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Gurkerl in der Minibar

30.10.2007

Der Chef macht mit werdenden Vätern Säuglings-Pflegekurse und Kinderwagenführerscheine, die Chefin ist ausgebildete Hebamme. Kurzum: Das Tiroler babymio ist ein Hotel mit scharfem und zugleich „babypopo-weichem“ Profil.

Lieber Gott, könnte ich das Ganze doch irgendwie rückgängig machen“, dachte sich Michael Seiwald als er vom abgetragenen Hoteldach hinunter in die Hotelgänge und Zimmer blickte. Der Regen hörte zwei Wochen lang nicht auf und brachte beinahe den Generalumbau zu Fall. Nicht aber die Entscheidung zu diesem rückgängig. Gut so. Der Umbau des 3-Sterne-Aktivhotels Kalkstein in Kirchdorf in Tirol im Jahr 2000 war für Michael Seiwald und seine Gattin Elfriede der erste große Schritt zur gewünschten Neupositionierung. Wie diese aussehen sollte, war im Jahr 2000 aber noch nicht ganz klar.

Michael Seiwald, 39, übernahm das Hotel 1997. Vater Michael Seiwald sen. stirbt tragischerweise ein halbes Jahr nach Übergabe mit 65 an Herzversagen. „Mein Vater hat den Betrieb 1962 errichtet und als kleine Pension geführt, die stufenweise immer weiter ausgebaut wurde.“ Der plötzliche Todesfall ändert alles. Michael und Elfriede Seiwald, 40, verschieben ihre Hochzeit. Geheiratet wird erst 1999. „Wir kennen uns seit wir Teenager waren. Zusammengekommen sind wir aber erst 1996“, erinnert sich Elfriede Seiwald. Sie arbeitet zum Kennenlern-Zeitpunkt im Bezirkskrankenhaus Wörgl als Hebamme.
Michael Seiwald hat eine klassische Gastronomieausbildung absolviert (St. Johann) und war viel im Ausland unterwegs (u. a. Schweiz, Singapur und St. Petersburg). Nach Österreich kehrt der Kirchdorfer zurück, um die Küchenmeister-Prüfung zu absolvieren. Die schicksalhafte Wiederbegegnung mit Elfriede führt 1996 dazu, dass er einen neuerlichen Auslandsjob in Brasilien storniert.

Elfriede kündigte ihren Job als Hebamme, gemeinsam pachtete man ein Restaurant in Alpbach in Tirol, bis der Übergabe-Wunsch von Michael Seiwald sen. das Paar 1997 heim nach Kirchdorf führte.
Die Betriebsnachfolge war in wenigen Worten abgehandelt. „Willst du es haben?“, fragte Seiwald sen. seinen Sohn. Einen Tag lang habe ihm sein Vater die nötigsten Dinge und Griffe im Betrieb gezeigt. Dann machten die Eltern Ernst und zogen aus.
„Es war besser so“, meint Michael jun. rückblickend. „Wir wollten unsere eigenen Erfahrungen machen.“ Mutter Sieglinde arbeitet im Betrieb übrigens noch als Wanderführerin mit.
Zum Zeitpunkt der Übernahme wird der familieneigene Betrieb als 3-Sterne-Hotel mit 40 Zimmern geführt. Seiwald sen. galt in den 60ern und 70ern als touristischer Pionier. Er war einer der Ersten in der Umgebung, der in den Zimmern Duschen einbaute, ein Freibad, bzw. später, ein Hallenbad errichtete.
„Ich hatte in der ersten Zeit nach der Übernahme Angst, etwas zu ändern“, kommentiert Seiwald jun. heute den Tritt in die Fußstapfen seines Vaters. „Mir ging es erst einmal darum zu überleben. Es war keine einfache Zeit.“
Das Standbein der Pension im Sommer waren französische Reisegruppen. Im Winter lief das Geschäft gut. „Im Sommer haben wir denselben Umsatz erwirtschaftet wie im Winter, nicht schlecht, aber halt in der doppelten Zeit.“
Mit Messeauftritten und verschiedenen Werbeaktionen versucht das Hotelier-Paar indes, neue Gästeschichten anzusprechen. Beide legen die Wanderführer-Prüfung ab und bieten Nordic-Walking-Kurse an. An der Hinterwand des Hotels errichten sie eine Kletterwand. Die Grundpositionierung des Hotels verschiebt sich weg von der Reisegruppen-Pension hin zum Familienhotel.

Nach Aufstockung und Renovierung einzelner Etagen erhält das Aktivhotel Kalkstein 2006 vier Sterne. „Ich wollte mich eigentlich keiner Marketingagentur anvertrauen, aber nach Fehlversuchen in alle Richtungen, war ich bereit, mich auf Fachleute einzulassen.“ Auf Agentur-Rat nehmen Michael und Elfriede Seiwald ihre engsten Mitarbeiter an die Hand und wagen einen eintägigen Workshop.
Aus dem Aktivhotel Kalkstein (20 Mitarbeiter, ca. 1 Mio. € Jahresumsatz) soll das „babymio“ werden, ein Hotel für Schwangerschaft, Geburt & Baby! Ein Jahr lang wird die Neupositionierung intensiv vorbereitet und konsequent in Angriff genommen. Im Mai 2007 erblickte das Vier Sterne Hotels „babymio“ dann das Licht der Welt.
„Das Potenzial steckte in uns selbst. Meine Frau ist ausgebildete Hebamme und sehr gut in ihrem Beruf. Sie hat eine große Erfahrung und Wissen. Für mich lag es nahe, daraus etwas zu machen. Ich wusste, das kann nicht jeder anbieten.“

Bemerkenswert ist übrigens, dass beim Workshop über die Neupositionierung nicht die Chefin das Stichwort Babyhotel auf einen Zettel schrieb. „Mein Mann und einige Mitarbeiter hatten diese Idee, ich selbst wäre gar nicht draufgekommen“, erzählt die Mutter von drei Kindern – Michael und Elena sind 7 und 6 Jahre alt, das jüngste, Markus, ist gerade drei Monate.
15 „hundertprozentig glückliche“ Paare haben sich innerhalb weniger Wochen nach Eröffnung im „babymio“ auf das bevorstehende Ereignis vorbereitet. Mit der Buchungslage zeigt sich Michael Seiwald zufrieden. „Urlaub und Geburtsvorbereitung zu kombinieren, ist ein ganz neues Produkt. Da braucht es noch Anlaufzeit.“ Doch der langfristige Erfolg scheint programmiert zu sein. Elfi Seiwald ist eine stimmige und authentische Identifikationsfigur der 200.000 Euro verschlingenden Neupositionierung (ohne Umbauten). Mit Begeisterung gibt sie bei einer Führung durch die Hebammen-Praxis ihr Wissen über Kräuter und Öle weiter.

In der hoteleigenen Hebammen-Praxis können werdende Eltern während des Urlaubs an Geburtsvorbereitungskursen, Still- und Ernährungsberatung, Entspannungsübungen, Kinderwagenführerschein für angehende Väter, Baby-Schwimmkurse und Babymassage, Wassergymnastik mit Atemgymnastik für Schwangere, Tragetuchkurs, Nordic Walking für Schwangere, Stillgruppe, Babysitterkurs für Geschwister, Schwangerschaftsgymnastik mit Partnerübungen, Rückbildungsschwimmen, Entspannung nach Jakobson, Beckenbodentraining, Babyschwimmen etc. teilnehmen. Selbstverständlich wird für Geschwister-Kinder eine Kinderbetreuung durch eine Kindergarten-Pädagogin angeboten. Selbst ein augenzwinkerndes Glas Essiggurken findet man in der Minibar.
Und auch Chef Michael Seiwald hat jetzt seine Star-Rolle gefunden. Als Vater dreier Kinder ist er Profi und führt höchstpersönlich den Säuglings-Pflegekurs samt Kinderwagenführerschein für angehende Väter durch.
Die Entscheidung einen gut gehenden Betrieb neu zu positionieren, bereuen die Seiwalds nicht. „Es ist aber schon wichtig, wenn man einen so konsequenten Wechsel macht, dass man vorher auch schon gut war.“ Schließlich sei die Neupositionierung auch mit einem Austausch der bisherigen Gästeschicht und insbesondere dem Austausch langjähriger Stammgäste verbunden.

Gute Kontakte zu Hebammen, Ärzten und Elternvereinen sowie bereits existierende Kooperationen mit Firmen, wie die deutschen Baby-Artikel Hersteller „baby walz“ und „belly button“, unterstützen die Vermarktung. Die Hotel-Idee wolle man konsequent weiterverfolgen und die Auslastung während des Gesamtjahres erhöhen. „Wir sind noch in einer Phase, wo wir kämpfen müssen wie die Löwen, um unser Produkt in Schwung zu bringen.“ *

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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