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Herr der Schnecken

23.10.2006

Mit Bedacht haben die Slow-Food-Gründer rund um Carlo Petrini im Jahr 1986 die Schnecke als Symbol gewählt: Nicht schriller Aktionismus, sondern genussvolle Nachhaltigkeit lautet das Motto.

Das Recht auf Genuss zu bewahren, so lautet eine der zentralen Botschaften von Slow Food. Ursprünglich in Italien gegründet und seit 1989 international, widmete sich Slow Food von Anfang an dem Kampf gegen die kulturlosen Auswüchse von Fast-Food-Ketten.
Es ist kein Zufall, dass die Gründung von Slow Food zeitgleich mit der Eröffnung der ersten McDonalds-Filiale Italiens einherging. Im Laufe der Jahre hat sich Slow Food ständig weiter entwickelt, ohne jedoch vom zentralen Credo, dem Recht auf Genuss, abzurücken.
Nachhaltiger Genuss für alle
Der hedonistische Ansatz ist zwar geblieben, doch ist im Laufe der Jahre eine eindeutig politische Dimension immer deutlicher hervorgetreten. So sprach Slow-Food-Gründer Carlo Petrini unlängst bei seinem Wien-Besuch von „Widerstand leisten“ und einem „Krieg gegen Multinationale.“
Außerdem gehe es laut Petrini nicht darum, dass eine kleine elitäre Gruppe von Feinschmeckern in den Genuss von echten, biologisch angebauten Spezialitäten komme, sondern darum, dass solche Nahrungsmittel auch für die breite Masse und den alltäglichen Verzehr erhältlich und leistbar werden.
Als Bühne für die­se Auseinandersetzung sieht Petrini aber nicht so sehr die politische Arena – also weder Rom noch Brüssel –, sondern die Märkte, wo Konsumenten ihre Lebensmittel kaufen.
„Ich mag die Ausdrücke ‚Konsument‘ und ‚Verbraucher‘ nicht, denn sie drücken eine passive Rolle aus. Schlussendlich ist es jedoch so, dass sie es in der Hand haben, zu entscheiden, was auf welche Art produziert wird. Bei bewusstem Genuss, der immer eine Auseinandersetzung mit der Herkunft der Nahrungsmittel voraussetzt, wäre die Bezeichnung Ko-Produzent eigentlich um Vieles treffender“, so Petrini.
Slow Food ist heute eine weltweit agierende Organisation mit 83.000 Mitgliedern in 122 Ländern. Alle zwei Jahre veranstaltet Slow Food den Salone del Gusto in Turin, der heuer von 26. bis 30. Oktober über die Bühne geht.

Regional organisiert sich Slow Food in Förderkreise (siehe Info-Kasten). Darüber hinaus wurde beim letzten Salone del Gusto vor zwei Jahren „Terra Madre“ präsentiert.
Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von „Lebensmittelbündnissen“, welche die gesamte Wertschöpfungsketten – vom Saatguthersteller über die Bauern bis hin zum Handel umfassen – und helfen sollen, traditionelle Produkte und Gerichte zu bewahren. „Ein erklärtes Ziel ist es dabei auch, die Biodiversität – also Vielfalt der Lebensmittel zu erhalten“, so Petrini.
Österreich: Zivilisiertes Land
Darauf angesprochen, wieso die Mitgliederzahlen in Österreich stagnieren, erwiderte Petrini: „So wie Italien ist Österreich ja noch ein relativ zivilisiertes Land, wo es nach wie vor landwirtschaftliche Produzenten gibt, die lokale Sorten in nachhaltiger Art und Weise anbauen. Der Leidensdruck ist hier also nicht so hoch wie etwa in England oder Nordeuropa, wo auch der Großteil der Landwirtschaft ein industrielles Agrobusiness ist.“
Ein weiterer Grund, den Petrini nicht ansprach, dürfte in der bürokratischen Organisationsstruktur von Slow Food liegen.
Es ist zwar verständlich, dass die Slow-Food-Zentrale in Italien sicher gehen will, dass Name und Logo nicht für kommerzielle Zwecke missbraucht und nur für Aktivitäten eingesetzt werden, die sich mit den Zielen von Slow Food decken. Gleichzeitig bremsen diese bürokratischen Vorgaben hierzulande zahlreiche positive Aktivitäten.
Außerdem ist ein Zusammenarbeiten mit anderen Initiativen, die ähnliche Ziele verfolgen, fast unmöglich, egal ob es sich um regionale Wirte-Kooperationen, wie die Kärntner Spargelwirte, oder gemeinsame Vermarktungsinitiativen von Produzenten wie „De Merin“ in Straden oder das Vulkano-Land rund um die Riegersburg handelt.
Insofern ist Slow Food in Österreich „nur“ eine Stimme im immer lauter werdenden Chor, der sich für die Förderung von nachhaltigem kulinarischen Genuss einsetzt. Aber das Geheimnis eines großen Chors ist nun einmal, dass er sich aus vielen guten Einzelstimmen zusammensetzt.
Info
Slow-Food-Organisation
Slow Food ist eine Non-Profit-Vereinigung mit Sitz in Bra (Piemont) und koordiniert die Entwicklungsstrategien für die verschiedenen Länder. Zur Selbstfinanzierung hat Slow Food zwei Töchtergesellschaften gegründet: Slow Food Promozione organisiert Großveranstaltungen (Salone del Gusto, Slow Fish in Genua, Cheese in Bra) und den Verlag Slow Food Editore, der mittlerweile rund 70 Titel heraus gibt (darunter die beiden Osteria-d’Italia- und Vini-d’Italia-Führer).
Seit zwei Jahren betreibt Slow Food in Pollenzo und Colonro die „Universität der gastronomischen Wissenschaften“, eine private, aber vom italienischen Staat anerkannte Hochschule mit dreijährigem Ausbildungsprogramm.
Die Ziele von Slow Food werden vor Ort von Convivien getragen. Dazu gehören u. a. Geschmacksschulungen und Förderungen von lokalen Herstellern durch Produktpräsentationen, Verkostungen, Themendinners und ähnliches.
In Österreich hat Slow Food derzeit rund 760 Mitglieder und ist in 10 regionale Convivien organisiert:
– Linz: Klaus Hofstadler,
– Südburgenland: Sandra Trummer
– Vorarlberg: Sigi Schmidt
– Tirol: Christian Burkia
– Wien: Christa Hanten
– Styria: Manfred Flieser
– Waldviertel: Helmut Hundlinger
– Osttirol: Alexandra Urso-Tabernig
– Wachau_plus: Karin Kuna
– Lungau: Gunther Naynar
Ein weiteres Convivium in Kärten wird derzeit von Erwin Jäger (0463/57 354 bzw. www.delijaeger.com) in Klagenfurt „wieder belebt“.
www.slowfoodaustria.at bzw. www.slowfood.com

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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