz: Die Ried besteht aus kalkfreien, trockenen Böden mit hohem Grobanteil (Granit) sowie im Süden aus kalkigen, schluffig-lehmigen Böden mit guter Speicherkraft. Maissau Grüner Veltliner 2004, Schloss Maissau am Manhartsberg: Die geologische Karte der Ried Schanzen zeigt kalkigen Löss auf tiefmarinem Ton und Schluff, dem Schlier der Zellerndorf-Formation und eine kleine Granitinsel, die aus dem Untergrund aufragt. Weinviertel DAC Grüner Veltliner Längen 2004, Prechtl, Zellerndorf: Die Ried besteht aus Löss mit darunter liegendem feinen Schlier und Granitbruchstücken. Der Löss ist hier bis acht Meter mächtig. Grüner Veltliner Äußere Bergen, Zull, Schrattenthal: Die geologische Situation ist ähnlich: Löss und lössähnliche Schluffe auf feinkörnigen, kalkfreien Meeressedimenten der Zellerndorf-Formation mit reichlich Gesteinsbruchstücken des Granits der Hüttenbergkuppe. Malteser Ritterorden Grüner Veltliner Hundschupfen 2004: Der breite Talkessel von Mailberg am Ostabfall des bewaldeten Buchbergs hat ein spezielles Kleinklima. An Gesteinen – Flachmeersedimenten – liegen hier mergelige, d. h. kalkige Schluffe, Sande und manchmal Kiese in raschem Wechsel. Grüner Veltliner Ranner 2004, Fidesser, Platt: Etwas weiter westlich liegt der Ranner südlich von Platt. Es treffen einander auf engstem Raum unterschiedliche Formationen von Meeresgesteinen, und wieder kommt der Löss ins Spiel.
Sag niemals Urgestein
Eine differenzierte Sichtweise ist also angebracht. Über 550 Millionen Jahre alt ist der Granit, die Tone, Mergel, Sande und Kalksteine sind die Reste eines Meers, das vor 20 bis 15 Millionen Jahren hier existierte, und der Löss stammt aus der Eiszeit, die mit einer weltweiten Klimaverschlechterung von 1,75 Millionen bis 12.000 Jahren vor heute andauerte. Meist unter der Vegetation versteckt, ist der Boden die Grundlage des Weins. Kurz gefasst könnte man sagen: je mehr Sand, desto lebhafter, je mehr Kalk, desto reichhaltiger und je mehr Ton, desto mehr Mächtigkeit. Und je mehr „Urgestein“, also hier Granit, desto mehr Steinfruchtnoten. Tipp: am besten selber kosten.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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