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Hörgenuss ohne Barrieren

11.06.2015

Menschen mit Behinderung haben es auch beim Reisen schwer.Die Familie Döllerer in Salzburg hat ihren Betrieb für die Bedürfnisse hörbeeinträchtigter Menschen eingerichtet

Text: Gerhard Reiter

Es ist ja kaum zu glauben, dass es so lange gedauert hat, bis sich ein Hotelier endlich dieser Zielgruppe angenommen hat“, sagt Hannes Reichl. Er betreibt seit fünf Jahren die „Hörwelt“ mit österreichweit insgesamt sieben Fachgeschäften. Reichl ist der Hoteliersfamilie Döllerer in Golling mit fachlichem Rat zur Seite gestanden. Ergebnis ist ein System, das in vorerst fünf Hotelzimmern, im Empfangsbereich sowie im Seminarraum installiert wurde und als „Induktives Hören“ bezeichnet wird. Hotelchefin Christl Döllerer, Ehefrau des bekannten Spitzenkochs Andreas Döllerer, erklärt das Prinzip: „Das System ermöglicht Menschen mit Hörbehinderung, die ein Hörgerät tragen, ein wesentlich besseres Hören. Die Menschen sollen das, was sie auch wirklich hören sollen, gut verstehen, während der sogenannte Störschall auf ein Minimum reduziert wird.“

Dazu muss ein induktives Feld geschaffen werden, erläutert Experte Hannes Reichl: „Der Raum wird mit einer Ringleitung versehen. Das sind normale Elektrodrähte mit einem gewissen Mindestdurchmesser, je nach Größe des Raumes. Die Drähte werden in der Mauer verlegt, zudem braucht es einen induktiven Sprachverstärker. Dieser speist die Signale, die über ein Mikrofon kommen, in das induktive Feld ein, das über eine Induktionsspule im Hörgerät des Gastes mit diesem verbunden ist. Das Signal kommt als induktives Signal zum Sprachverstärker und wird im Hörgerät in ein akustisches Sprachsignal umgewandelt.“

Hören, ohne zu stören
In den Zimmern der Döllerers für barrierefreies Hören sind Fernseher, Radio und Telefon ans System angeschlossen, was bereits auf positive Resonanz stößt: „Es nützt nicht nur den Hörbeeinträchtigten selbst, sondern auch deren Nachbarn. Denn wer Hörprobleme hat, dreht sein Gerät oft derart laut auf, dass es den Partner oder sogar Zimmernachbarn stört. Mit diesem System hingegen kann ich mit Zimmerlautstärke in guter Qualität Fernsehen oder Radio hören, ohne dass andere dadurch gestört werden“, erklärt mir ein hörbeeinträchtigter Hotelgast während meiner Recherche. Voraussetzung ist in all diesen Fällen allerdings das Tragen eines Hörgeräts mit Induktionsspule.

Die Familie Döllerer ist bei der Investition noch einen Schritt weitergegangen und hat die Zimmer auch mit einem Hotelset ausgerüstet, das aus Wecker, Signallampe und Türklingel besteht: Läutet ein Gast am Hotelzimmer, so wird dieses Signal zusätzlich in ein optisches Signal umgewandelt, indem eine Blitzlampe aufleuchtet oder ein Vibrieren unter dem Kopfkissen zu verspüren ist. Dasselbe passiert beim Wecken. „Das alles ist ein zusätzlicher Sicherheitsmechanismus für hörbeeinträchtigte Menschen“, erklärt Christl Döllerer.

Die Investition für die getätigten Maßnahmen hält sich in Grenzen: „Für die Ausstattung von vorerst fünf Zimmern, Rezeptionsbereich sowie Seminarraum hat die Familie Döllerer rund 7.000 Euro investiert. Das war so günstig möglich, weil die Maßnahmen parallel zu anderen Umbauarbeiten getätigt wurden“, sagt Hannes Reichl.

Markt wird unterschätzt
In Österreich dürften die Döllerers Pionierarbeit geleistet haben: „Mir ist bisher kein anderes Hotel in unserem Land mit einer derartigen Einrichtung bekannt“, so Reichl. Was den Hörexperten selbst verblüfft: „Der Markt wird völlig unterschätzt. In Deutschland und in Österreich hat etwa jeder Zehnte in der Bevölkerung Hörprobleme. Alleine in Deutschland tragen bereits drei Millionen Menschen ein Hörgerät, und in Österreich sind es immerhin fast 300.000 – Tendenz weiter steigend, was sich schon aus der demografischen Entwicklung ergibt“, betont Reichl. Die Tourismuswirtschaft habe in Sachen barrierefreies Hören noch enormen Aufholbedarf.

www.doellerer.at

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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