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Großbaustelle Tourismus

05.10.2011

Wien. Die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft vida kritisieren die EU-Richtlinienentwürfe für Migration aus Drittländern, fordern aktive Initiativen für mehr Beschäftigung seitens der EU und  bemängeln die Arbeitsbedingungen im Tourismus.

vida-Vorsitzender Rudolf Kaske fordert attraktivere Arbeitsbedingungen im Tourismus

 „Kaum bewegt“ habe sich die Tourismusbranche, was die Verbesserung der Situation der Beschäftigten betrifft, erklärte vida-Vorsitzender Rudolf Kaske heute im Rahmen einer Pressekonferenz anhand von Daten einer Sonderauswertung des Hauptverbandes für das Jahr 2010. „Die Arbeitsbedingungen sind derart unattraktiv, dass die wenigsten im Tourismus alt werden wollen“, sagte Kaske. Kritik übten Kaske und AK-Experte Johannes Peyrl auch an den geplanten EU-Richtlinien zur Arbeitsmigration in die EU. AK-Experte Peyrl: „Die Richtlinien zielen auf eine vorübergehende Migration ab, also darauf, dass die Migranten nach getaner Arbeit die EU wieder verlassen. Derartige ‚Gastarbeiter-Programme’ sind als gescheitert zu betrachten.“

 

Nur sieben Monate Beschäftigung

Ablesbar sei die prekäre Situation vieler Tourismusbeschäftigter sowohl anhand der Beschäftigungsdauer als auch am geringen Durchschnittsalter in der Branche und an der bescheidenen Entlohnung, nannte Kaske Fakten. „Tourismusbeschäftigte waren im Jahr 2010 im Durchschnitt um einen Tag länger beschäftigt als 2009 oder 2008. Die Beschäftigungsdauer liegt damit weiterhin bei nur sieben Monaten im Jahr“, sagte Kaske. Inklusive Sonderzahlungen betrug der Durchschnittslohn im Tourismus 2010 gerade 1.565 Euro brutto, das Durchschnittsalter lag bei 34,3 Jahren. „Der Tourismus ist nach wie vor eine Fluchtbranche. Aus Beschäftigtensicht ist der Tourismus eine Großbaustelle – die Arbeitgeber müssen mehr Eifer beim Verbessern der Arbeitsbedingungen zeigen“, verlangte Kaske.

 

Bedarfsprüfung könnte hinfällig sein

„Uns geht es um menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Der EU-Kommission mit ihren Richtlinienentwürfen eher darum, dass es immer neue Beschäftigte gibt, die den Unternehmen möglichst billig kommen“, kritisierte Kaske die zwei Richtlinienentwürfe der EU zur Arbeitsmigration aus Drittstaaten. Bei der Saisonier-Richtlinie stört die Gewerkschaft besonders, dass im Entwurf von Saisoniers die Rede ist, es im Text aber keine Beschränkung auf bestimmte Branchen gibt. Zudem kann die Erlaubnis für bis zu drei aufeinander folgende Saisonen ausgestellt werden. „Das konterkariert die ‚Bedarfsprüfung’, die laut Entwurf weiter möglich sein soll“, so Kaske. AK-Experte Johannes Peyrl sieht auch die Richtlinie für die konzerninterne Entsendung als zu weit gefasst. Die Richtlinie soll die Entsendung von Arbeitskräften aus Drittstaaten in eine Konzern-Niederlassung in einem EU-Land erleichtern.

 

Forderung nach 1.300 Euro Mindestlohn

Auch den Jubel der Österreichsichen Hoteliersvereinigung über die angeblich gestiegenen Einkommen der Beschäftigten in der Hotellerie kann Rudolf Kaske nicht ganz nachvollziehen. "Ich würde den Beschäfigten derartige Einkommenssteigerungen von Herzen vergönnen. Allein, die amtlichen Statistiken sprechen eine andere Sprache als die Daten aus dem 'Lohnbenchmark', die die ÖHV veröffentlicht hat. Der Durchschnittslohn ist laut der amtlichen Statistik nur geringfügig gestiegen", sagt Kaske. Seine Forderung an die Arbeitgeber: Wir wollen für die Branche 1.300 Euro Mindestlohn im Kollektivvertrag verankern.

 

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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