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Hygiene ist keine Hexerei

26.05.2011

Der deutsche Hygieneexperte Klaus-Dieter Zastrow im ÖGZ-Interview über das  „ein Lappen, 35 Toiletten"-Problem und den Nutzen eines Hotelhygienechecks

Dem Reinigungspersonal kommt bei der Hotelhygiene eine Schlüsselrolle zu. Auf der einen Seite geht es um eine qualifizierte Ausbildung, auf der anderen Seite muss das Etagenmanagement genügend Zeit für die professionelle Reinigung der Zimmer einplanen

Klaus-Dieter Zastrow ist seit 2002 Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an den Vivantes-Kliniken Berlin. Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten liegt im Bereich Krankenhaus, wo er von der Projektplanung bis zum Alltag mit der ganzen Palette der Hygienethematik befasst ist. Außerhalb des Gesundheitswesens zählen Hotellerie und Küchen zu den thematischen Schwerpunkten des Instituts.


ÖGZ
: Herr Professor Zastrow: Die Reinigung zählt in jedem Hotel zum Routinealltag. Was lässt sich generell über den Hygienestatus in der Hotellerie sagen?
Klaus-Dieter Zastrow: Eine generelle Beurteilung ist natürlich nicht möglich. Es gibt alle erdenklichen Hygienestandards, von sehr gut bis inakzeptabel und das auch bei sämtlichen Hotelstandards. Ein Luxushotel ist also nicht von vornherein hygienisch gepflegter als z. B. ein Zwei-Sterne-Betrieb. Auch denke ich, dass ein augenscheinlich dreckiges Hotel nicht wirklich ein Risiko darstellt. Wenn man die Hygieneprobleme auf den ersten Blick sieht, dann geht man wieder und sucht sich ein anderes Quartier.

ÖGZ: Wo sind Ihrer Ansicht nach die kritischen Punkte?
Zastrow: Gefahren lauern immer dort, wo ich nichts sehe. Ein Klassiker ist da das „ein Lappen, 35 Toiletten“-Problem. Zweifellos erfordern Nassräume und Toiletten besondere Aufmerksamkeit. Hier gibt es eine Reihe von Flächen, wo ein möglicherweise erkrankter Gast seine Krankheitserreger hinterlassen und einen nachfolgenden Bewohner anstecken kann. Daher ist es sehr wichtig, diese Flächen mit Sorgfalt und den richtigen desinfizierenden Mitteln zu reinigen. Auch Zahnputzbecher stellen so eine Risikoquelle dar. Und größte Aufmerksamkeit muss den Duschen gewidmet werden, denn hier kann es unter Umständen zur Legionellenbildung kommen. Im Regelfall geht es bei der mangelnden Hotelhygiene wohl weniger um Gesundheitsgefährdung als um ein vermeidbares Ekel­empfinden des Gastes. Legionellen in Duschen sind allerdings wirklich ernsthaft gefährlich und können – wie es in der Praxis leider bisweilen passiert – bis zum Todesfall gehen.


ÖGZ
: Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen für das Versagen bei der Reinigung?
Zastrow: An sich ist es keine Hexerei, die Räumlichkeiten sauber zu halten.
Klaus-Dieter Zastrow: Wichtig ist, dass entsprechend hochwertige Reinigungsmittel verwendet werden, die möglichst keine Keime auf den gereinigten Oberflächen hinterlassen.
Ganz entscheidend sind freilich die Mitarbeiter, die für die Reinigung verantwortlich sind. Einerseits müssen sie entsprechend geschult sein und über die kritischen Bereiche entsprechend Bescheid wissen. Vor allem aber muss ihnen das Hotel genügend Zeit geben, damit sie eine sorgfältige Reinigung vornehmen können.


ÖGZ
: Ein anderer kritischer Bereich ist das Bett. Welche Risiken sehen Sie bei der Reinigung der Bettwäsche?
Zastrow: Theoretisch sollte es keine geben. Moderne Waschmaschinen liefern bei richtiger Bedienung hygienisch einwandfrei Ergebnisse. Wenn die Wäsche ordentlich, soll heißen mit den richtigen hohen Temperaturen gewaschen wird, wird es keine Hygieneprobleme geben. Freilich können in den Hotels Rahmenbedingungen herrschen, die das unterlaufen. Wenn man etwas beim Waschmittel oder dem Stromverbrauch spart und mit niedrigen Temperaturen wäscht, steigt das Hygienerisiko. Und auch ist wiederum das Know-how der Mitarbeiter – von der Bedienung der Geräte bis zu den Kenntnissen über die Textilien – ein entscheidender Faktor.

ÖGZ: Was halten Sie vom Outsourcing des Wäschebereichs?
Zastrow: Aus hygienischer Sicht ist das sicher eine gute Option. Freilich gibt es da seriöse und weniger seriöse Anbieter. Auch hier kann das Personal eine Schwachstelle bilden. Gute gewerbliche Wäschereien reinigen
die Wäsche nach klaren Standards mit chemisch-thermischen Waschverfahren, und damit ist das Risiko einer Keimbelas­tung praktisch ausgeschlossen.

ÖGZ: Ein weiterer Hotspot für mögliche Belas­tung ist die Matratze. Was schlagen Sie dazu vor?
Zastrow: Ja, in den Matratzen kann sich im Lauf der Zeit schon einiges Unappetitliche ansammeln. Dazu gibt es allerdings eine einfache Lösung, die freilich mit einer Investition von ca. 90 € pro Stück verbunden ist. Für Matratzen gibt es spezielle Überzüge, sogenannte „encasings“, wie sie auch in Pflegeheimen oder Krankenhäusern verwendet werden. Diese sind leicht zu reinigen, bakterien- und milbendicht, die Matratzen bleiben damit vor Außeneinflüssen grundsätzlich geschützt.


ÖGZ
: In Deutschland haben sich drei Hygieneinstitute zusammengetan und eine Art Hygienezertifikat, den „Hotelcheck Hygiene“, ins Leben gerufen. Sie selbst haben die Kritierien dafür erarbeitet. Was kann man davon erwarten?
Zastrow: Das ist sicher ein begrüßenswertes Projekt. Darin werden die Aspekte der Textilhygiene, der Gebäudereinigung und der Lebensmittelhygiene zusammengeführt. Hotels haben damit die Möglichkeit, ihren Hygienestatus im sämtlichen Bereichen zu erheben, die Mängel zu beseitigen und die qualifizierten Standards dieses „Hotelchecks Hygiene“ gegenüber den Gästen zu kommunizieren.


ÖGZ
: Wie läuft so ein Check ab?
Zastrow: Der Tester kommt unangemeldet in den Betrieb. Geprüft werden die kritischen Punkte, wie schon erwähnt Wasserhahn, Duschkopf, Gläser, Kopfkissen etc. Das Ganze ist zwar
eine Momentaufnahme, sie trägt aber sicher dazu bei, dass in diesem Hotel auf hohem Niveau gearbeitet wird. Bei den Gästen fällt ein solches Zertifikat sicher auf fruchtbaren Boden. Denn eines ist klar: Der Stellenwert der Hygiene gewinnt generell weiterhin an Bedeutung.

Interview: Dieter Koffler

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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