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„Goldene“ Köche

02.02.2007

Wenn Fanhorden mit Wikingerhelmen (Island), Kuhglocken (Schweiz) oder Samurai-Stirnbändern (Japan) auftreten, wenn riesige Nationalflaggen geschwenkt werden, Leute mit ebenso bemalten Gesichtern in der Gegend herumlaufen und wenn man schließlich vor lauter Anfeuerungsrufen und Fan-Tröten sein eigenes Wort nicht mehr versteht, dann ist entweder ein riesiger internationaler Sport-Event angesagt – oder der alle zwei Jahre stattfindende Bocuse d’Or in Lyon, der wahrscheinlich wichtigste internationale Kochwettbewerb der Welt.

An zwei Tagen kochen hier Teilehmer aus 24 Nationen aus der ganzen Welt um die Wette. Vorgegeben sind jeweils ein Fisch- (heuer waren es Heilbutt und Rote Königskrabbe aus Norwegen) und ein Fleischgericht (Bressehuhn), das auf einer Platte angerichtet wird und sowohl auf optische Präsentation wie auch auf Geschmack bewertet wird. Die Jury besteht aus jeweils einem Vertreter pro teilnehmender Nation („Bocuse d’Or Österreich“-Präsident und als solcher Jury-Mitglied ist Rudolf Obauer). Bewertet wird nach einem Punktesystem, wobei die jeweils beste und schlechteste Bewertung gestrichen wird.
Österreichs – von Hauptsponsor Qimiq unterstützter – Kandidat beim diesjährigen Bocuse d’Or war Thomas Göls (mit Commis Patrick Mihal), Sous-Chef im Wiener Drei-Hauben-Restaurant Meinl am Graben. Nach dem sechsten Platz, den Thomas Dorfer, Küchenchef bei Liesl Wagner-Bacher, 2005 erkocht hatte, waren die Erwartungen entsprechend hoch, doch heuer musste sich Österreich mit einem 13. Platz begnügen, was allerdings auch an den unglücklichen äußeren Umständen lag: Göls war der letzte Kandidat am zweiten Tag, während seiner Präsentation wurde im Backstage-Bereich bereits zusammengeräumt, die restlichen Kochkojen waren verwaist und sowohl bei der Jury wie auch beim Publikum war allmählich „die Luft draußen“.
Der Sieg ging – wie schon 2005 und insgesamt zum sechsten Mal – an Frankreich (Fabrice Desvignes) vor Dänemark (Rasmus Kofoed) und der Schweiz (Frank Giovannini).

Neues kündigt sich indes für die Zukunft des Bocuse d’Or an: Da die Anzahl der teilnehmenden Länder aus organisatorischen Gründen – mehr Bewerber kann die Jury nicht seriös beurteilen – auf 24 beschränkt ist, das weltweite Interesse daran aber ständig steigt, soll es künftig jeweils kontinentale Vorausscheidungen geben. Der erste „Bocuse d’Or Europe“ findet am 1. und 2. Juli 2008 in Stavanger, Norwegen, statt. Hier werden alle europäischen Anwärter an einer Teilnahme beim Finale in Lyon 2009 gegeneinander um eine noch zu bestimmende Teilnehmer-Anzahl antreten. Lediglich die besten sechs Nationen des heurigen Jahres sind für 2009 fix qualifiziert und können dem Bewerb in Stavanger demnach als „freies Training“ nutzen. Der Bocuse d’Or Europe soll dabei nach dem Willen der Veranstalter keine rein interne Ausscheidung werden, sondern ein eigener Wettbewerb mit Preisgeldern in der Höhe von mehreren tausend Euro.

Massive Kritik
Doch diese Neuerung hat nicht nur Anhänger, es gibt auch kritische Stimmen. Die ÖGZ sprach mit „Bocuse d’Or Österreich“-Präsident Rudolf Obauer.
ÖGZ: Herr Obauer, der europäische Ausscheidungsbewerb klingt nach mehr Gerechtigkeit bei der Auswahl der teilnehmenden Länder. Bislang waren das ja bisweilen recht willkürliche Entscheidungen. Was stört Sie daran?
Obauer: Diese Entscheidung wurde alleine von den Organisatoren getroffen. Uns Jurymitglieder hat kein Mensch befragt. Ich werde bei diesem Theater sicher nicht mitmachen. Ich halte den Aufwand an Zeit und Geld, den diese Neuerung kostet, für junge Teilnehmer für unzumut­bar, und ich sehe auch für mich die Aufgabe, wieder neue Sponsoren an Land ziehen zu müssen, als sehr schwierig an. Leider haben z. B. große Organisationen wie AMA oder ÖW keinerlei Interesse an diesem Bewerb. Abgesehen davon ist es auch für mich eine Zeitfrage. An erster Stelle steht immer noch mein eigenes Lokal. Für mich ist die Zukunft also völlig offen.
ÖGZ: Kritik kommt manchmal am Bewertungsmodus beim Bocuse d’Or auf, da die Herkunft der bewerteten Gerichte nicht anonym ist und manche Länder an die Jury sogar ganz offen Infomappen oder sogar Geschenke verteilen. Gibt das keine schiefe Optik?
Obauer: Nein, da sehe ich kein Problem. Das ist ja alles offiziell. Bedenklich wäre es, wenn die Geschenke unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Hotelzimmer landen. Und dass sowas keinen Einfluss auf die Bewertung hat, sieht man ja am Ergebnis. Das Ganze ist halt auch eine Messe, bei der die Teilnehmerländer ihre Produkte präsentieren und verkaufen möchten. Und was die Bewertung sonst betrifft: Das ist eben kein Skirennen, bei dem der Platzierung eine objektive Zeitnehmung zugrunde liegt. Ich würde den Bocuse d’Or bewertungstechnisch eher mit Eiskunstlauf vergleichen.
ÖGZ: Wie war das Niveau heuer allgemein?
Obauer: Es war exzellent. Das Niveau steigert sich von Jahr zu Jahr, der Aufwand wird immer größer. Und zum Abschneiden von Thomas Göls eine Bemerkung: Für sein Fischgericht hat er vom Schweizer Juror Philippe Rochat die zweithöchste Bewertung bekommen. Diese Note von einem Mann dieses Kalibers zählt für mich mehr als etwa ein achter Gesamtplatz.
ÖGZ: Was bringt einem jungen Koch die Teilnahme am Bocuse d’Or generell?
Obauer: Sich unter Wettbewerbsbedingungen mit anderen Top-Leuten zu messen, ist eine wichtige Erfahrung für jeden jungen Koch. Davon und von den Kontakten, die man hier knüpft, profitiert man sehr lange.

www.bocusedor.at, www.bocusedor.com

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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